Mein Leben, mein Ding

Die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Sophie Fillières blieb Zeit ihres Lebens im deutschen Kino relativ unbekannt, obwohl sie ein recht umfangreiches Werk hinterließ. Sie arbeitete an zahllosen Drehbüchern mit, meist von Frauen, und sie schrieb und inszenierte immerhin sieben abendfüllende Filme, von denen nun „Mein Leben – mein Ding“ auch in Deutschland ins Kino kommt – eine Komödie über eine Frau in mittleren Jahren, die auf die Idee kommt, das zu tun, worauf sie Lust hat, statt immer nur zu funktionieren.

 

Über den Film

Originaltitel

Ma vie Ma gueule

Deutscher Titel

Mein Leben, mein Ding

Produktionsland

FRA

Filmdauer

99 min

Produktionsjahr

2024

Regisseur

Filliéres, Sophie

Verleih

Filmwelt Verleihagentur GmbH

Starttermin

18.09.2024

 

„Mein Leben – mein Ding“ sollte Sophie Fillières persönlichster Film werden: ein augenzwinkerndes Vermächtnis, selbstironisch und mit intelligentem Witz erzählt. Von Barberie, ihrer Hauptfigur, sagte Sophie Fillières, dass sie „… vielleicht schön war, vielleicht geliebt wurde, vielleicht eine große Liebhaberin war und eine gute Mutter für ihre Kinder …“ Es gehört nicht allzu viel Fantasie dazu, um darin nicht nur die Charakteristik von Barberie Bichette zu erkennen, sondern vielleicht auch zumindest in Teilen Sophie Fillières persönlich.

Barberies hervorstechendste Eigenschaft ist ihre Unzufriedenheit. Und sie ist unglücklich, obwohl es eigentlich in den Augen der anderen keinen Grund dafür gibt, denn Barberie hat praktisch alles, was zu einem guten Leben gehört: einen sicheren Job, jede Menge Geld, einen großen Freundeskreis, zwei wohlgeratene, beinahe erwachsene Kinder … Okay, die Tochter könnte ein bisschen weniger zickig sein, die Kollegen ein bisschen freundlicher, und hier und da wäre vielleicht auch mal wieder ein Lover ganz schön … Aber Barberie ist alles andere als aktiv, wenn es um Veränderungen geht. Sie ist eine Vielleicht-Frau, die sich nicht entscheiden kann und deshalb lieber gar nichts tut, um nichts falsch zu machen. Und damit ist sie eine von vielen Frauen, die ihr Leben lang funktionieren, sich für Ehemann und Kinder aufopfern und dabei den Spaß am Leben verlernen. Barberie weiß eigentlich ganz genau, was sie will: „Ich brauche neue Lebensfreude“, sagt sie ihrem Spiegelbild. Aber was nützt ihr die Selbsterkenntnis, was nützt es ihr, dass sie klug und witzig ist, wenn alles genauso bleibt, wie es war?

Tatsächlich ist Barbérie eine verhinderte Künstlerin, die sich irgendwann dafür entschieden hat (oder entscheiden musste), Ehefrau, Mutter und Werbetexterin zu werden, anstatt zu schreiben. Sie hat ihr Talent und ihre ungewisse Zukunft als Schriftstellerin, als Frau, als Individuum den Notwendigkeiten geopfert, vielleicht aber auch ihrem Pragmatismus, ob bewusst oder unbewusst. Ihr Charakter spiegelt sich in den Gedichten, die sie gelegentlich schreibt und die traurig und witzig zugleich sind, erfüllt von Fantasie, Liebe und von der Unsicherheit, die ihr ganzes Leben bestimmt. Die Zeit, die sie noch hat, ist begrenzt und läuft immer schneller ab, und das Wissen um ihre verpassten Chancen hat Barberie immer melancholischer gemacht. Doch obwohl sie allen Grund dafür hätte, denkt sie gar nicht daran, sich dem Schicksal zu ergeben. Dazu ist sie zu pragmatisch, aber auch zu humorvoll. Es muss sich was ändern, und irgendwann legt Barberie los.

Sophie Fillières ist es gelungen, mit sehr viel Leichtigkeit und trockenem Humor eine Geschichte zu erzählen, die gleichzeitig witzig und traurig ist, wobei – ebenso wie bei Barberie – der Witz über die Traurigkeit triumphiert. Agnes Jaoui, selbst ein Multitalent als Regisseurin, Autorin und Schauspielerin, spielt Barberie in all ihren Facetten. Sie eignet sich die schwierige Rolle dieser spröden und schwer zu packenden Persönlichkeit scheinbar mühelos an und geht in ihr auf, zeigt die Selbstironie und den kaum verhohlenen Sarkasmus einer Frau, die es nie gelernt hat, das zu mögen, was sie hat. Die Melancholie, die gelegentlich durch ihr Gesicht zieht, hat ihre Ursprünge in den verpassten Chancen einer Frau, die vielleicht einmal viele Möglichkeiten hatte, sie aber nicht genutzt hat. Dabei spielt Agnes Jaoui so natürlich, dass die nur scheinbar vom Schicksal gebeutelte Barberie immer liebenswerter wird. Barberies Unglück wird nachvollziehbar. Sie ist alles andere als eine quengelige ältere Frau, die ihren Frust an anderen auslässt. Im Gegenteil: Barberie erhält sich ihren Humor und ihre Selbstironie, so als ob sie sich ständig selbst augenzwinkernd von außen betrachtet. Und wenn sie irgendwann beschließt, dass sie tatsächlich etwas ändern will, und dafür auf den Spuren ihrer eigenen Vergangenheit nach England und Schottland reist, dann ist das zwar auch ein bisschen rührend, hauptsächlich aber witzig.

Agnes Jaoui trägt die Komödie mit ihrem gesamten beträchtlichen Können auf ihren schmalen Schultern – als gleichzeitig verletzliche, charmante und immer ein bisschen melancholische Frau an der Schwelle zum Alter. Der begnadeten Schauspielerin und ihrer Leistung ist es auch zu verdanken, dass der Film seine innere Logik bewahrt, auch wenn er zum Ende hin rätselhaft und etwas sperrig wirkt. Das liegt vermutlich daran, dass „Mein Leben – mein Ding“ auf Sophie Fillières ausdrücklichen Wunsch postum von ihren beiden Kindern fertiggestellt wurde, die ebenfalls im Filmgeschäft tätig sind: Agathe und Adam Bonitzer. Die beiden haben sicherlich ihr Bestes gegeben, auch wenn ihnen hier und da die Komödienerfahrung ihrer Mutter fehlt. Aber wenn Barberie unter dem wolkenreichen Himmel Schottlands aufblüht wie eine verwahrloste Topfpflanze, die nach wochenlanger Trockenzeit endlich gegossen wird, dann ist das nicht nur auf humorvolle Weise sympathisch, sondern durchaus auch optimistisch – und darin liegt vielleicht das wahre Vermächtnis von Sophie Fillières.

 

Gaby Sikorski

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