Meine schöne innere Sonne

Eine erfolgreiche Künstlerin um die 50, die nach der erfüllenden Liebe sucht: Juliette Binoche verkörpert diese Frau mit ihren Hoffnungen, ihrer Verletzlichkeit und ihrer Traurigkeit mit faszinierender Leinwandpräsenz. Das aber ändert nichts daran, dass in diesem Film mit seinen langen, sperrigen Dialogszenen das Interesse an seinen Figuren und ihren Schwierigkeiten in Beziehungen zerredet wird. Ein anstrengendes Räsonieren über die Unfähigkeit zu lieben, dass am Ende die Protagonistin, aber auch die Zuschauer fragend zurücklässt.

Webseite: www.pandorafilm.de

OT: Un Beau Soleil Intérieur
Frankreich 2017
Regie: Claire Denis
Darsteller: Juliette Binoche, Xavier Beauvois, Philippe Katerine, Paul Blain, Gérard Depardieu, Nicolas Duvauchelle
Länge: 94 Min.
Verleih: Pandora
Starttermin: 14.12.2017

FILMKRITIK:

Fans von Juliette Binoche werden auch diesen Film mögen: Wenn die große französische Schauspielerin ihr betörendes Lächeln in Großaufnahme auf der Leinwand erstrahlen lässt, wer wollte sich davon nicht berühren lassen? In diesem Lächeln offenbart sich die fast kindliche Hoffnung der erfolgreichen Künstlerin Isabelle auf eine alles erfüllende Liebe. Eine Frau um die 50, angesehen und geschätzt unter Freunden und Kollegen, die doch eine große Einsamkeit umgibt. Den richtigen Mann hat sie nie gefunden. Und doch gibt sie den Mut nicht auf, weiter nach ihm zu suchen.
 
Die Geschichte dieser Isabelle spielt sich zu einem großen Teil in ihrem Gesicht ab. Ihre Zuversicht und ihr Verlangen, aber auch ihre Verunsicherung und Verletzlichkeit sind in den Zügen der Binoche abzulesen. Sie verkörpert eine Frau, die mit sich und ihren Ansprüchen ringt, die sich fallen lässt und sich alsbald wieder verschließt, die Kompromisse eingeht und sie wenig später zutiefst bereut. Es ist faszinierend, Juliette Binoche in ihrer schauspielerischen Kunst zu beobachten, ihre leisen Regungen und ihre impulsiven Eruptionen zu erleben. Diese Figur ließe sich auch ohne Tonspur verstehen, es reichte, die kleinen und großen Emotionen dieser wunderbaren Schauspielerin auf sich wirken zu lassen.
 
Allerdings macht es Regisseurin Claire Denis den Zuschauern sehr schwer, sich auf Juliette Binoches leinwandfüllende Ausstrahlung zu konzentrieren. Denn die Geschichte der Isabelle setzt sich zusammen aus wenigen sehr langen, sehr wortlastigen Szenen, in denen die Protagonistin jeweils anderen Männern begegnet. Die verschiedenen Liebschaften der Isabelle haben keine Vorgeschichten, sie entfalten sich in sperrigen, sprunghaften, oft schwer zu begreifenden Dialogen. In ihnen umkreisen und belauern, verführen und verraten sich Isabelle und ihre Männer, von denen keiner wirklich zu ihr passt. Man spürt: Jeder dieser Suchenden nach Liebe hat seine Erfahrungen gemacht, Schmerzen erlitten, Wunden davongetragen. Sie alle würden gerne noch einmal neu anfangen, sind aber zu sehr gefangen in ihrem Leben, ihren Verletzungen, ihren Egoismen.
 
„Meine schöne innere Sonne“ ist ein Räsonieren über die Liebe und die Unfähigkeit, sich darauf einzulassen. Ein Film nahezu ohne klassische Handlung, stattdessen lange, anstrengende Gespräche mit vielen unerklärlichen Volten und Brüchen. Dieses permanente Reden über Erwartungen an die Liebe mündet in dem schier endlosen Fabulieren eines Wahrsagers (Gérard Depardieu), das sich über den gesamten Abspann des Films ausdehnt. Seine Schlüsse über das Liebesleben seiner Klientin Isabelle zieht er aus Fotos ihrer Liebschaften, über die er sein Pendel kreisen lässt. Dazu ein unablässiges Schwadronieren in nebulösen Allgemeinplätzen, das in Isabelle mal ein Lachen,  mal Tränen hervorruft. Ob es ihr nach dem Besuch besser geht? Wohl kaum.
 
