Marie und die Schiffbrüchigen

Auch in seinem neuen Film „Marie und die Schiffbrüchigen“ erweist sich Sébastian Betbeder als einer der verspieltesten der jungen französischen Regiegarde, ein offensichtlicher Epigone der Nouvelle Vague, der seine Figuren, die augenscheinlich autobiographisch geprägt sind, mit gleichermaßen skurrilem wie liebevollem Blick betrachtet.

Webseite: www.dejavu-film.de

OT: Marie et les Naufragé
Frankreich 2016
Regie & Buch: Sébastien Betbeder
Darsteller: Pierre Rochefort, Vimala Pons, Eric Cantona, Damien Chapelle, André Wilms, Emmanuelle Riva, Wim Willaert
Länge: 104 Minuten
Verleih: déjà-vu Film
Kinostart: 8. Juni 2017

FILMKRITIK:

Auf den ersten Blick eine klassische, sehr französische Dreiecksbeziehung: Siméon (Pierre Rochefort), gerade von einer Frau zurückgewiesen worden, ertrinkt den Schmerz in einer Bar und findet beim schwankenden Nachhauseweg ein Portemonnaie. Diese gehört Marie (Vimala Pons), Gelegenheitsmodell und gerade von ihrem Freund Antoine getrennt. Bei der Übergabe des Portemonnaie verliebt sich Siméon sofort in Marie und beginnt sie zu verfolgen. Und das trotz der Warnung von Antoine (Eric Cantona), einem Autor mit einem Übermaß an Phantasie, der einst während einer seiner vielen Schreib- und anderen Krisen von Marie gerettet wurde und nun wieder allein ist. Während Siméon Marie folgt, folgt Antoine Beiden und imaginiert dabei eine Geschichte, in der ein Autor seinen Figuren folgt. Zusammen mit Siméons Mitbewohner Oscar (Damien Chapelle) – einem angehenden DJ, der seine Zuhörer mit düster-rhythmischen Klängen zum Tanzen bringen will – landet das Trio bald auf einer kleinen Insel vor der französischen Küste, gestrandet in der ewigen Suche nach Liebe.

Schon in seinem letzten Film „2 Automnes 3 Hivers – 2 Herbste 3 Winter“ (ebenfalls im Verleih von déjà-vu Film) erwies sich Sébastian Betbeder als außergewöhnlich origineller Regisseur, der eine auf dem Papier klassische Liebesgeschichte mit skurrilem Humor und allerlei Verweisen an die Filmgeschichte zu einem besonderen Kleinod machte. Etwas zurückhaltender geht er in „Marie und die Schiffbrüchigen“ zu Werk, nicht mehr ganz zu eklektisch und freigiebig mit visuellen und erzählerischen Einfällen. Stringenter, konventioneller wirkt der Film dadurch, Rückblenden, in denen das bisherige Leben der Hauptfiguren in rasanten Bilderfolgen nacherzählt wird, sind auffälligstes Stilmittel.

Um so mehr Augenmerk legt Betbeder diesmal auf die Charaktere selbst, verlässt sich auf die Schauspieler, die es nicht immer leicht haben, ihre nur grob skizzierten Figuren mit Leben und Substanz zu füllen. Interessanteste Figur ist dabei der vom ehemaligen Fußballstar Eric Cantona gespielte Autor Antoine. Wenn dessen Beschreibungen seines neuen Buchprojekts, sich zunehmend seinen Beobachtungen von Marie und Siméon annäheren, scheint Betbeder die Möglichkeiten anzudeuten, dass erhebliche teile seines Films nur in der Phantasie der Figur existiert. Die Künstlichkeit von Erzählungen wird betont, das Konstruierte einer Fiktion, die nur scheinbar realistisch wirkt, jedoch nur für die Dauer eines Films existiert.

Doch erst wenn die Figuren auf der Insel angekommen sind, quasi gestrandet sind und wie die Schiffbrüchigen des Titels auf der Suche sind, lässt Betbeder jegliche narrative Konventionen fahren und lässt seine Figuren zunehmend skurrile, surreale Situation durchleben. Ob man da noch mitgeht hängt davon ab, ob man die eigenwilligen Figuren sympathisch oder uninteressant findet, ob man ihre Selbstbezogenheit nachvollziehen oder doch eher anstrengend findet. Ungewöhnlich und originell ist „Marie und die Schiffbrüchigen“ in jedem Fall, allerdings gewiss nicht jedermanns Sache.
 
Michael Meyns