Meeresfrüchte

Crustaces et Coquillages
Regie: Olivier Ducastel, Jacques Martineau
Buch: Olivier Ducastel, Jacques Martineau
Kamera : Matthie Poirot- Delpech
Musik : Phillippe Miller
Darsteller: Valérie Bruni-Tedeschi, Gilbert Melki, Jean- Marc Barr, Jacques Bonnaffé, Romain Torres
Frankreich 2004, 90 Minuten; Format 1:1,85
Verleih: Prokino
Kinostart: 21. Juli

Sommerfilm. Selten passte ein Schlagwort so gut auf einen Film wie hier. In einem Haus in den Hügeln Südfrankreichs, von der strahlenden Sonne in satte Farben getaucht, inszenieren die beiden französischen Regisseure Olivier Ducastel und Jacques Martineau einen ausufernden Liebesreigen um Affären, unterdrückte und angebliche Homosexualität, erloschene und wiederaufflammende Gefühle. Zu Recht wurde der Film im Panorama der diesjährigen Berlinale stürmisch bejubelt.

Das inspiriert aufspielende Ensemble wird angeführt von der überragenden Valérie Bruni-Tedeschi, die bei uns zuletzt in Francois Ozons Ehe-Drama 5×2 zu sehen war. Hier zeigt sie eine ganz andere Seite ihres Könnens. Sie spielt Beatrix, Frau von Marc (Gilbert Melki), Mutter des Teenagers Charly (Romain Torres), Geliebte von Matthieu (Jacques Bonnaffé), ein bisschen gelangweilt von ihrem Leben, den malerischen äußeren Umständen entsprechend aber sehr entspannt. Während sie sich angesichts der angeblichen Homosexualität ihres Sohnes – der Martin (Edouard Collin), einen langhaarigen Freund mit in den Sommerurlaub genommen hat – erstmal einen Joint anzündet, kann Marc sein Unglück kaum fassen. Sein Sohn soll schwul sein, das kann doch nicht sein, denkt er, die waren Ursachen greifen jedoch tiefer, wie sich bald herausstellt. Und zwar mit der Ankunft von Didier (Jean- Marc Barr), ein gutaussehender, muskulöser Klempner (Ja, kein Klischee wird ausgelassen, aber die Autoren nutzen sie auf originelle Weise), der seine eigene Geschichte mit Marc hat. Denn einst erfahren wir nun, fühlte sich Marc zu Männern hingezogen und hatte eine Beziehung mit Didier, entschied sich dann aber dafür, den Konventionen zu folgen und mit Beatrix eine Familie zu gründen.

Viel Konfliktpotenziell, das die beiden Regisseure da aufgetürmt haben, überfrachtet wirkt die beschwingte Komödie jedoch nie. Eine pointierte Szene folgt auf die nächste und selbst wenn es thematisch mal ernsthafter werden könnte, den eingeschlagenen Pfad der Komödie verlässt der Film nie. Das erstaunliche dabei ist, dass er trotz der scheinbaren Leichtigkeit nicht ins Oberflächliche abdriftet, die Figuren nicht der Lächerlichkeit Preis gibt, sondern ihnen nachdenkliche Momente zugestehet, ohne dabei gleich schwerfällig zu wirken. Wenn man will kann man Meeresfrüchte ohne Probleme als Plädoyer für Toleranz und Aufrichtigkeit verstehen, als Beispiel einer Welt, in der jegliche Lebensform neben der anderen existieren kann. Man kann ihn aber auch einfach als wunderbar leichte, pointierte Komödie genießen, voller Lebensfreude und interessanter Figuren und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, mit einigen mehr als bizarren, sehr komischen Gesangseinlagen.

Michael Meyns