Milk

Er kämpfte mit Courage und Leidenschaft für die Gleichberechtigung von Homosexuellen und gegen ein Klima der Angst und Bigotterie. Sein Name: Harvey Milk. Hollywood widmet dem 1978 ermordeten, ersten offen schwulen Stadtrat der USA nun ein hochkarätig besetztes Zeitdokument, dessen universale Agenda nichts an Brisanz und Aktualität eingebüßt hat. In der Hauptrolle brilliert Sean Penn, der wie der gesamte Film bereits für einen Oscar gehandelt wird.

Webseite: www.constantin-film.de

USA 2008
Regie Gus Van Sant
Drehbuch: Dustin Lance Black
Kamera: Harris Savides
Musik: Danny Elfman
Mit Sean Penn, James Franco, Emile Hirsch, Josh Brolin, Diego Luna, Alison Pill, Victor Garber
Laufzeit 128 Minuten
Verleih: Constantin
Kinostart: 19.2.2008

PRESSESTIMMEN:

…Ein liebevolles, extrem unterhaltsames Porträt.
KulturSPIEGEL

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FILMKRITIK:

Anfang der siebziger Jahre zieht es den New Yorker Geschäftsmann Harvey Milk (Sean Penn) und seinen Freund Scott (James Franco) von der Ost- an die Westküste, genauer nach San Francisco, dem einstigen Mekka der Hippie-Bewegung. Dort eröffnen beide ein kleines Fotogeschäft. Schnell entwickelt sich ihre Nachbarschaft, die Gegend um die Castro Steet, zu einem vitalen, bunten „Hot Spot“ der schwul-lesbischen Szene. Doch auch das schützt Harvey und seine Freunde nicht vor Repressalien und Übergriffen der Polizei. Gerade vielen Konservativen und christlichen Gruppen sind Schwule ein Dorn im Auge. Viele vertreten die Auffassung, dass es sich bei Homosexualität um eine Krankheit handelt, um eine Abnormalität, vor der man die Gesellschaft schützen muss.

Als die Stimmung zunehmend feindseiliger wird, entschließt sich Harvey, aktiv für die Rechte von Schwulen und Lesben einzutreten und für einen der vakanten Stadtratsposten zu kandidieren. Bei seinen ersten Anläufen unterliegt er jeweils nur knapp. 1977 gelingt ihm dann wahrlich Historisches. Als der erste offen schwule Mandatsträger in der amerikanischen Geschichte wird Harvey Milk in den Stadtrat gewählt. Dabei erhält er auch die Stimmen vieler Schwarzer, Latinos, Gewerkschafter und Rentner.

Regisseur Gus Van Sant und Drehbuchautor Dustin Lance Black nähern sich diesem Ausschnitt neuerer amerikanischer Geschichte über die Privatperson Harvey Milk. In den Siebzigern war das Private noch politisch, vor allem dann, wenn der eigene Lebensentwurf von dem der Mehrheit in entscheidenden Punkten abwich. Gleichgeschlechtliche Liebe wurde als Sünde geächtet und Schwule mit Kinderschändern gleichgesetzt, woraus manch abstruser Vorschlag wie der nach dem Ausschluss von Homosexuellen aus dem Schuldienst resultierte. Der Film zeigt, wie sich Schwulen und Lesben erstmals organisierten und ihrem Anliegen in der Öffentlichkeit eine deutlich wahrnehmbare Stimme gaben. Van Sant mischte dazu in die mit großer Akkuratesse inszenierten Spielszenen immer wieder Archivmaterial von TV-Interviews, Wahlkampfveranstaltungen und Pressekonferenzen, in denen auch vehemente Gegner der Gleichberechtigung wie die christliche Aktivistin Anita Bryant zu Wort kommen.

Milk ist aus vielerlei Gründen ein bemerkenswerter Film. Van Sant bringt uns einerseits die Person Harvey Milk näher, ohne ihn als Platzhalter schwul-lesbischer Forderungen oder Ikone des „Gay Pride“ zu instrumentalisieren. Das politische wie soziale Erdbeben, das seine Ernennung zum Stadtrat in Kalifornien auslöste und das in seiner Signalwirkung weit über die Grenzen San Franciscos Relevanz besaß, scheint untrennbar mit Milks Vita verbunden. Mit dem, was er für richtig erachtete und was ihm wirklich war. Dabei bleibt dieser bemerkenswert mutige Mann immer ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Einmal ins Amt gewählt, zeigt sich recht bald, dass er von politischen Winkelspielen mindestens so viel wie seine Gegner verstand. Und in seinen Beziehungen, erst mit Scott, später mit dem deutlich jüngeren Jack (Diego Luna), ist das Scheitern eine Konstante.

