Miss Hokusai

Ein weiterer Beweis dafür, dass Animationsfilme keineswegs nur für Kinder sind, ist „Miss Hokusi“, ein lose biographischer Film über den legendären Künstler Hokusai, der zusammen mit seiner Tochter Anfang des 19 Jahrhunderts im heutigen Tokio lebte und arbeitete. Der zudem als Ahnherr des Mangas und des Anime gilt, womit sich der Kreis zu diesem stilistisch außerordentlichen Film schließt.

Webseite: www.av-visionen.de

Japan 2015 – Animationsfilm
Regie: Keiichi Hara
Buch: Miho Maruo, nach dem Manga von Hinako Sugiura
Länge: 93 Minuten
Verleih: AV-Visionen
Kinostart: 16. Juni 2016
 

FILMKRITIK:

Edo, 1814. Das zukünftige Tokio ist noch Hauptstadt des feudalen Kaiserreichs, geprägt von Samurais und Traditionen. Hier lebt der Künstler Katsushika Hokusai, genannt Tetsuzo und malt mit seinem Pinsel die als Ukiyo-e bekannten Farb- und Holzschnitte, die ihn auch weit über Japan hinaus berühmt machten. An seiner Seite steht seine Tochter O-Ei, die selbst Künstlerin ist, vor allem aber eine Frau. Und das bedeutet in der damaligen Gesellschaft, dass sie keine Chance hat, für ihre Bilder bekannt zu werden. Statt dessen wird von O-Ei erwartet, einen Mann zu finden, was der resoluten Frau, die den Dickkopf ihres Vaters geerbt hat, alles andere als Recht ist.

Allzu viel ist über das Leben von Hokusai nicht bekannt, noch weniger aber über seine Tochter, die, der Titel „Miss Hokusai“ deutet es an, im Mittelpunkt dieses Films steht. Der wiederum auf dem ebenfalls von einer Frau geschriebenen Manga „Sarusuberi“ basiert, der schließlich von einer Drehbuchautorin adaptiert wurde. Auch wenn der Regisseur Keiichi Hara also ein Mann ist, ist „Miss Hokusai“ doch deutlich von einem weiblichen Blick geprägt, was der auf den ersten Blick historischen Geschichte deutlich moderne Züge verleiht.

Kein Wunder, denn O-Ei scheint – so viel ist über sie bekannt – eine moderne, emanzipierte Frau gewesen zu sein, die den Regeln der damaligen Gesellschaft die Stirn bot und zumindest in der Abgeschiedenheit der eigenen vier Wände bemerkenswerte Kunstwerke schuf. Inzwischen wird vermutet, dass sie gerade als ihr Vater älter wurde, immer wieder Bilder gemalt hat, die unter dem Namen Hokusai verkauft wurden. Belegen lässt sich dies heute kaum noch, wirft aber interessante Fragen auf und ermöglicht einen spannenden Blick auf die Vergangenheit.

Direkte Linien werden jedoch nicht nur in der Figur O-Eis in die Gegenwart gezogen, sondern vor allem auch, was den Einfluss der Kunst Hokusais auf die Entwicklung des Mangas und später der Animes angeht. Weniger die bekannten Ansichten des Mt. Fuji sind hier besonders einflussreich gewesen, sondern die Darstellung von Lebewesen aller Art, von Kurtisanen bis zu Drachen. Der fließende Strich, mit dem Hokusai sie malte, so authentisch und lebensnah, visualisiert „Miss Hokusai“ in einigen atemberaubenden Szenen, in denen Bilder und Zeichnungen lebendig werden, Träume mit der Wirklichkeit zusammenfließen, die Kraft der Bilder imaginiert wird.

All dies in einem episodischen Konstrukt, der auf eine klassische Handlung verzichtet. Allein der Fortgang der Jahreszeiten, von der Blüte der Kirschblüte über den verschneiten Winter, lässt den Fortgang der Zeit wahrnehmbar erscheinen. Etwas mäandernd ist das bisweilen, bleibt angesichts der stilistischen Originalität und seine ungewöhnlichen Hauptfigur aber immer sehenswert.
 
Michael Meyns