Meer is nich

Lena möchte Drummerin werden, doch vor dem Leben als Rockstar haben die Götter zuerst einmal den Alltag in Weimar gesetzt. Und da gilt es mit den Schulprüfungen, den zu fürsorglichen Eltern und den eigenen Zweifeln fertig zu werden. Gleich zwei Talenten gelingt bei diesem herzerfrischenden Coming-of-Age-Drama ein grandioses Kinodebüt. Selten hat ein Regisseur den Osten so profund und dennoch beschwingt eingefangen wie Regisseur Hagen Keller. Und noch seltener sieht man auf der Leinwand ein solches Schauspieltalent wie die junge Elinor Lüdde.

Webseite: www.meerisnich.de

D 2007
Regie und Drehbuch: Hagen Keller
Kamera: Philipp Kirsamer
Mit: Elinor Lüdde, Luise Kehm, Sandra Zänker, Thorsten Merten, Ulrike Krumbiegel, Benjamin Strecker
Start: 27.3.2008
Verleih: Kinowelt

PRESSESTIMMEN:

Die ganz von einer charismatischen Hauptdarstellerin getragene, authentisch gespielte und erzählte Coming-of-Age-Geschichte leidet mitunter am etwas unausgereiften Drehbuch, trifft aber besonders auf der Musikspur das Lebensgefühl junger Leute und zeigt hoffnungsvolle Ansätze zu großem Unterhaltungskino mit unaufdringlichem Tiefgang. – Sehenswert.
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FILMKRITIK:

Frühlingsgefühle in Weimar. Lena ist siebzehn, jung, schön und unangepasst. Wie alle in ihrer Clique gibt sie sich rebellisch und geht lieber auf Rockkonzerte als zur Schule. Diese lästige Pflicht ist eh bald vorbei. Jetzt gilt es nur noch die Prüfungen zu bestehen und dann eine Lehrstelle zu finden. Dumm nur, dass Lena gerade jetzt überhaupt nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen will. Eher schon, was sie nicht will. So schickt sie gleich mal zu Beginn den besoffenen Freund in die Wüste und lässt süffisant den spießigen Berufsberater auflaufen. Gerade Wege sind halt nicht ihre Sache, darin gleicht sie ihrem Vater, der einst Brücken baute und sich nun beharrlich weigert, sich beruflich unter Wert zu verkaufen. Dafür schiebt aber seine Frau nun Überstunden. Wie gut, dass der Vater nun Lenas Entscheidungsschwäche als Vorwand nehmen kann, um von der eigenen Misere abzulenken. So wird denn der Ton im sonst so intakten Elternhaus mit herannahender Prüfung immer spitzer. Als Lena dann zuhause verkündet, etwas mit Musik machen zu wollen, nimmt das der Vater zum Anlass, der Tochter über ihren Kopf eine Lehrstelle im Büro zu besorgen. 

Dabei ist der Wunsch Musikerin zu werden durchaus ernst gemeint. Mit ihren besten Freundinnen Alex und Klara gründet sie eine Band, in der sie selber Schlagzeug spielt. Das Ziel, Drummerin zu werden, nimmt konkrete Züge, zumal sich sogar mit dem Musikhochschullehrer Sascha ein Mentor findet, der sie kostenlos unter seine Fittiche nimmt. Doch dann eskaliert Zuhause der Streit, die Prüfungen scheinen ein Fiasko zu werden und Sascha zieht nach Berlin. Lenas Welt droht in Scherben zu brechen, wäre da nicht Hans, Klaras Bruder, der in einer umgebauten Werkstatt lebt und bei dem Lena Unterschlupf und Unterstützung findet.

