Mein Freund aus Faro

Drehbuchbuchpreis beim Saarbrücker Max Ophüls-Festival, Teilnahme am internationalen Filmfest von Karlovy Vary – keine schlechte Bilanz für ein Kinodebüt. Nana Neul schrieb und inszenierte diese Liebesgeschichte um die 22jährige Mel, die sich spontan als Junge ausgibt, als sich eines Nachts eine junge Anhalterin in sie verliebt. Reichlich Einfallsbereitschaft, Witz und Selbstbewusstsein der burschikosen Heldin sind gefragt, um fortan die Rolle des „Miguel“ aus Portugal aufrechtzuerhalten. Diese Geschichte über die erste Liebe, das Erwachsenwerden und vom Suchen und Finden der Identität wird mit angenehmer Leichtigkeit und einfallsreicher Bildsprache erzählt. Überzeugend, nicht zuletzt Dank der großen Leinwandpräsenz von Newcomerin Anjorka Strechel.

Webseite: www.meinfreundausfaro.de

Deutschland 2008
Regie und Drehbuch: Nana Neul
Kamera: Leah Striker
Schnitt: Dora Vajda
Darsteller: Anjorka Strechel, Lucie Hollmann, Manuel Cortez , Florian Panzner, Tilo Prückner, Isolda Dychauk, Kai Malina, Philipp Quest, Julischka Eichel    
Verleih: Alpenrepublik
Länge: 87 Minuten
Start: 30.10.2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Kopfüber geht es los, mit einem Flugzeug beim Anflug aus ungewohnter Perspektive. Ein durchaus symbolträchtiges Bild, müssen in dieser Liebesgeschichte doch auch manche Dinge erst auf den Kopf gestellt werden, bevor sie die passende Bodenhaftung bekommen. Mel (Anjorka Strechel), Anfang 20, arbeitet als Küchenhilfe in einem Catering-Unternehmen. Ähnlich unaufregend fällt ihr Privatleben aus. Damit sie wenigstens bei der Verlobungsfeier ihres Bruders mit einem Freund aufwarten kann, bezahlt sie ihren neuen Kollegen Nuno, die Rolle des Liebhabers zu spielen. Der gutaussehende Portugiese macht seine Sache so gut, dass Mel ihn für ein Extrahonorar am liebsten auch noch die verhasste zukünftige Schwägerin verführen lassen will. Ihr selbst fällt wenig später die große Liebe regelrecht vor die Füße. Genauer: Auf die Kühlerhaube ihres Kleinwagens. Mit dieser gewagten Aktion will die junge Jenny ein Auto stoppen, um endlich als Anhalterin zur nächsten Dorf-Disco mitgenommen zu werden. Der Coup gelingt, die beiden sind sich auf Anhieb sehr sympathisch. Das ihr netter Fahrer in Wahrheit eine Frau ist, fällt Jenny nicht auf, denn die burschikose Mel gibt sich als Miguel aus Faro aus. Und bedient sich fortan immer mehr an der Identität ihres portugiesischen Arbeitskollegen. Doch Jennys Clique reagiert eifersüchtig, ihre Mutter misstrauisch. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis der ganze Schwindel auffliegt.

„Jetzt nenn’ mir noch einen portugiesischen Dichter, bekommst auch 10 Euro dafür“, bettelt Mel bei ihren Kollegen Nuno, um ihre neue Freundin zu beeindrucken. „Pessoa“ bekommt sie als knappe Antwort. Eine durchaus programmatische Szene. Denn analog zum berühmten Fernando Pessoa (der auch hierzulande zum großen Geheimtipp avanciert), hat Nana Neul ihre Story konstruiert. „So wie Mel sich als Miguel neu erfindet, so erfand Pessoa in seinem Werk für sich fiktive Identitäten, um aus ihrer Perspektive seine Geschichten zu schreiben. Mel schreibt keine Geschichten, sie lebt ihre eigene fiktive Identität“, erläutert die Regisseurin. Was kompliziert klingen könnte, kommt mit erstaunlicher Leichtigkeit daher. Die Melange aus Leidenschaft, Melancholie, Liebe und Schmerz findet die richtige Balance, das Spiel der Verführung und das Ringen um Identität bietet die notwendige Glaubwürdigkeit. Kamerafrau Leah Striker, die am Set von „Babel“ Erfahrungen sammeln konnte, sorgt unaufdringlich für die kraftvollen Bilder. An der Seite von Tilo Prückner als schnoddrigem Vater liefert Theaterschauspielerin Anjorka Strechel mit sensibler Darstellung und reichlich Charisma ein bemerkenswertes Leinwanddebüt. Um es mit den Worten der Max Ophüls-Jury auszudrücken: „Mit wenigen Worten wird hier viel gesagt.“

Dieter Oßwald

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Für ihr Debüt wurde Nana Neul mit dem Max Ophüls Preis 2008 ausgezeichnet. Sie erzählt von einer jungen Frau und ihrer Suche nach sexueller Identität inmitten kleinstädtischer Provinzidylle im Münsterland. Ein kraftvoller Film, der vom Verleih selbstbewusst als Nachfolger von „Boys Don’t Cry“ bezeichnet wird. Ein Vergleich, den der Film nicht zwangsläufig  standhalten kann.

