Meine Welt ist die Musik

„Mir liegt nichts daran, auf der Straße erkannt zu werden. Ich möchte auf der Straße gepfiffen werden!“, sagt der Mann, dem die Republik ein Füllhorn von Ohrwürmern und Hits verdankt. Ob Schlager à la „Ein bisschen Spaß muss sein“, „Marmor Stein und Eisen bricht“ oder „Wunder gibt es immer wieder“. Ob Werbe-Jingles von Maggi bis Milka. Oder Serienmelodien für „Heidi“, „Wickie“ und „Timm Thaler“. Mehr als 2.500 Kompositionen hat Christian Bruhn geschrieben. Höchste Zeit, dem 84-Jährigen ein Bio-Pic zu widmen. Zumal sich dieser Künstler als ebenso sympathischer wie unterhaltsamer Erzähler ohne branchenübliches BlaBla und BlingBling erweist. Solchen Kreativen hört man ausgesprochen gerne zu. Wenn Bruhn als Bierzelt-Besucher mit leichtem Lächeln ein leises „Damm-Damm“ zum kollektiv geschunkelten „Marmor Stein“ summt, sind das bezaubernde Momentaufnahmen in einer charmanten Dokumentation über einen der erfolgreichsten deutschen Komponisten. Da Capo!

Webseite: www.filmperlen.com

D 2017
Regie: Marie Reich
Darsteller: Christian Bruhn, Katja Ebstein, Harold Faltermeyer, Ralph Siegel, Klaus Doldinger, Erika Bruhn, Curt Kress, Toni Netzle, Johannes Bruhn, DJ Hell 
Filmlänge: 80 Minuten
Verleih: Filmperlen
Kinostart: 10.1.2019

FILMKRITIK:

„Wenn Sie mich fragen, wie ich mich sehe? Dann sehe ich mich als gespaltene Persönlichkeit. Was soll ich dazu sagen? Ich bin halt so.“ Mit dieser Selbstauskunft beginnt Regisseurin Marie Reich ihre Doku über den ebenso erfolgreichen wie weitgehend unbekannten Komponisten Christian Bruhn. Drei Jahre lang haben die Filmemacher den heute 84-jährigen Künstler mit der Kamera begleitet. Der zog bislang ein zurückgezogenes Leben jenseits der Scheinwerfer vor. Nun öffnet er erstmals bereitwillig sein Haus und sein Herz. Zu den eigenen Erzählungen gesellen sich Aussagen seiner Familie sowie von langjährigen Begleitern wie Ralph Siegel, Klaus Doldinger, Harold Faltermeyer oder Katja Ebstein. Die Schlagersängerin (und einstige Ehefrau) bringt die musikalische Leistung auf den Punkt: „Schwierig kann jeder, eine einfache Form ist viel schwerer!“. Der Herr der Noten offenbart seine Erfolgsformel für den Ohrwurm derweil so: „Der Komponisten-Trick: Einen ziemlich komplizierten Vers und eine ganz einfache Refrain-Melodie.“

Wer kann, der kann. Und hat Ein bisschen Spaß muss sein in einer halben Stunde fix und fertig auf dem Blatt. „Das kann jeder – oder nicht!“ lacht der Maestro freundlich.
 
Ganz so einfach war der Karriereanfang nicht. „Unbeschreiblich faul“ sei er in der Schule gewesen, erinnert sich Bruhn. Während er für die Mutter der Prinzensohn ist, fehlt vom Vater die Anerkennung. „Erst war ich der totale Versager. Und als ich dann erfolgreich war, war es auch nicht gut:.‚Du fällst doch immer wieder in das Jazz-Loch!’ – Das werde ich nie vergessen.“ Selbstkritisch räumt er die eigenen Fehler als Familienmensch ein, zu viel Zeit für die Karriere, viel zu wenig für Frau und Kinder. „Wie aber mögen wir anderen erscheinen?“ zitiert er Victor Klemperer und bereut, er habe sich das nicht ausreichend klar gemacht.
 
Beim Komponieren ist der Kompass klar. Für „Timm Thaler“ war die passende Tonart ganz entscheidend: „In Dur hätte sie scheußlich geklungen!“. Beim Schlager punktet die überlegte Wortwahl: „Wie machen vierfache Alliteration, das bleibt besser hängen: Wärst du doch in Düsseldorf geblieben.“ Und das eigene Bauchgefühl nie vergessen. Bei Marmor Stein und Eisen bricht sollte Bruhn dringend den Schrei-Teil streichen, um einen Hit zu landen – „so kann man sich irren“, amüsiert sich der Komponist über seinen Coup, der selbst 50 Jahre nach seiner Entstehung noch funktioniert.
 
Die kreative Bilanz des Christian Bruhn klingt schier unglaublich: Mehr als 2.500 Titel umfasst das Werkverzeichnis, darunter 100 Werbejingles und ebenso viele Schlager für Mireille Mathieu. Seine Hits erreichten generationsübergreifend Kultstatus, die Melodien haben sich in das kollektive Ohrwurm-Gedächtnis eingebrannt. Sein Captain Future dient angesagten DJs gerne als Remix-Vorlage. Für den Komponisten ist die Erfolgsstory freilich kein Grund zum Abheben. „Es ging nie um die Anerkennung. Natürlich freut einen ein Sieg. Aber die meisten Stücke sind ja keine Erfolge. Und die haben einem genauso Freude gemacht: Die Musik ist Selbstzweck“, gibt Bruhn mit hanseatischer Bescheidenheit zu Protokoll. Nur manchmal blinzelt ein klitzekleines bisschen Stolz durch die Augen, wenn er mit beglücktem Lächeln sagt: „Mit Heidi war natürlich kein Halten mehr.“
 
Mit wohltuender Zurückhaltung gelingt Reich ein facettenreiches, warmherziges Portrait über einen faszinierenden Ausnahme-Musiker. Wie sehr Bruhn seiner Regisseurin vertraute, ist sichtlich spürbar. Dass er im Grunde seines Herzens eigentlich am liebsten Mozart hört und Jazz spielt? Timm Thaler, Wickie und Zwei kleine Italiener werden es ihm wohl verzeihen.
 
Dieter Oßwald