Mammuth

Sind das nicht die schönsten Rollen, in denen Schauspieler einfach so sein dürfen, wie sie sind? Gérard Depardieu jedenfalls empfand dies so, nachdem er in der höchst schrägen Komödie von Benoît Delépine und Gustave Kervern der zottelige Ex-Schlachter Serge Pilardosse sein durfte. Unterwegs auf einem alten Motorrad fährt er an Orte seiner Vergangenheit und lernt, auch neue Seiten an sich selbst, vor allem aber die Liebe zum Leben zu entdecken.

Webseite: www.x-verleih.de

Frankreich 2010
Regie: Benoît Delépine & Gustave Kervern
Darsteller: Gérard Depardieu, Yolande Moreau, Isabelle Adjani, Miss Ming, Benoit Poelvoorde, Albert Delpy
92 Minuten
Verleih: X-Verleih
Kinostart: 16.9.2010
 

PRESSESTIMMEN:

Melancholisches Roadmovie in grobkörnigen Bildern und voll mit boshaftem, absurdem Humor. Der unkaputtbare Gerard Depardieu mal wieder in bester Form.
KulturSPIEGEL

Seltsam, sozialkritisch und vor allem sehr komisch.
Stern

FILMKRITIK:

Da sitzt er nun vor einem 2000-Teile-Puzzle, das ihm die Kollegen aus der Schlachterei zum Abschied in den Ruhestand geschenkt haben. Zeit dafür hätte Serge Pilardosse (Gérard Depardieu) ja nun. Doch puzzeln ist nicht Sache des tumb wirkenden Kolosses, der von seiner Statur und seinen langen fettigen Haaren ganz an Mickey Rourkes Figur „The Wrestler“ erinnert. Die Äußerlichkeit scheint jedoch nicht die einzige Gemeinsamkeit mit dem in seiner eigenen Welt gefangenen Oldie zu sein. Auch mit seiner Zukunft weiß der ausgebrannte Hüne nicht viel anzufangen. Schon an seinem ersten Tag als Rentner widerfahren ihm seltsame Dinge und ist zu erahnen, dass die plötzliche Freiheit und reichliche Freizeit ihm und seiner resoluten wie missmutigen Frau (Yolande Moreau) eher Konflikte denn Freude über gemeinsame Stunden bringen wird.

Da trifft es sich gut, dass Pilardosse von der Rentenbehörde geraten bekommt, Verdienstbescheinigungen früherer Arbeitgeber beizubringen, auch wenn sich dies bei all den lausigen Aushilfsjobs und windigen Chefs als reichlich schwierig herausstellt. Auf seiner alten, lange nicht mehr bewegten Münch-Mammut aus den 70er Jahren macht sich das menschliche Mammut auf zu den Stationen seines früheren Lebens. Die Begegnungen auf dieser Reise in die Vergangenheit reiht das auf skurrile Außenseitergeschichten spezialisierte Filmemacherduo Benoît Delépine und Gustave Kervern („Louise hired a contract killer“, „Aaltra“) ohne erkennbaren Handlungs- oder Entwicklungsfaden aneinander. Wiederkehrend sind allein die Traumsequenzen, in denen sich Pilardosse an jenen tragischen Moment erinnert, der seine frühere Geliebte Yasmine auf dem Rücksitz seines Motorrads das Leben kostete.

Isabelle Adjani spielt das sicher bewusst übertrieben geschminkte Unfallopfer als ein Gespenst aus einem schlechten Horrorfilm, ein Geist eben, der den nun in die Jahre gekommenen alten Mann möglicherweise zu jenem menschenscheuen Wrack gemacht hat, das er vielleicht erst durch diesen Schicksalsschlag geworden ist. Immerhin bringen ein Mundharmonika spielender Totengräber, seine auf seltsamen Künstlerpfaden wandelnde Nichte (Miss Ming) und ein wie in jungen Jahren gegenseitiger Selbstbefriedigung nicht abgeneigter Cousin den Antihelden auf andere Gedanken.

Mehr der seltsamen, wie aus heiterem Himmel in den Film fallenden Ereignisse sollten aber nicht preisgegeben werden, lebt diese zwischenrein auch immer wieder mit grobkörnigen und retromäßig mit einer 16-mm-Kamera aufgenommenen Bildern angereicherte Anarcho-Komödie doch von ihrer Vielzahl schräger und skurriler Einfälle. Man kann sich gut vorstellen, welchen Spaß es Gérard Depardieu gemacht haben muss, hier einfach nur der traurig traumatisierte Brummbär sein zu dürfen, der langsam entdeckt, dass er – trotz aller Missgeschicke, die ihm auch auf seiner Reise passieren – gar nicht der Idiot ist, für den alle anderen ihn halten und gehalten haben. Vor allem die verrückte Nichte ist es, die ihm mit ihrer Naivität und kreativen Seele die Augen für das Schöne im Banalen öffnet, ihn die Poesie des Lebens und der Fantasie entdecken lässt – und nicht zuletzt die Liebe zu seiner nicht minder originellen Frau. Manchmal braucht es eben einen Trampel wie diesen Serge Pilardosse, um diese heilbringende Botschaft verständlich zu machen.

Thomas Volkmann

Von Benoit Delépine und Gustave Kervern ist „Louise Hires a Contract Killer“ noch in bester Erinnerung. „Mammuth“ schlägt in die gleiche Kerbe.

Serge, wegen seiner Größe, seiner schlaksigen Gestalt, seiner Zottelhaare und seines Körperumfangs „Mammuth“ genannt, war lange Jahre Metzger. Jetzt ist es Zeit, in Rente zu gehen. Von den Kollegen wird er rührend verabschiedet und bekommt ein Puzzle geschenkt. Das Problem: Mit seinem Ruhestand weiß Serge nichts anzufangen.

Außerdem ist seine Frau Catherine nicht immer gut drauf. Sie liebt Mammuth zwar, sie, die Supermarkt-Kassiererin, meckert aber oft an ihm herum.

Mit dem Papierkram nahm Serge es in seinem Leben nie richtig ernst. Jetzt fehlen für die Rente eine ganze Menge Nachweise. Was tun? Er muss sich aufs Motorrad schwingen und durch die Gegend – und noch einmal durch sein Leben fahren.

Kuriose Stationen sind da zu absolvieren: bei einem Totengräber; in einem marokkanischen Nachtclub, aus dem er hinausfliegt; mit einer angeblich behinderten Frau, die ihn
betrügt; im Haus seines Bruders, wo ihm seine Nichte, die halb verrückte aber ihn zugleich betörende Miss Ming, beibringt, wie er sich aus der Umklammerung durch sein früheres Leben befreien kann.

Und immer wieder hält er im Stillen imaginäre Zwiesprache mit seiner ersten Liebe, die er durch einen Unfall verlor.

Gérard Depardieu ist Mammuth, Yolande Moreau Catherine. Schon dass man die beiden Ausnahmeschauspieler gemeinsam verpflichten konnte, war die halbe Miete. Sie verkörpern ihre Rollen auf frappierende Weise. Und nicht nur das. „Mammuth“ wurde sogar für Depardieu geschrieben.

Der in einfachem Stil gehaltene Film ist witzig, schrullig, originell, sympathisch. Die leichte Melancholie wird durch den

in ein befreiendes Weiterleben führenden Schluss aufgehoben. Sogar eine leichte Kritik der bestehenden Arbeitsbedingungen scheint durch.

Wieder ein besonderer, ulkiger und liebenswerter Wurf der beiden Autoren und Regisseure.

Thomas Engel