Selbiges gilt für den Besuch dieses Films. Man hört sehr viel Text über die Liebe. Schlauer ist man am Ende trotzdem nicht. Juliette Binoche aber wird man dennoch weiter mögen.
 
Klaus Grimberg

Eine romantische Komödie von Claire Denis, der Regisseurin von harten, auch harschen Filmen wie „Beau Travail“ oder zuletzt „Les Salauds – Dreckskerle“ war nicht zu erwarten. Und ihr jüngster, in Cannes ausgezeichneter Film „Meine schöne innere Sonne“ ist auch nur auf den ersten Blick eine Komödie, denn unter der Oberfläche lässt Denis kaum ein gutes Haar an den zahlreichen Männern, mit denen sie ihre brillante Hauptdarstellerin Juliette Binoche konfrontiert.

Isabelle (Juliette Binoche) ist Künstlerin, geschieden, Mitte/ Ende 40 und Single. Ob sie noch einmal nach der großen Liebe suchen soll, ob man überhaupt nach der großen Liebe suchen sollte, sind die Fragen, die sie umtreiben. Sie hat Affären mit einem selbstgefälligen Banker (Xavier Beauvois), einem etwas verwirrten Schauspieler (Nicolas Duvauchelle), einem sensiblen Künstler (Alex Descas) und einem Mann aus der Arbeiterklasse (Paul Blain), doch wirklich warm wird sie mit keinem dieser Männer. Doch woran liegt es, dass sie sich nicht wirklich öffnen kann, nie ganz zufrieden mit dem jeweiligen Liebhaber ist? An ihr selbst, an den gesellschaftlichen Konventionen oder doch einfach an den Männern?

Schon die erste Szene von „Meine schöne innere Sonne“ ist bezeichnend: Ein Mann müht sich da auf der von Juliette Binoche gespielten Isabelle ab, das Paar hat Sex, im weitesten Sinne, denn dieser Akt wirkt mühsam, nicht gerade lustvoll. Zunehmend gelangweilt blickt Binoche nach oben, in die Kamera, bis sie reichlich genervt „Komm endlich!“ ruft. Nicht minder verkrampft ist das postkoitale Gespräch, der Versuch des Mannes, bestätigt zu bekommen, dass er nichts falsch gemacht hat, die Bemühungen der Frau, ihn nicht in seiner Männlichkeit zu verletzen. Aber warum eigentlich nicht? Warum fällt es dieser Frau, dieser autarken, eigentlich selbstbewussten, auch erfolgreichen Künstlerin, wie wir sie im Laufe des Films kennen lernen werden, in diesem Moment so schwer, dem Mann zu sagen, dass er ein schlechter Liebhaber ist?

Fragen des Zwischenmenschlichen, des Verhältnisses von Männern und Frauen stellt Claire Denis in ihrem Film, der lose auf Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ basiert, was eigentlich auch ein schöner Titel für einen Film wäre, der zwar kein Fragment ist, aber einer losen, offenen Struktur folgt. Diverse Liebhaber hat Isabelle im Lauf der 100 Minuten, probiert in gewisser Weise unterschiedliche Typen aus: Den Arroganten, den Sensiblen, den Fürsorglichen, den Bodenständigen und ist dabei stets auf der Suche nach etwas Echtem, etwas Wahrem. Alle Männer haben etwas für sich, haben aber auch ihre Macken, die oft auch einfach im gesellschaftlichen Blick existieren. Als Isabelle etwa mit einem Mann aus der Arbeiterklasse anbändelt, wird sie bald von einem Galeristen gefragt, ob sie denn überhaupt ein Gesprächsthema hätten? Durchaus, antwortet Isabelle, aber man merkt, dass das nicht die ganze Wahrheit ist, das ihr Bekannter, der ihr ebenfalls den Hof macht, durchaus Recht mit seiner eigennützigen Bemerkung hat.

Man darf diesen Film durchaus autobiographisch verstehen, als Reflexion einer Regisseurin, die im Lauf ihrer 71 Jahre viel erlebt, viel gelebt hat. In Juliette Binoche hat sie ein ideales Alter Ego gefunden, die hier eine bemerkenswert natürliche Darstellung abliefert, frei von der Affektiertheit, die sie oft begleitet, vielleicht auch befreit von den Zwängen eines narrativen Konstrukts, ganz offen und auch ungeschützt. Zusammen stellen Binoche und Denis grundlegende Fragen über das Verhältnis von Frauen und Männern in unserer Zeit, über Klischees, Konventionen und den schwierigen Versuch, aus bekannten, auch überkommenen Mustern auszubrechen.
 
Michael Meyns