Marvin

Oh, là, là: Frankreichs Schauspiel-Ikone Isabelle Huppert verblüfft bei diesem Coming-of-Age/Coming-Out-Drama, in dem sie einfach einmal nur sich selbst spielt. Als Star nutzt sie ihren Promi-Bonus, um einem schüchternen Schauspiel-Schüler unter die Arme zu greifen. Dessen Herzensprojekt erzählt als Theaterstück von der eigenen Kindheit, die alles andere als ein Ponyhof war. In der Schule wird der sensible Junge als „Schwuchtel“ beschimpft und misshandelt. Zu Hause geht es kaum besser zu. Der Vater ein Säufer. Die Mutter ein Wrack. Doch Titelheld Marvin avanciert zum Stehaufmännchen. Seine Biografie auf der Bühne gerät zum Triumph. Mit Rückblenden raffiniert erzählt, präsentiert sich ein bewegendes Drama um Würde und Gerechtigkeit. Zwar mag es manche Klischee-Macken geben, die werden jedoch durch exzellente Darsteller bestens ausgebügelt: Hier glänzt nicht nur La Huppert!

Webseite: www.salzgeber.de

F 2017
Regie: Anne Fontaine
Darsteller: Finnegan Oldfield, Gregory Gadebois, Vincent Macaigne, Isabelle Huppert, Cahterine Salee, Jules Porier, Charles Berling, Catherine Mouchet
Filmlänge: 115 Minuten
Verleih: Salzgeber & Co. Medien GmbH 
Kinostart: 5. Juli 2018

FILMKRITIK:

Am Anfang ist der Schminkraum. Während das Vorspanns bereitet sich Marvin nervös auf seinen Theater-Auftritt vor: Die Premiere des selbstverfassten Stückes über sein Leben. Dann Rückblinde in die Kindheit. In der Schule wird der Teenager gemobbt, als „Schwuchtel“ beschimpft, bespuckt und misshandelt. Zu Hause geht es kaum besser zu. Vater ein Säufer. Mutter ein emotionales Wrack. Der Halbbruder ein brutaler Flegel. „Es geht um einen schlechten Start“, antwortet der erwachsene Marvin auf die Frage, wovon sein geplantes Theaterstück handeln werde.
 
Die luxemburgische Regisseurin Anne Fontaine („Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“) entwickelt ihr Drama mit parallel erzählten Geschichten von Marvin als Schüler und später als Student. Mit Rückblenden werden die beiden Lebensphasen angenehm unangestrengt verknüpft. Weil die Macherin offensichtlich Vergnügen an dieser Erzählform fand, finden sich auch im aktuellen Teil bisweilen kleine, verspielte Zeitsprünge.
 
„Es ist leichter für mich, die Bösen leiden zu lassen, als umgekehrt!“ beschreibt die neue Rektorin ihre Philosophie. Für Marvin wird die Pädagogin zum Glücksfall seines Lebens werden. Durch sie kommt er zum ersten Mal mit einem Theaterkurs in Berührung, wo er sofort die Leidenschaft für das Spielen entdeckt. Seiner Mentorin verdankt er später den Wechsel auf eine Schauspielschule. „Du klingst wie ein Schuljunge!“, ermahnt sie ihn bei einer Probe. „Ich bin ja auch ein Schuljunge!“ gibt sich Marvin schlagfertig. Bei seinen Eltern sucht der Junge vergeblich nach Unterstützung. Die Mutter ist chronisch überfordert und emotional abgestumpft, als „eine gute Legehenne“ beschreibt sie sich selbst. Der Vater ein Faulpelz und cholerischer Säufer: „Eine Art Geisteskrankheit!“ antwortet er, als der Sohn wissen will, was schwul bedeute.
 
Marvin gelingt die Flucht in die Großstadt. Als Theaterstudent will er seine traumatische Kindheit in einem Bühnenstück verarbeiten. Bei einem intellektuellen Paar findet Marvin erste Unterstützung, weil die von dessen proletarischer Herkunft begeistert sind. Berechnender geht der vermögende Roland vor, der das naive Landei mit seinem Jaguar sowie der Luxus-Wohnung mit Blick auf den Eifelturm beeindruckt. Für den sarkastischen Sugar-Daddy ist die Sache eine kurze Affäre, bald folgt der nächste Student als Lustknabe. Immerhin hat Marvin durch den eitlen Alten eine wertvolle Bekanntschaft gemacht: Isabelle Huppert höchstpersönlich! Sie schätzt den Idealismus und Kampfgeist ihres blutjungen Kollegen – und La Huppert wird ihm höchstpersönlich den Weg nach ganz oben öffnen.  
 
Vom geknechteten, schwulen Arbeiterkind zum gefeierten, selbstbewussten Bühnenstar – das gehört zum Klassiker-Kabinett des Queer Cinema. Mit der rigorosen Frische eines „Billy Elliot“ mag es dessen französischer Vetter nicht ganz aufnehmen. Dazu knirscht es etwas zu sehr im Klischee-Gebälk, den Figuren hätte man gerne mehr Entfaltung samt Widerhaken gegönnt und dafür auf manch verquastes Kunstgequatsche verzichtet. Trotz solcher Macken gelingt gleichwohl ein bewegendes Coming-of-Age/Coming-Out-Drama, dessen Mutmacher-Qualitäten auch für Millennials nach wie vor prickelnd sein dürften: Akzeptanz ist bekanntlich längst nicht überall in der Gesellschaft angekommen.   
 
Als ganz großer Pluspunkt erweist sich die Besetzung. Jules Porier und Finnegan Oldfield geben souverän den sensiblen Helden zwischen Verletzlichkeit und Trotz. Die Nebenfiguren haben sichtlich Spaß an ihren Kotzbrocken-Typen. Und dann ist da natürlich die Huppert – wie man sie so, Oh, là, là, im Kino noch nicht erlebt hat.
 
Dieter Oßwald