Junge oder Mädchen? Die 22-jährige, hochgewachsene Mel (Anjorka Strechel) steht mit breitem Kreuz lässig vor ihrem knallroten Auto, in den Mundwinkeln eine Zigarette. Ihre braunen Haare sind kurz geschnitten und die Körpersprache burschikos bis männlich: Der breitbeinige, gebückte Gang erinnert eher an einen Boxer im Ring als an eine junge Frau. Ihre Augen strahlen dennoch sinnliche Weiblichkeit aus, aber auch die Sehnsucht einer Suchenden.

Nana Neuls Erstling handelt nicht nur vom Suchen und Finden der Liebe, sondern auch vom beliebten Thema der sexuellen Identitätssuche, womit sich „Mein Freund aus Faro“ zwar im Spannungsfeld des homosexuellen Films bewegt, dieses aber bewusst erweitert und ebenso die Genres Jugenddrama oder Coming-of-Age bedient. Es ist die Geschichte eines vermeintlichen Irrtums und einer interessanten Verwechslung: Als Mel eines Nachts die junge Jenny (Lucie Hollmann) vor ihr Auto läuft, fällt die Liebe da hin, wo sie eben manchmal hinzufallen gedenkt, nämlich auf den harten Asphalt. Jenny bleibt unverletzt und nimmt die verblüffte Fahrerin mit zum nächtlichen Ziel, dem nahegelegen Teenager-Diskotreff, wo sich die beiden auf Anhieb näher kommen. Es gibt nur einen Haken: Jenny glaubt, dass Mel ein Junge ist – was wiederum dadurch fein verkompliziert wird, da sich Mel als Miguel vorstellt, der mit fortwährender Spieldauer schnell zum besagten „Freund aus Faro“ aus dem Filmtitel wird.   

Die Form der Exposition ist mehr als interessant. Denn: In der überlieferten Erzähltradition kämpfen in der Regel zwei Protagonisten für das Recht ihrer Liebe und stoßen dabei schnell an die Grenzen der gesellschaftlichen Toleranz (siehe etwa „Brokeback Mountain“). Durch die besondere Konfliktsituation für den Mädchenjungen in „Mein Freund aus Faro“, der anfangs sein Geschlecht gegenüber dem Partner verheimlicht, bekommt die Tragik und die Spannung der Liebesgeschichte eine besondere und übergeordnete Qualität. Der Film vermeidet es gekonnt, die emotionalen Gefühlswelten seiner Heldin vereinfacht oder plakativ darzustellen. Mel muss keinen Märtyrertod sterben, um das Recht auf gleichgeschlechtliche Liebe einzufordern. Ohnehin bedient sich Regisseurin Nana Neul angenehm wenig bei geschlechterspezifischen Rollenklischees, so dass die Frage, ob sich hier zwei junge Frauen oder ein Junge und ein Mädchen lieben, völlig unbedeutend ist. Das kommt der Geschichte und der Inszenierung zugute, die unaufgeregt und unspektakulär einfach das erzählt, was Menschen so Merkwürdiges anstellen, wenn sie zu gleichen Teilen verliebt und verzweifelt sind. Einzig der Vergleich mit Kimberly Peirces „Boys Don’t Cry“ dürfte man als PR-Gag verstehen, da sich die beiden Heldinnen in den Filmen doch auf recht unterschiedlicher Fallhöhe bewegen.

David Siems

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Die 21jährige Melanie Wandel, Mel genannt, wird von ihrem Bruder Knut aufgefordert, sich endlich einen Freund zu suchen. Aus Verlegenheit bittet sie den portugiesischen Arbeitskollegen Nuno, bei einer Feier als ihr Liebster aufzutreten. Für Geld ist Nuno dazu bereit. Das ist die eine Seite der Medaille.

Die andere: Melanie trifft bei einer Discofahrt die 16jährige Jenny. Die Umstände bewirken, dass Mel sich als Junge ausgibt, der Miguel heiße.

Von nun an bleibt Mel nichts anderes übrig, als hin und her zu lavieren. Das bringt erhebliche Komplikationen mit Nuno, mit Jennys Freundin Bianca, mit Jennys Mutter, mit Jennys Freunden und natürlich mit Jenny selbst.

Es geht auf und ab. Doch Mel nimmt das alles auf sich, denn zu dem Mädchen hat sie eine große Zuneigung erfasst. Lange bietet sich keine Gelegenheit, die Wahrheit aufzudecken. Als dies schließlich geschieht, ist die Enttäuschung groß. Melanie und Jenny leiden. Die Wirklichkeit ist eben anders als die Gefühlswelt.

Die beiden haben eine Phase des Erwachsenwerdens durchgemacht. Es wird sie weiterbringen. Jenny wird darüber hinwegkommen. Melanie probiert es – mit Nuno? – in Portugal.

Ist es Homosexualität? Ist es nur ein pubertäres Zwischengefühl? Autorin und Regisseurin Nana Neul spielt mit den Möglichkeiten, mit der Verwirrung, mit den Emotionen, mit echtem Liebesgefühl, manchmal sogar mit Komik. Das ist einigermaßen leicht und luftig angelegt. Mehrere Male allerdings erscheint der eine oder andere wie ein deus ex machina. Das hätte man dramaturgisch auf jeden Fall besser lösen sollen.

Die beiden Protagonistinnen, die hübsche Lucie Hollmann und „der Junge“ Anjorka Strechel, spielen ihre nicht einfachen Rollen gut.

Thomas Engel