Meister der Träume

Der sogenannte afghanische Steven Spielberg drehte trotz Besatzung, Taliban und Bürgerkrieg in den letzten 30 Jahren über 100 Low Budget-Filme im Bollywood-Stil. Dieses sehr kenntnisreiche und einfühlsame Porträt eines charmant eitlen Film-Fanaten ist gekonnt verwoben mit der Geschichte des geschundenen Landes.

Webseite: www.temperclayfilm.de

Le Prince de Nothingwood
Dokumentarfilm OmU
Frankreich, Deutschland 2017
Regie: Sonia Kronlund
85 Minuten
Verleih: temperclayfilm
Kinostart: 3.5.2018

FILMKRITIK:

Was ist das für ein Mensch, der mitten im afghanischen Bürgerkrieg Filme dreht und, nachdem bei einem Raketenangriff zehn Crew- Mitglieder sterben, noch weiter filmt? Die Verknüpfung eines von Besetzung und Krieg geschundenen Landes mit dem Leben eines fanatischen Filmemachers ist die Geschichte der Dokumentation „Meister der Träume“.
 
Der 1964 in einem zum Westen geöffneten Afghanistan geborene Salim Shaheen gilt als der afghanische Steven Spielberg, wobei Ed Wood passender wäre. Er hat bislang 109 Filme gedreht, ist gleichzeitig Schauspieler, Produzent, Regisseur und Held. Es sind einfach gemachte Genre-Geschichten mit übersichtlicher Story, die ein großes Publikum finden. Das Staunen mit offenem Mund der jungen Männer beim Zuschauen im improvisierten Kino belegt dies. Es gibt Prügel im Bud Spencer-Stil, dazu Musik- und Tanzeinlagen wie beim Bollywood-Kino. Im Gegensatz zum dortigen Überfluss fehlt es in seinem „Nothingwood“, so sagt Salim Shaheen selbst, an allem.
 
Dabei kann der rundliche Mann im Rollkragenpullover weder lesen noch schreiben, was er allerdings nicht erwähnt. Dafür weiß er bei jeder Gelegenheit die Menge zu begeistern. Die
Fans mussten die Gewalt der Taliban riskieren, wenn sie seine Filme auf verbotenen Fernsehern sehen wollten. Öfters weiß man jedoch nicht genau, ob die Menschen ihn nur bewundern, oder diesen wahnsinnigen Enthusiasmus auch belächeln.
 
Salim Shaheen inszeniert sich bei einer Autopanne als Macher und Anpacker, was sich denn auch mit einer passenden Filmszene von ihm doppelt lässt. Auch zur seiner Biografie mit früher Filmbegeisterung und verbotenen Kinobesuchen gibt es – fast wie bei Woody Allen – eigenes Spielfilmmaterial zum Bebildern. Seine Karriere begann als Soldat und Künstler für die sowjetischen Besatzer. Wie ein aktueller Dreh mit frischem Hühnerblut für die Effekte zeigt, soll er als einziger seiner Einheit einen Taliban-Angriff überlebt haben. Trotz Bürgerkrieg, Taliban und der Bürde der Traditionen drehte Shaheen immer weiter.
 
Die französische Regisseurin Sonia Kronlund hat seit dem Jahr 2000 – damals noch unter der Herrschaft der Taliban – viele Fernseh- und Radioberichte in Afghanistan gemacht und war fünfzehn Mal im Land. Sie weiß, wo die Kamera hinblicken muss, kennt das Land und die Sicherheitsregeln für Ausländer, um die sich der Regisseur nicht schert. Das Team dreht zeitweise mit echten, geladenen Kalaschnikows, denn „Inschallah! So Gott will.“
 
Während eine Schauspielerin erzählt, dass ihr Tun verpönt und den Frauen das Tanzen verboten sei, bewegt sich die Regisseurin mit Kopftuch offen vor der Kamera. Sie sei allerdings ein echter Kerl, „Sonia Mister“, meint Shaheen. Er versteckt jedoch selbst seine beiden Frauen und die Töchter vor der Kamera. „Ein Mann darf das Gesicht seiner Frau nicht zeigen. Es gilt sogar als unangebracht, ihren Vornamen zu nennen! Shaheen ist immer noch das Oberhaupt seiner Sippe. Seine Frauen vorzuführen wäre eine Schande,“ so erzählt die Regisseurin.
 
Dieses Porträt könnte sich als Kuriosität schnell erschöpfen. Doch wenn Shaheens Freunde, Fans, und Darsteller – in Personalunion – davon erzählen, wie nach einem Raketenangriff mit zehn Toten weiter gedreht wurde, drängen sich die erschütternden Realitäten dieses Landes in Bilder, die sich die Überlebenden unter Tränen zusammen mit der Regisseurin anschauen. Shaheen drehte auch während des Bürgerkriegs weiter. Er kommandierte eine lokale Miliz und ließ gleichzeitig seine Soldaten als Statisten auftreten. „Ich war ein Künstler-Kommandant, kein Killer.“
 
Und ein begnadeter Erzähler. Wie er die Folgen eines Raketeneinschlages schildert, ist bittere Poesie: Er findet angeblich die abgetrennte Hand eines Mädchens mit einem angebissenen Apfel, den anderen Teil des Apfels noch in ihrem Mund. Sonia Kronlund fügt nach diesem schweren Moment, dem Genre entsprechend, dass sie porträtiert, ein Stück Gesang ein.
 
Neben den Frauenrollen erhält auch ein tuntiger Schwulen-, Transen- oder Frauendarsteller im Team besondere Aufmerksamkeit, der als Darsteller der „Cousine“ in einer TV-Show Frauenprobleme zur Sprache brachte. Kronlund erlaubt sich dabei, das reiche und packende Material ohne typische Dramaturgie, etwa mit irgendeiner Katastrophe vor dem Schluss zu montieren. So schließt sie mit dem Ende eines Drehs im Bamiyan-Tal und einem nüchternen Abschied von diesem Clown und Narren in furchtbaren Zeiten. Eine mit viel Kenntnis Afghanistans entstandene Dokumentation, die sehr geschickt die Porträts von Land und Filmemacher verbindet.
 
Günter H. Jekubzik