Mondomanila

Einarmige Zuhälter, rappende Zwerge, Drogendealende Teenager, Sex, Mord, Drogen, Dreck und Armut. Das in etwa sind die Zutaten von „Mondomanila“, einem wilden, flirrenden Trip in die Slums der philippinischen Hauptstadt. Was Khavn de la Cruz hier in kaum 75 zeigt ist ein gleichermaßen schockierender wie liebevoller Blick in den Abgrund, der alles andere als schön, aber absolut faszinierend ist.

Webseite: www.rapideyemovies.de

Philippinen 2012
Regie: Khavn de la Cruz
Buch: Khavn de la Cruz, Norman Wilwayco
Darsteller: Timothy Mabalot, Marife Necesito, Palito, Whitney Tyson, Jim Rocky Tancko, Jonathan Reyes
Länge: 75 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 29. November 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Nur selten finden Filme von den Philippinen den Weg in die deutschen Kinos. Das ist umso bedauerlicher, als Regisseure wie Brillante Mendoza, Lav Diaz oder Raya Martin zu den interessantesten Filmemachern unserer Zeit zählen. Während diese Autoren sich im weitesten Sinne in den Mustern des Arthouse-Kinos bewegen und inzwischen regelmäßige Gäste auf den wichtigen Festivals sind, ist Khavn de la Cruz ohne Frage das Enfant Terrible des philippinischen Kinos. Rund 100 Kurz- und Langfilme hat der 38jährige Regisseur bislang gedreht, meist No-Budget Produktionen, die mit einer einfachen Digitalkamera und Laiendarstellern in Manila entstanden. „Mondomanila“ ist so etwas wie eine Kulmination seines bisherigen Schaffens, ein bildgewaltiger Exzess, überbordend, abstoßend, wild und hemmungslos.

Am Anfang und Ende stehen aus you tube übernommene Aufnahmen von Überschwemmungen in Manila bzw. der Räumung eines Slums durch die Staatsgewalt, gegen den sich die Bewohner vehement sträuben. Diese dokumentarischen Aufnahmen suggerieren einen realistischen Blick auf die Slums Manilas, den der dazwischen liegende Film gleichermaßen unterläuft wie bestätigt. Was von dem gezeigten wahr, was übertrieben, was erfunden ist, ist kaum zu sagen, man wünscht sich, alles wäre erfunden und ahnt doch, dass das meiste der Realität entspricht.

„Manila ist eine grausame und verrückte Stadt. Sie stinkt nach Schaben, überall sind Ratten. Es gibt keine Kanalisation, die Menschen haben Nichts: Keine Arme, keine Beine, keine Augen, keine Zähne“ liest man zu Beginn in einem Graffiti und in diesem Ton geht es weiter. Nach einem an die von expliziten Darstellung von Sex und Geschlechtsorganen durchtränken Comics von Robert Crumb erinnernden Vorspann, werden in rasanten Montagen, verkanteten Einstellungen, farbgesättigten Digitalbildern, zahllose Figuren vorgestellt. Sie tragen klangvolle Phantasienamen wie Dino Jr., Ungay oder Sgt. Pepper und werden mit ihren „Hobbies“ charakterisiert. Die bestehen aus Sex, Drogennehmen, Spannen, Onanieren und ähnlichem, und all diese Aktivitäten stehen in den folgenden Szenen im Mittelpunkt. Als einzige Möglichkeit, das Elend des Slums zu vergessen beschreibt ein halbwüchsiger Erzähler das anfangs und angesichts der dargestellten Zustände darf man das durchaus glauben.

Was „Mondomanila“ nun aber interessant macht, was ihn von westlichen Filmen unterscheidet, die wie etwa „Slumdog Millionaire“ nur allzu gerne einen Blick in die Welt der Slums der Dritten Welt werfen und nicht umsonst oft als Slum-Porno bezeichnet werden, ist die Beiläufigkeit, mit der Khavn das Leben in den Slums schildert. Nie ist sein Blick entwürdigend, nie ist seine Erzählhaltung von falscher Sentimentalität geprägt, so abstoßend viele seiner Figuren auch agieren, nie verurteilt er sie pauschal. In einer Mischung aus Fiktion und Dokumentation zeichnet er das Bild einer verrohten Welt, in der Menschlichkeit nur noch in Momenten zu finden ist, in der man nur für den Kick des nächsten Augenblicks lebt. Das erstaunlichste ist vielleicht, dass „Mondomanila“ dennoch nicht einfach zu einem nihilistischen Porträt der Hölle auf Erden wird, sondern zu einem fast bizarr lebensbejahenden Film. Und so wirken auch die gelegentlich eingefügten Musicalszenen nicht etwa anachronistisch, sondern im Gegenteil absolut konsequent und machen Khavns Film endgültig zu einer gleichermaßen abstoßenden wie eindrucksvollen Ode an Manila.

Michael Meyns

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