Mantra – Sounds into silence

Musik ist Balsam für die Seele. Ganz besonders gilt das für Klänge und Sounds, die einladen zur Entspannung und zur Meditation. Die in Barcelona lebende Filmemacherin Georgia Wyss stellt in ihrer Dokumentation eine Szene vor, die längst eine Fülle von „Stars“ hervorgebracht hat, die sich selbst jedoch weniger als Künstler sehen denn als Vermittler für das gemeinsame Singen von Mantras. Dass Singen der Seele gut tut – hier kann man es sehen und natürlich auch spüren. Seine beruhigende Wirkung auf das Gehirn ist auch wissenschaftlich belegt.

Webseite: www.mantra-film.de

Spanien, Deutschland 2017 – Dokumentation
Regie & Buch: Georgia Wyss
Mit Deva Premal & Miten, Manose, Krishna Das, Jai Uttal, Snatam Kaur, MC Yogi, Dave Stringer, C.C. White, Nina Rao u.v.m.
Länge: 85 Minuten
Verleih: Alpenrepublik
Kinostart: 7. Juni 2018
 

FILMKRITIK:

Schneller, höher, weiter – so diktiert es der Alltag allenthalben und der Mensch hetzt mit. Das dringende Bedürfnis nach Entspannung und Ausgeglichenheit hat in der Gegenbewegung zur Beschäftigung mit östlichen Meditationspraktiken geführt, allen voran Yoga. Das dort bereits übliche Singen von Gebetsformeln und Mantras wiederum hat über die vergangenen Jahre auch in der westlichen Welt eine eigene Dynamik entfaltet und sich zur sogenannten Kirtan-Bewegung ausgeweitet. Damit gemeint ist das gemeinsame Singen und wiederholte Rezitieren heiliger Silben, Worte oder auch Verse eines Mantras. Die Filmemacherin Georgia Wyss stellt in ihrer Dokumentation eine ganze Reihe von Künstlern und Musikern vor, die bei Yoga-Festivals, Konferenzen, Retreats und längst auch Saalkonzerten auftreten und ihre Zuhörer zum Mitsingen bewegen und animieren. Dabei kommt heraus, dass auch der ein oder andere Künstler einstmals selbst über diese Form der Musik den Weg aus einer persönlichen Lebenskrise geschafft hat. Doch um die Musiker selbst geht es weniger, das Singen und seine Wirkung stehen klar im Vordergrund.
 
Ja, singen, insbesondere in Gemeinschaft, tut gut, das zeigt sich aktuell auch in der Vielzahl junger Chöre in Städten und Gemeinden. Dass der Effekt von Mantras auf das Gehirn wissenschaftlich belegt ist, bestätigt in einer kurzen Sequenz der Neurowissenschaftler Andrew Newberg. Und der Amerikaner Stephen Rechtschaffen, Gründer eines Meditationszentrums in New York und Mitveranstalter des „Ecstatic Chant Festivals“, der sich mit der Entwicklung nachhaltiger Gemeinschaften und Lebensentwürfe befasst, sagt über die Wirkung von Meditation und Mantra auf den Körper: „Singen ist eine Gelegenheit, unser System wieder aus einem übersteigerten Lebenstempo in seine natürliche Taktung zu bringen.“
 
Georgia Wyss setzt diese Aussage in ihrem Film immer wieder auch optisch um. Großstadtleben und Autoverkehr im Schnelllebigkeit simulierenden Zeitraffer kontrastieren mit ruhigen Landschaftsbildern, und spätestens wenn dann wieder ein Kirtan-Musiker – egal ob er auf seinem eigenen spirituellen Weg über die Kundalini-Bewegung, Hare Krishna oder ein anderes Ashram kam – seinen besonderen Stil zum Besten gibt und man in die entspannten Gesichter der Zuhörer und Mitsänger blickt, dann ist man auch selbst von den positiven Schwingungen der Musik ergriffen. Es gibt sogar ein Beispiel, wie junge Inder auf diesem Weg wieder in Berührung kommen mit den ursprünglichen Klängen ihrer Kultur.
 
