„Mauern aus Sand“ folgt dem heranwachsenden Marko in seinem kroatischen Dorf. Der junge Mann hält das Bild eines heterosexuellen Machos aufrecht. Immerzu versucht er seine Stärke und Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Bis seine erste Liebe, ein Mann, nach Jahren zurück in die Heimat kommt – und Markos Selbstbild in sich zusammenbrechen lässt. Das unsentimental erzählte, aufmerksam beobachtete queere Beziehungsdrama erzählt von Selbstfindung und Selbstbehauptung im ländlichen Raum. Das (Wieder-) Erwachen einer lange verloren geglaubten Liebe steht hier im Zentrum eines Films, der eine elementare Frage stellt: Wie viel Kraft und Mut braucht es, um endlich zu sich selbst zu stehen?
Über den Film
Originaltitel
Zečji nasip
Deutscher Titel
Mauern aus Sand
Produktionsland
HRA, LIT
Filmdauer
88 min
Produktionsjahr
2025
Produzent
Ankica Jurić Tilić, Hrvoje Pervan, Dragan Jurić
Regisseur
Čejen Černić
Verleih
Salzgeber & Co. Medien GmbH
Starttermin
28.05.2026
Marko (Lav Novosel) lebt in einem kleinen kroatischen Dorf und führt ein geordnetes Leben. Er ist in der Schule beliebt, sportlich erfolgreich und mit seiner Freundin zusammen, während seine Zukunft im Betrieb des Vaters zudem gesichert scheint. Doch dann kehrt sein früherer Freund Slaven (Andrija Žunac) zurück – und Markos Welt gerät ins Wanken. Längst vergessen geglaubte Erinnerungen und Empfindungen brechen sich Bahn. Werden die beiden wieder in frühere, „verbotene“ Muster verfallen? Am Ende muss Marko eine Entscheidung treffen und sich mit den konservativen Ansichten seiner Umgebung auseinandersetzen.
Die kroatische Regisseurin Čejen Černić Čanak kommt ursprünglich vom experimentellen Kurzfilm und hat auch schon dokumentarische Werke inszeniert. Genau das merkt man „Mauern aus Sand“ an. Behutsam, und sehr oft mit Handkamera, nähert sie sich ihren Protagonisten und ergründet mit feiner Beobachtungsgabe und einem exakten Blick fürs Detail deren innere Befindlichkeiten.
Folglich sind es die kleinen Momente des Alltags und die spontan wirkenden Szenen etwa zu Hause bei Marko und seiner Familie, die das soziale Miteinander und familiäre Gefüge authentisch einfangen. Oft passiert zwischen den Zeilen oder durch Gestik, Mimik oder flüchtige Blicke deutlich mehr als in den Gesprächsszenen bzw. Dialogen. Man spürt: Die Stimmung ist angespannt, Marko ringt mit seinem Umfeld und – vor allem – mit sich. Seine Eltern stehen dabei stellvertretend für die rückständigen Werte und die konservativen Einstellungen der ganzen Dorfgemeinschaft, die die Traditionen bewahren will.
Ebenso glaubhaft und lebensnah agieren die Schauspieler, ganz besonders die beiden fantastischen Jungdarsteller Lav Novosel als Marko und Andrija Žunac als zurückhaltender, wortkarger Außenseiter Slaven. Novosel brilliert als innerlich zerrissener Jugendlicher, dessen Selbstbild Risse erfährt. Ist er vielleicht doch nicht der harte, kernige Typ mit Freundin, dessen beruflicher Weg in der Autowerkstatt des Vaters bereits vorgezeichnet ist? Und ist er vielleicht doch nicht der „echte Kerl“, der – auf Wunsch des Vaters – an Armdrück-Wettkämpfen teilnimmt und damit den Vorstellungen seiner Umgebung entspricht?
Diesen inneren Konflikt arbeitet „Mauern aus Sand“ sorgsam und konzentriert heraus. Der Titel des Films vermittelt zweierlei: Einerseits ist er eine Entsprechung für die Mauern, die Marko um sich herum baut und hinter denen er sein Schwulsein versteckt. Niemand soll etwas von seinem heimlichen Begehren erfahre. Die Mauern des Verdrängens, Schweigens und der Unterdrückung bieten, trotz der damit verbundenen seelischen Qualen, natürlich auch Schutz. Und gleichzeitig Abgrenzung.
Andererseits versinnbildlichen die Mauern im Filmtitel gleichsam jenen Damm, den die Dorfbewohner mühevoll errichten. Sie stapeln Sandsäcke zu einem Schutzwall, da eine heftige Flut näher rückt und die Gegend zu überschwemmen droht. Eine Naturgewalt, die sich letztlich ihren Weg bahnen wird. Ebenso wie die Emotionen irgendwann nicht mehr zurückzuhalten sind – diese Erfahrung macht Marko im Laufe seiner Entwicklung. Jene Botschaft verdeutlicht die wunderbare Verbindung zwischen diesen beiden „Arten von Mauern“, die Čanak ihre Figuren errichten lässt. Einmal im Äußeren, einmal im Inneren.
Björn Schneider







