Kaum eine deutsche Regisseurin dreht so unverkennbare Filme wie Angela Schanelec, die auch mit ihrem neuen Film „Meine Frau weint“ einen höchst konzentrierten, überlegten Film vorlegt, der aus mit einer kleinen Situation beginnt, ausfranst, von Beziehungen, Kommunikationsproblemen und anderen Missverständnissen erzählt, um am Ende fast wieder am Beginn anzukommen. Schanelec-Skeptiker werden sich nicht überzeugen lassen, ihre Fans aber beglückt sein.
Über den Film
Originaltitel
Meine Frau weint
Deutscher Titel
Meine Frau weint
Produktionsland
DEU,FRA
Filmdauer
93 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Schanelec, Angela
Verleih
Grandfilm GmbH
Starttermin
11.06.2026
Vor einer weißen Wand steht ein weißer Stuhl, der Bauarbeiter Thomas (Vladimir Vulević) sitzt auf ihm, vielleicht etwas nervös oder sogar beunruhigt, zumindest seine Worte deuten dies an, Worte, die wie stets bei Angela Schanelec mehr erzählen als die meist statisch agierenden Personen, die fast ohne Mimik und Gestik agieren.
Thomas’ Frau Clara (Agathe Bonitzer) hatte ihm auf dem Handy geschrieben, sie habe einen Unfall gehabt, genaues weiß Thomas nicht, er wartet auf genauere Informationen. Zwei Angestellte der Baufirma, für die Thomas arbeitet, unterhalten sich mit ihm, berichten von eigenen Beziehungen, Kinderwünschen, Irritationen.
Später trifft Thomas Clara, sie weint, beginnt auf dem nach Hause Weg mit erregter Stimme von einem Tanzkurs zu erzählen, den Thomas und sie gemeinsam besuchten, den weiterführenden Kurs dagegen machte Clara allein, traf dort einen Mann, mit dem sie tanzte, vielleicht auch mehr, David heißt der Mann, der nun bei dem Unfall ums Leben gekommen ist, bei dem Clara verletzt wurde.
Ein plötzlich Moment der Irritation in einer scheinbar stabilen Beziehung, die Thomas aus der Bahn wirft, aber auch Clara zum Nachdenken über sich selbst, ihre Ziele und Träume bringt.
In ihrem letzten Film „Music“ variierte Angela Schanelec den antiken Ödipus-Mythos, inszenierte ihre typischen, oft an ein Tableau erinnernden Bilder in Griechenland, am Ende aber auch in Berlin, ihrem Wohnort. Auch „Meine Frau weint“ spielt in Berlin, auch wenn man das kaum erkennt: Auf einer Baustelle beginnt die Geschichte, an S-Bahn-Höfen und in den ausladenden Parks spielen sich Szenen ab, einmal kann man die Tiergartenstraße erkennen, an der Clara und einer Freundin entlangradeln. Ein vielleicht nicht zufällig gewählter Schauplatz, denn hier befinden sich etliche diplomatische Vertretungen, die auf die Vielstimmigkeit einer Stadt verweisen, die immer internationaler wird. Diese Internationalität, die immer wieder zu kulturellen, persönlichen, aber auch emotionalen Missverständnissen führt, zeigt sich in „Meine Frau weint“ ironischerweise jedoch nicht in der gesprochenen Sprache: Ausschließlich auf Deutsch unterhalten sich die Figuren, man sollte vielleicht mehr vom Vortragen ihrer oft zu ausladenden Monologen werdenden Texte sprechen, die eher auf einer Theaterbühne zu vermuten sind und weniger im echten Leben.
Unterschwellig zeigt sich die Internationalität der Figuren, die das moderne Berlin spiegeln, besonders aber den Kulturbetrieb, in dem sich auch Schanelec bewegt, durch die markanten Akzente der Schauspieler: Allen voran der Serbe Vladimir Vulević und die Französin Agathe Bonitzer, dazu der Engländer Ben Carter und manch andere.
Auch wenn sie sich alle auf Deutsch unterhalten, sich eigentlich verstehen, ist das Miteinander von Irritationen geprägt, von Leerstellen, die sich wiederum auch in filmischen Ellipsen spiegeln. Oft reden die Figuren zwar Miteinander, aber auch ein wenig aneinander vorbei, offenbaren in ihren Worten ihr Innerstes, wirken dabei aber äußerlich kühl und unnahbar.
Einmal mehr inszeniert Angela Schanelec diesen Reigen wie eine filmische Versuchsanordnung, verweist auf Kunst- und Filmgeschichte, lehnt sich bisweilen fast am absurden Theater eines Samuel Becketts an und bleibt am Ende doch ganz bei sich. Ein eigentümlicher, eigensinniger Film, der in jedem Moment die Handschrift seiner Regisseurin durchscheinen lässt.
Michael Meyns







