Mein ziemlich kleiner Freund

Regisseur Laurent Tirard plädiert mit französischem Charme, Humor und Lebenslust für Toleranz und Verständnis gegenüber Menschen, die „anders“ sind. Sein unterhaltsames, sozialkritisches Gefühlskino verzaubert zudem mit einem Leinwandpaar, das für romantische Komödien wie geschaffen scheint: Oscarpreisträger Jean Dujardin, als kleinwüchsiger, selbstbewusster Verführer und die belgische Schauspielerin Virginie Efira umkreisen einander mit perfektem Timing. Last but not least versprüht das romantisch-moderne Märchen einen sonnigen „California-Touch“, der einfach optimistisch stimmt.

Webseite: www.meinziemlichkleinerfreund.de

OT: Un homme à la hauteur
Frankreich 2016
Regie: Laurent Tirard
Drehbuch:  Laurent Tirard, Grégoire Vigneron 
Darsteller: Jean Dujardin, Virginie Efira, Cedric Kahn, Stéphanie Papanian, César Domboy, Edmonde Franchi, Bruno Gomila, Manuele Gaillard.
Länge: 99 Minuten
Verleih: Concorde Filmverleih
Kinostart: 1. September 2016

FILMKRITIK:

„Wie alle kleinen Mädchen habe ich vom großen starken Prinzen geträumt, der mich auf sein Schloss trägt“, gibt die geschäftstüchtige Anwältin Diane (Virginie Efira) ihrer Sekretarin (Stéphanie Papanian) gegenüber zu. Von dieser Vorstellung muss sich die seit etlichen Jahren Geschiedene endgültig verabschieden. Grund: Alexandre, ein Charmeur und Gentleman, wie er im Buche steht. Der erfolgreiche Architekt besitzt nämlich keine Gardemaße. „Ich bin ihnen zu klein, nicht wahr?“, spricht er das Problem gleich souverän bei ihrem ersten Treffen an. Diane erholt sich freilich nur langsam von dem Schock. Obwohl sie ihn, um mehr als nur eine Kopflänge überragt, bemüht sie sich um Haltung.
 
Nachdem Alexander sie auf die verrücktesten Dates ihres Lebens entführt, will sie ihre Empfindungen  nicht von Konventionen beeinflussen lassen. Denn wen interessieren Äußerlichkeiten, wenn man sich so perfekt versteht? Trotzdem muss sie ziemlich hart lernen, mit gesellschaftlichen Zwängen, Spott und Vorurteilen umzugehen. Wenn ihr Ex Bruno (Cédric Kahn), mit dem sie immer noch zusammenarbeitet, sie plötzlich „Schneewittchen“ nennt und ihre Mutter Nicole (Manoëlle Gaillard) ebenfalls vom „Zwerg“ spricht, ist Loyalität und Zivilcourage gefragt. Und am Ende stellt sich die Frage: Besitzt sie die Größe, die Reaktionen ihrer Umwelt zu ignorieren und auf ihre Gefühle zu hören? Eines der ungewöhnlichsten Abenteuer ihres Lebens beginnt.
 
Die Haare grau meliert, die Lippen sinnlich, der Blick sanft. Wer könnte so einem bescheidenen Verführer widerstehen? Seit seiner grandiosen Darstellung des scheiternden Stummfilmstars George Valentin in „The Artist“ gilt der Jean Dujardin im internationalen Filmbusiness als Mann der Stunde. Nicht umsonst erhielt er dafür als erster französischer Schauspieler den Oscar für die beste männliche Hauptrolle. Auch in der hinreißenden Liebeskomödie macht der 44jährige eine exzellente Figur und triumphiert letztlich über die kleingeistige Haltung seiner Umwelt.
 
Als überforderte Diane zeigt die belgische Schauspielerin Virginie Efira erneut beeindruckend ihr emotionales Ringen zwischen Sehnsucht und Anpassung. Dass ihre Begegnung mit dem Anderssein in unkonventionellen Liebesbeziehungen das Publikum überzeugt, bewies die 39jährige bereits im französischen Arthouse-Hit „Birnenkuchen mit Lavendel“. Anderssein nicht als Handicap sondern vielmehr als Chance zu begreifen, vermittelt sie am Ende dem Zuschauer auch diesmal stimmig. Zudem verpasst Regisseur Laurent Tirard seinem romantischen, modernen Märchen einen sonnigen „California-Touch“, der einfach optimistisch stimmt. Die weltoffene Mittelmeer-Hafenstadt Marseille mit ihrem sympathisch, erfrischenden Chaos rückt seine charmante Liebeskomödie ins rechte Licht.
 
Wie sein Vorbild, die Hollywoodlegende Frank Capra mit seinen schwungvollen, sozialkritischen Komödien, beweist der Franzose Sinn für Humor und Menschlichkeit. Ohne moralischen Zeigefinger appelliert er an das Gute im Menschen. Seine unaufgeregte Botschaft zu mehr Toleranz verpackt er in eine gelungene Mischung aus gefühlvollen und durchaus komisch, slapstickhaften Momenten. Dass nicht jeder Running-Gag sitzt ist dabei leicht zu verschmerzen. Denn viel zu sehr versprüht das perfekt besetzte Feel-Good-Movie reine Lebenslust ohne sentimental-verkitschtes Mitgefühl.

Luitgard Koch