Sean Penns Porträt stellt sich ganz in den Dienst dieser inspirierenden und nach wie vor aktuellen Geschichte. Hingebungsvoll und völlig uneitel nähert er sich der Rolle, die ihm eine weitere Oscar-Nominierung einbringen dürfte. Neigte Penn in der Vergangenheit bisweilen zu übertriebenen, exaltierten Posen, so ist dieses Mal rein gar nichts davon zu spüren. Er verwandelt sich in Milk, ohne dass es jemals angestrengt wirkt oder sich wie das Abhaken einer Checkliste anfühlt. An Penns Seite brilliert Josh Brolin. Seine Darstellung des frustrierten Stadtrats Dan White ist nicht minder überzeugend. White, der Milk und San Franciscos Bürgermeister George Moscone (Victor Garber) am 27. November 1978 im Rathaus aufsuchte und mit fünf Schüssen ermordete, war ein schwieriger Charakter und eine gebrochene Persönlichkeit. Aber so wenig der Film Harvey Milk zu einem Heiligen stilisiert, so wenig verfällt er im Fall Dan White einer plumpen Dämonisierung.

Trotz seines zunächst tragischen Ausgangs ist Milk im Kern doch ein zutiefst optimistisches Stück Kino. Der Film handelt von der Möglichkeit des Wandels, davon dass sich in einer Demokratie Minderheiten organisieren und dadurch zu Mehrheiten werden können. Emotional und zuweilen mit sichtlicher Wut im Bauch zeichnet Van Sant ein spannendes Zeitgemälde, dem man jeden nur erdenklichen Erfolg wünscht.

Marcus Wessel

Der junge Amerikaner Harvey Milk hat genug davon, als Homosexueller missachtet, verspottet und ausgegrenzt zu werden. Mit seinem Freund zieht er nach San Francisco, der Stadt, so denkt er, wo sich im Hinblick auf die Erlangung der Menschen- und Bürgerrechte für Schwule am meisten erreichen lässt.

Um ihre Existenz zu sichern, gründen die beiden einen kleinen Fotoladen in einem einschlägigen Stadtviertel. Sie wollen Homosexuelle „rekrutieren“, wie sie sagen, aus der Reserve locken, versammeln, sie dazu bringen, dass sie sich vor allen outen, aus ihnen eine politische Kraft machen, Überzeugungsarbeit bei der Bevölkerung und speziell bei den Gegnern leisten – und Wahlen gewinnen.

Eine Sisyphus-Arbeit. Jahrelang sind alle aufreibenden Bemühungen erfolglos. Stadtrats-, Bezirkswahlen, alles geht verloren.

Dann trägt die Arbeit doch Früchte. Milk hat ein fähiges Team um sich versammelt, hält Reden, führt Demonstrationen an, steckt Rückschläge ein, nimmt einen kranken Freund auf, wird zum Stadtrat gewählt, betreibt Lobbyismus bei seinen Stadtratskollegen, gewinnt in Abstimmungen gegen diskriminierende Verordnungs- und Gesetzesvorlagen – und wird, zusammen mit dem Bürgermeister der Stadt, auf dem Höhepunkt seines politischen Erfolges von dem neidischen, frustrierten, erfolglosen Stadtratskollegen Dan White erschossen. Das war Ende der 70er Jahre. Aber viel ist erreicht.

Zehntausende von Menschen tragen ihn zu Grabe. Die Asche wird bei der Golden Gate Bridge verstreut. Dan White kommt nach fünf Jahren aus dem Gefängnis und bringt sich zwei Jahre später um.

Abgesehen von der professionellen halbdokumentarischen Montage zweifellos ein in Bezug auf die Menschen- und Bürgerrechte von Homosexuellen enorm wichtiger Film. Ein kämpferisch-tragisches Lebensbild. Und eine Bilanz dessen, was inzwischen erreicht wurde.

Und noch etwas: Sean Penn spielt diesen Harvey Milk wunderbar und perfekt. Nicht umsonst gab es dafür schon Nominierungen und Preise. Das übrige Team ergänzt ihn in klassischer Weise.

Thomas Engel