Meine Schwestern

Im neuen Film von Lars Kraume („Keine Lieder über die Liebe, „Die kommenden Tage“) überzeugen drei wunderbare Schauspielerinnen: Jördis Triebel, Nina Kunzendorf und Lisa Hagmeister. Eine von ihnen ist von Geburt an schwer herzkrank, vor einer erneuten Operation begibt sie sich mit ihren beiden Schwestern auf eine Reise an Orte ihrer Kindheit an der Nordsee und schließlich nach Paris, wo sie das Leben noch einmal mit vollen Händen zu greifen sucht.
In dem leisen, intensiven Kammerspiel steht der Tod zwar am Beginn. Dennoch ist es kein Film über das Sterben, sondern über die Schönheit des Lebens und das Geschenk geschwisterlicher Liebe, die in der Tiefe ruht und bestehen bleibt wie ein Lächeln.

Webseite: www.meineschwestern.de

Deutschland 2013
Regie: Lars Kraume
Darsteller: Jördis Triebel, Nina Kunzendorf, Lisa Hagmeister, Angela Winkler, Ernst Stötzner
Filmlänge: 88 Minuten
Verleih: Alamode Film
Start: 06. Februar 2014

PRESSESTIMMEN:

"Kein düsteres Sterbedrama, sonden ein fast schon hingetupftes Familienporträt: Das schaffen sonst nur die Franzosen – und Lars Kraume. Beeindruckend."
Stern

"Ein zu Herzen gehendes Werk, das auch komische Seiten hat. Bewegend."
Der Tagesspiegel

"Alles außer gewöhnlich. …mit einer wunderbaren, charmant-burschikosen Jördis Triebel ('Emmas Glück'), die mal wieder beweisen kann, dass sie alles ist, nur kein Durchschnitt."
Brigitte

FILMKRITIK:

Der Film beginnt mit dem Tod. Eine toter Mensch wird in den Keller gefahren, dorthin, wo die meisten einmal enden werden, im Untergeschoss eines Krankenhauses. Danach beginnt die Geschichte, sozusagen aus dem Rückblick der toten Frau, wenn sie denn zurückblicken könnte. Im Film kann sie das. Wir sehen die Bilder ihrer letzten Tage, darüber liegt ab und an ihre weiche Stimme, die von dem erzählt, was ihr wichtig ist, wichtig war.

Linda (Jördis Triebel) war mit einem schweren Herzfehler auf die Welt gekommen und hätte nach Aussage des Arztes eigentlich nur drei Monate alt werden sollen. Dann waren es dreißig Jahre geworden. Jetzt spürt sie, dass es zu Ende geht. Ohne ihrem Mann Micha (Stephan Grossmann) etwas anzukündigen, zumal der gerade mit seiner neuen Geliebten beschäftigt ist, fährt sie zu ihrer kleinen Schwester Clara (Lisa Hagmeister). Kurz darauf stehen beide vor Katharinas Tür, die davon ziemlich genervt ist. Katharina (Nina Kunzendorf) ist die älteste der drei Schwestern und von jeher dazu aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen und ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, besonders hinter die der kranken Linda. Nun hat sie selbst drei Kinder, traut ihrem Mann aber kaum zu, mit denen mal ein Wochenende allein zurechtzukommen. Aber Linda möchte mit ihren beiden Schwestern Orte ihrer Kindheit besuchen. Für sie ist es schon ein Abschied, für Katharina zunächst nur eine zusätzliche Belastung, und für Clara eine willkommene Ablenkung von sich selbst. Es sind ganz kurze Momente, ein Innehalten, ein Blick, der einfach ausgehalten wird, ohne etwas aufzulösen, die etwas vom tiefen Verständnis der Schwestern füreinander erzählen, trotz aller Spannungen. Und die gibt es die Menge.
Merken die beiden älteren nicht, wie Clara immer mehr in ihrer Traurigkeit versinkt, sich als überflüssiges Rad am Wagen fühlt? Mit der ihr eigenen Gelassenheit wartet Linda, bis es soweit ist, bis Clara sich öffnen kann, ihr Unglück mit ihr teilt. So ist das zwischen den Schwestern.

Durch die Entscheidung, den Zuschauer mit dem Blickwinkel der Hauptfigur auf eine Ebene zu setzen, indem ihr Tod vorweggenommen wird, ist die Außenspannung – wird sie die angekündigte Herz-OP überstehen? – aufgehoben. Und so kann man sich, wie Linda selbst, ganz einlassen auf das Erleben der letzten Momente ihres Lebens, auf das, was zwischen den Schwestern auf ihrer letzen Reise von der Nordsee bis nach Paris geschieht. Was sich wiederholt, was sich ändert, was bleibt…

Es ist einer von Lindas spontanen Entschlüssen, nach Paris zu fahren zu Tante und Onkel, den von allen dreien geliebten, die ein lebendiges, geist- und kulturvolles Haus führen. Vor allem Clara hatte es immer dahin gezogen, auch wenn sie nie den Mut aufbrachte, diesen Schritt tatsächlich zu tun.

Jördis Triebel ist nicht allein das Zentrum des Films, – das sind alle drei Schwestern gleichermaßen. Sie ist dessen Ruhepol, seine Kraft. Die Kamera läßt sich viel Zeit, auf ihrem Gesicht zu ruhen und zu warten, bis sie zu Ende geschaut hat. Es sind ja alles letzte Blicke … auf das Meer, auf ein Strassencafé in Paris, auf Sacré Cœur.

Auch auf ihre Schwestern, die in ihrem Schmerz mit den eigenen Grenzen konfrontiert werden. Nina Kunzendorf beeindruckt durch die Konsequenz, mit der sie ihre Figur panzert. Unter der eisernen Schutzschicht aus Vernunft und Verantwortungsgefühl kann man das flattrige Nervenkostüm und ihre Weichheit nur vermuten. Dies zu zeigen hebt sie sich für einen ganz späten kurzen Moment auf. Lisa Hagmeister als Clara versteht es ganz wunderbar, sich zwischen den beiden erwachsenen Frauen einerseits als ewige kleine Schwester einzurichten, bleibt dabei aber ganz dünnhäutig und von den eigenen Aufgaben überfordert, denen sie sich noch nicht zu stellen vermag. Was am Anfang wie die „normale“ Konkurrenz in einem Dreiecksverhältnis wirkt, differenziert sich in sehr subtilen Charakteren, die auf höchst unterschiedliche Weise mit dem Abschied und der eigenen Lebensproblematik umgehen.

„Meine Schwestern“ ist ein leises, intensives Kammerspiel, in dem auch Angela Winkler und Ernst Stötzner in den wenigen Momenten des Parisbesuches sensible Studien der älteren Generation zeigen, die nur scheinbar souverän den Tod nicht allzu nah an sich herankommen lassen wollen. Und dabei ist es gar kein Film über das Sterben, sondern über die Schönheit des Lebens und das Geschenk geschwisterlicher Liebe, die in der Tiefe ruht und bestehen bleibt wie ein Lächeln.

Caren Pfeil