Gleich zwei Künstler geben bei diesem kraftvollen Jugenddrama ihr beeindruckendes Kinodebüt. Da ist der Regisseur Hagen Keller, der sein eigenes Drehbuch stimmig und schwungvoll in Szene setzt und für seine ernstzunehmende Teenager-Thematik dabei immer den richtigen Tonfall findet. Da wird nicht alles bieder und bleiern bis ins Letzte auserzählt, dafür wirken die Szenen frisch und dynamisch, ohne peinliche Anbiederung an juvenile Modetrends. Vielmehr greift Keller das Gefühlschaos der Heranwachsenden auf und gibt seinen an Ost-Biografien orientierten Protagonisten stets die nötige Glaubwürdigkeit. So schwungvoll und sonnendurchflutet hat man Weimar schon lange nicht mehr im Kino gesehen. Von der sonst so oft zu beobachtenden Larmoyanz des Ostens fehlt hier jede Spur. 

Für seinen optimistischen, aber nie blauäugigen Grundton, mit dem Keller das Dilemma des Erwachsenwerdens begleitet, hat der Regisseur die passende Hauptdarstellerin gefunden. Nicht nur wegen ihrer roten Haare erinnert die junge Elinor Lüdde an die Anfänge von Franka Potente. Die junge Schauspielerin, die auch im wahren Leben in ihrer Band sleazy inc. operated die Drums drischt, erweist sich als Glücksfall für die große Leinwand. Verfügt sie doch über die nötige Ausstrahlung und Persönlichkeit um Lenas Abstrampeln beim Erwachsenwerden mit Leben zu füllen. So hervorragend gespielt und so leichthändig inszeniert, sollte der Film auch an der Kinokasse funktionieren.  

Norbert Raffelsiefen

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Am Schluss des Films fahren Lenas Freundinnen ans Meer. Sie werden dort Urlaub machen, Party feiern, herumhängen, Musik hören. Lena fährt nicht mit. Sie scheint nach vielen und langen Schwankungen nun ihr Ziel vor Augen zu haben und will es möglichst schnell erreichen. Für Lena also gilt: „Meer is nich“. Doch eins nach dem andern.

Lena, etwa 18, geht noch zur Schule. Die Prüfungen laufen auf Hochtouren, der Abschluss liegt nicht mehr fern. Der mögliche Abschluss besser gesagt, denn hier liegt das Problem. Die junge Frau ist nämlich in ihrer Rebellionsphase, kommt mit dem Vater nicht aus, verbreitet in der Schule nicht, was die Lehrerin gerne hören würde, sondern sucht sich wichtige Aussagen beispielsweise von Muhammad Ali aus, jobbt, zieht von zu Hause aus, lehnt den für sie vom Vater ausgesuchten Beruf ab, sucht ihren Weg, möchte Schlagzeugerin werden, denn die Musik spielt in ihrem Leben eine persönlichkeitsbildende, offenbar entscheidende Rolle.

Lena lebt in Weimar. Das Stadt- und Ossi-Umfeld wird beschrieben. Die Schwierigkeiten der und mit den Eltern treten hervor. Die Revolutionsphase der postpubertären Zeit des Mädchens nehmen viel Raum ein. Musikbands und Disco-Stimmung begleiten alles. Die Milieuschilderung der Jugend ist gut getroffen. Lenas Liebe zu Hans wird angedeutet.

Am wichtigsten aber ist, dass das Mädchen an sich selbst glaubte, sich durchsetzte, alle Zweifel und Hindernisse hinter sich ließ, Weg und Ziel fand. So die Botschaft des Films.

Glück hatten die Produzenten und der Regisseur mit der Besetzung der Hauptrolle durch Elinor Lüdde. Sie macht nicht auf Promi oder Puppe, sondern strahlt bei aller Zurückhaltung, mit der sie den Part spielt, Natürlichkeit, Zielstrebigkeit und Sympathie aus. So wünscht man sich junge Schauspielerinnen.

Gut durchschnittlicher Jugend-, Botschafts-, Musik- und Unterhaltungsfilm, in dem manchmal etwas besser gesprochen und weniger genuschelt hätte werden können.

Thomas Engel