Max Frisch, Citoyen

Der Filmemacher Matthias von Gunten porträtiert den berühmten Schweizer Schriftsteller als großen politischen Intellektuellen seiner Zeit. So steht in seinem erzählerisch sehr dichten Dokumentarfilm die Rolle von Max Frisch als führende literarische Denkerfigur im Vordergrund und nicht die spezifische Auseinandersetzung oder die Interpretation seiner Werke. Eine kurzweilige Annäherung an eine große Literatur-Persönlichkeit.

Webseite: gmfilms.de

Schweiz 2008
Regie & Buch: Matthias von Gunten
Länge: 94 Minuten
Verleih: GM Films
Kinostart: 23.10.2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ein „Citoyen“, das ist ein Bürger der in der Tradition und im Geist der Aufklärung aktiv ist und eigenverantwortlich am öffentlichen Leben und aktuellem politischem Zeitgeschehen teilnimmt. Gleich zu Beginn wird Max Frisch als ein solcher Intellektueller klassifiziert, eine Spezies, so lässt Regisseur Matthias von Gunten aus dem Off lobhudeln, die es „heutzutage gar nicht mehr geben würde“. Sein Film unternimmt den Versuch, den berühmten Schweizer nicht nur zu porträtieren, sondern auch seine Rolle als aufklärerischer und literarischer Botschafter in der Weltgeschichte einzuordnen. Gleichzeitig kommt er dabei auch dem Mythos nahe, der Frisch als leitende und richtungsweisende Denkerfigur zeigt, an dem sich ein Großteil der Menschen orientiert.

Der Film arbeitet dabei mit verschiedenen Mitteln: Zum einen erinnern sich Freunde und Wegbegleiter wie Günter Grass, Henry Kissinger, Christa Wolf und der Künstler Peter Bichsel an ihre Zeit mit dem Schriftsteller. Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt erzählt, wie er in den 70er Jahren, zu Hochzeiten der RAF und des deutschen Terrorismus, eine Gruppe linksgerichteter Intellektueller um Günter Grass und Max Frisch einlud, um ihre Meinungen zu dem Konflikt einzuholen. 

Frischs politisches Engagement erreicht in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal eine breitere Öffentlichkeit. Seine „literarischen Tagebücher“, in denen er kritisch die Erlebnisse des Kriegs reflektiert, helfen einer breiten Leserschaft in der Schweiz, die Zeit zwischen 1939-1945 zu verarbeiten, vor allem vor dem Hintergrund, als viele Lehranstalten die Rolle der Schweiz zu verklären versuchen. Später positioniert sich Frisch in Zeitungsartikeln gegen die Regierung, die in den 60er Jahren gewaltsam gegen revoltierende Studenten vorgeht. Kalter Krieg, Vietnam-Konflikt, Atomtests am Bikini-Atoll – der Schriftsteller ist stets als kommentierende Stimme präsent, denn, so sagt er selber, „wer schreibt, der bekennt sich zu seinem eigenen Denken“. 

Neben einer Reihe von Privataufnahmen und Archivmaterial, die auch die verschiedenen Stationen seines Lebens (Rom, New York, Berlin) zeigen, stehen neben der Erzählerstimme vor allem die vorgelesenen Zitate aus Max Frischs Werk im Vordergrund, die sich als roter Faden durch die chronische Aufarbeitung ziehen. Wer Interpretationen oder die Dekonstruktion seiner literarischen Erfolge wie „Stiller“ oder „Homofaber“ erwartet, der wird enttäuscht werden. Im Mittelpunkt steht der Mensch Max Frisch und sein politisches Bewusstsein, das immer wieder Einfluss in seine Romane oder Theaterstücke findet.
Dabei überrascht die Homogenität und die erzählerische Dichte mit der Regisseur Matthias von Gunten ein ganzes Leben im Schnelldurchlauf zu zeigen vermag. Nicht nur Frisch-Freunde folgen interessiert dieser Zeitreise, die gleichzeitig einen Überblick über die wichtigsten politischen Ereignisse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt. Max Frisch lernt man dabei als stets kritischen Denker kennen, der so manchem Politiker ein Dorn im Auge ist. Sein Freund Wegbegleiter Peter Bichsel bringt es auf den Punkt: „Fragen darf man in der Schweiz. Aber nicht hinterfragen.“

David Siems