Wer die Szene nicht kennt, lernt viele neue Namen kennen und auch deren unterschiedlichste Spielarten. Manche klingen ganz ursprünglich nach Indien, andere nach Esoterik und Schweben, bei der Künstlerin C.C. White geht’s stimmungsmäßig fast schon Richtung Jazz und Soul, bei MC Yogi Richtung Rap. Unverkennbare Stars, das wird ebenfalls deutlich, sind die New-Age-Sängerinnen Snatam Kaur und die aus Deutschland stammende Deva Premal, deren heller Gesang an Joni Mitchell erinnert. Seit über 20 Jahren wird Deva Premal vom britischen Gitarristen und Sänger Miten begleitet, 17 Alben mit hinduistischen Sanskrit-Mantras und atmosphärischen Songs haben sie bereits eingespielt, die Verkaufszahlen belaufen sich auf über eine Million. Auf Konzerten mit dabei ist auch der nepalesische Flötist Manose. „Durch Kirtan verbinden wir uns alle auf tiefer Ebene, jenseits von Persönlichkeit, Nationalität und Sprache“, sagt im Film Miten. Dass dem so ist, bekräftigen nicht nur die Insassen eines Gefängnisses in San Francisco sowie eine amerikanische Kunsthändlerin – man selbst ist nach diesen entspannenden 90 Minuten ebenfalls berührt. Um es abschließend mit einem der mitwirkenden Kirtan-Musiker zu sagen: „If we can change the ecology of our hearts, then we can change the ecology of what surrounds us“. Ein Film mit Tiefenwirkung also.
 
Thomas Volkmann

Als Kirtan wird eine Form des gemeinsamen Singens bezeichnet, die im Zuge der Popularisierung von östlichen Philosophien und Meditation auch im Westen zunehmend beliebt wird. Mit diesem Trend beschäftigt sich Georgia Wyss in ihrer Dokumentation „Mantra – sounds into silence“, allerdings eher in die breite, als in die tiefe.

Den Begriff Mantra haben die meisten wohl schon gehört, was genau sich hinter dem Wort verbirgt ist schon schwieriger zu sagen. Hier nimmt Georgia Wyss Dokumentation „Mantra – sounds into silence“ ihren Ausgangspunkt und beginnt eine Reise um die Welt. Auf zahlreichen Musikfestivals, bei Meditations-Retreats und anderen Veranstaltungen hat die Regisseurin Musiker und Zuhörer gefilmt, um aufzuzeigen, wie mit der Kraft des Gesangs zur inneren Ruhe gefunden werden kann.

Im Zentrum steht dabei das Mantra, ein Wort aus dem Sanskrit, das sich aus den Wörtern Manas: Geist, und Tram: Schutz zusammensetzt, also grob übersetzt Schutz des Geistes bedeutet. Manche Mantras bestehen nun nur aus einem Wort, andere aus mehreren Silben, manche werden im Stillen vor sich hin gesagt, andere gemurmelt – oder eben gesungen. Gemein ist all diesen Formen eine repetitive Qualität, die nicht zuletzt in Verbindung mit den typischen Instrumenten der indischen Musik leicht hypnotisch wird. Und die spezielle Form des Gesangs, bei der Vortragender und Zuhörer abwechseln singen, wird als Kirtan bezeichnet.

Wie so viele Aspekte östlicher Philosophie und Spiritualität, die in den letzten Jahrzehnten zunehmend im Westen entdeckt wurden, fand auch das Kirtan seinen Weg zu an bukolischen Orten wie Korfu ausgerichteten Retreats, in Bürger westlicher Kulturen sich auf die Suche nach spiritueller Erfüllung begaben, meditierten, Gurus lauschten und beim gemeinsamen singen von Kirtans ein Maß an Ruhe und Ausgeglichenheit suchten, der ihnen in der schnelllebigen, modernen Welt zunehmend abhanden gekommen war.

Dass ist zumindest eine lose Narration, die Wyss in ihrem Film zu etablieren versucht, der weitestgehend aus zwei Elementen besteht: Bildern von aus der Szene bekannten Musikern wie Deva Premal, Miten oder DJ Yogi, die von der Kraft des Kirtans berichten und die man bei Auftritten in aller Welt beobachtet. Und kurzen Interviews mit Menschen, die aus dem ein oder anderen persönlichen Grund zur Meditation und dem Singen von Kirtans gefunden haben und von ihren Erfahrungen berichten.

Ein wenig repetitiv ist diese Struktur, zwar immer wieder von spannenden Szenen unterbrochen – besonders einem Auftritt der Musiker im Hochsicherheitsgefängnis San Quentin, wo zu langjährigen oder lebenslangen Haftstrafen verurteilten dank der Musik für ein paar Momente ein selten erlebtes Glücksgefühl haben – spannende Aspekte des Themas werden jedoch nur gestreift.

Das in und her zwischen Ost und West etwa, die gegenseitige Befruchtung der Traditionen: Kam das Kirtan einst aus der östlichen Tradition in den Westen, entdecken manche Inder nun durch den Einfluss westlicher Musiker und ihrer Kunst ihre eigenen Traditionen neu. Doch dieser Aspekt wird nur kurz angerissen, was am Ende einer im Ansatz interessanten, aber doch etwas oberflächlichen Dokumentation das Gefühl hinterlässt, dass es zum Thema Mantra noch sehr viel mehr zu sagen gäbe, als es Georgia Wyss in „Mantra – sounds into silence“ getan hat.

Michael Meyns