Marianne & Leonard: Words of Love

Ein Porträt des legendären Leonard Cohen, aber noch mehr eine Ode an die 60er Jahre ist Nick Broomfields „Marianne & Leonard: Words of Love“, während die zweite Figur des Titels – Cohens zeitweilige Geliebte und Muse Marianne Ihlen – eher eine Randfigur bleibt. Das mag man bedauern oder sich an den stimmungsvollen Archivaufnahmen einer bukolischen Ära erfreuen – und der unsterblichen Musik Cohens.

Webseite: www.marianneandleonard.com

Dokumentation
USA 2019
Regie: Nick Broomfield
Länge: 102 Minuten
Verleih: Piece of Magic Entertainment/Filmagentinnen
Kinostart: 7. November 2019

FILMKRITIK:

„Now so long, Marianne / It's time that we began to laugh / And cry and cry and laugh about it all again“ singt Leonard Cohen in einem seiner bekanntesten und schönsten Lieder “So long, Marianne“, den er 1967 schrieb. Damals steckte der 1934 geborene Kanadier mitten in einer langjährigen Affäre mit der Norwegerin Marianne Ihlen, die in den 60er Jahren an einem Ort begann, der damals wohl so nah am Paradies war, wie man auf Erden sein konnte: Der griechischen Insel Hydra, auf der sich eine kleine Kolonie von Künstlern, Libertären und Freidenkern zusammengefunden hatten, die zwischen bukolischer Landschaft, unter der gleißenden Sonne und mit Hilfe von Alkohol, Tabak, Speed und LSD, das Leben und vor allem die freie Liebe genossen.
 
Zu ihnen zählte Leonard Cohen, der Anfang der 60er Jahre noch kein Songschreiber und Sänger war, sondern Romane verfasste. Zu ihnen zählte auch Marianne Ihlen, die mit ihrem ersten Mann und ihrem kleinen Sohn Axel auf die Insel kam und bald zur Geliebten und Muse vieler Männer wurde. Zu denen auch der Teenager Nick Broomfield zählte, der nur kurze Zeit auf der Insel verbrachte, eine kurze Affäre mit Ihlen hatte, aber weniger gut mit dem Diktat der offenen Ehe und freien Liebe umgehen konnte als etwa Leonard Cohen.
 
Jahre später überzeugte Ihlen Broomfield davon, es als Filmemacher zu versuchen, ein fruchtbarer Rat, der inzwischen zu filmischen Biographien über Musiker wie Kurt Cobain und zuletzt Whitney Houston geführt hat. Waren jene Filme noch von Skandalen und den frühen Toden ihrer Protagonisten geprägt, begann Broomfields Arbeit an „Marianne & Leonard: Words of Love“ zwar auch nach dem zufällig nur drei Monate auseinander liegenden Tod von Ihlen und Cohen, doch die Intentionen sind andere.
 
Eine große Liebe will Broomfield beschwören, hat eindrucksvolles Archivmaterial zusammengetragen, etliche der – wenigen – Überlebenden der 60er Jahre interviewt, die sich teils in verklärten Erinnerungen an eine freigeistige Epoche erinnern, teilweise aber auch mit gebotener Skepsis über die oft nur scheinbaren Errungenschaften der freien Liebe berichten. Besonders Leonard Cohen war ein Mann, der die Frauen liebte, der sehr viele Frauen liebte und sein Leben einmal als lebenden Porno bezeichnete. Wie da Marianne Ihlen hineinpasste ist eine Frage, die auch Broomfield nur bedingt beantworten kann.
 
Zwar zitiert er auch den Satz Cohens, dass Ihlen die schönste Frau gewesen sei, die ihm jemals begegnet ist, möglicherweise ist aber ein Satz Ihlens viel aussagekräftiger: Sie habe nie geglaubt, dass „So long, Marianne“ von ihr handelt, denn sie werde Marie-Anne ausgesprochen. Sicher keine ganz ernst gemeinte Aussage, aber eine, die der Wahrheit möglicherweise doch näher kommt, als es Brommfields Intention entspricht. Zwar hat Cohen die Beziehung zu Ihlen jahrelang zumindest lose aufrecht gehalten, was ihn jedoch keineswegs davon abhielt, auch Affären und Beziehungen mit zahlreichen anderen Frauen zu führen.
 
Wie Bromfield überzeugend darlegt, schöpfte Cohen aus seiner Liebe zu Frauen die Inspiration für seine Lieder, doch wirklich binden konnte er sich nie, es war immer auch der Schmerz eines Abschiedes, der die Melancholie hervorrief, die seine Lieder prägten. Ein ehrlicherer Titel des Films wäre daher vielleicht gewesen: „Leonard: Porträt eines Poeten, der die Frauen liebte, darunter Marianne“, was zwar weniger romantisch klingt als „Marianne & Leonard“, aber auch dem Fokus von Broomfields Film näher kommt. Während Marianne Ihlen eine schöne, tragische Randfigur bleibt, steht Leonard Cohen im Mittelpunkt, seine Musik, seine Frauen, nicht zuletzt aber auch eine Ära, die einzigartig blieb, aus der Cohen seine Inspiration schöpfte und die Lieder schrieb, die auch diese Dokumentation prägen und die dank ihres umfangreichen Archivmaterials sehenswert ist.
 
Michael Meyns