Mother’s Baby

Wenn die Geburt eines Kindes keine Glücksgefühle auslöst, sondern in einen Albtraum umschlägt: Lynne Ramsays Romanverfilmung „Die My Love“ mit Jennifer Lawrence und Robert Pattinson in den Hauptrollen startete im November 2025 in den deutschen Kinos und erforscht auf erschütternd-exzessive Weise die Auswirkungen einer Postpartalen Depression. Gemäßigter geht es in Johanna Moders Thriller-Drama „Mother’s Baby“ zu, das thematisch allerdings in eine ähnliche Kerbe schlägt. Im Mittelpunkt steht eine Dirigentin, die nach der Geburt keine Bindung zu ihrem Nachwuchs aufbauen kann und von beunruhigenden Zweifeln gequält wird.

 

Über den Film

Originaltitel

Mother’s Baby

Deutscher Titel

Mother’s Baby

Produktionsland

AUS,DEU,CHE

Filmdauer

108 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Moder, Johanna

Verleih

jip film & verleih gbr

Starttermin

15.01.2026

 

Mutterglück auf Knopfdruck ist eine Illusion. Laut Statistik entwickeln 10 bis 15 Prozent der Frauen nach einer Geburt eine sogenannte Postpartale Depression, keineswegs zu verwechseln mit einer umgangssprachlich „Baby Blues“ genannten, kurz anhaltenden depressiven Verstimmung, die im Anschluss an eine Entbindung auftreten kann. Als Symptome der schweren, länger andauernden und behandlungsbedürftigen Erkrankung gelten unter anderem Zwangsgedanken, Zweifel an den eigenen Kompetenzen als Mutter und die Unfähigkeit, eine positive Bindung zum eigenen Kind aufzubauen. Obwohl wir inzwischen in Zeiten leben, in denen viele früher tabuisierte Themen sensibel beschrieben und diskutiert werden, kommt die Postpartale Depression in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor zu kurz.

Verhandelt wird das Thema in der jüngeren Vergangenheit allerdings vermehrt in Film- und Serienarbeiten, etwa dem Streaming-Sechsteiler „Little Disasters“ mit Diane Kruger und Lynne Ramsays Psychodrama-Horror-Mix „Die My Love“, in dem eine völlig entfesselte Jennifer Lawrence zu sehen ist. Auch die Österreicherin Johanna Moder befasst sich in ihrem dritten Kinowerk „Mother’s Baby“ mit der Frage, wie aus einer Geburt ein Albtraum erwachsen kann. Seine Uraufführung feierte der Film bereits im Februar 2025 auf der Berlinale.

Hauptfigur ist Julia (Marie Leuenberger), eine erfolgreiche Dirigentin in ihren Vierzigern, die sich nach einem Kind in ihrem Leben sehnt. Mit Ehemann Georg (Hans Löw) hat sie schon viele Versuche unternommen. Doch geklappt hat es bislang nicht. Als sich die beiden dann aber an die private Kinderwunschklinik des mit tollen Erfolgszahlen auftrumpfenden Dr. Vilfort (Claes Bang) wenden, geht der große Traum dank einer neuen, experimentellen Methode plötzlich in Erfüllung.

Alles gut? Mitnichten! Denn bei der Geburt treten Komplikationen auf, die offenbar eine umgehende Verlegung des Kindes in ein anderes Krankenhaus erfordern. Auf Erklärungen wartet Julia in der schockartig inszenierten Entbindungsszene vergebens. Erst am folgenden Tag können die Eltern ihr laut Dr. Vilfort völlig gesundes Baby richtig in die Arme schließen. Als wäre der Start nicht schon traumatisierend genug, beschleichen die frischgebackene Mama schnell handfeste Zweifel: Warum ist zunächst namenlos bleibender Sohn so still? Fühlt er womöglich keinen Schmerz? Weshalb empfindet sie keine Nähe zu ihm? Und ist in der Klinik vielleicht irgendetwas passiert, was ihr verschwiegen wird?

„Mother’s Baby“ fällt nicht mit der Tür ins Haus, sondern entfaltet sich eine ganze Weile als schleichend beklemmendes Psychodrama mit Blick für den gesellschaftlichen Erwartungsdruck, unter dem viele Mütter auch heute noch stehen. Bestimmt wird das Geschehen ganz klar von Julias Perspektive. Der wenig Verständnis aufbringende Georg ist oft abwesend, lässt seine Gattin mit ihren Ängsten größtenteils allein oder aber, schlimmer noch, macht ihr Vorwürfe. Das Umfeld habe tausend Meinungen zu allem, heißt es an einer Stelle. Genau diese Erfahrung rückt der Film mit Nachdruck in den Fokus. Selbst Julias Hebamme (Julia Franz Richter) tritt erschreckend übergriffig und maßregelnd auf. Was Johanna Moder und ihr Ko-Drehbuchautor Arne Kohlweyer ebenfalls beleuchten: die beruflichen Nachteile, die für eine Frau nach einer Geburt entstehen können. Die vormals in ihrem Job gefeierte Protagonistin jedenfalls wird heimlich, still und leise ausgebootet.

Fesselnd ist der passend zu Julias Empfinden in unterkühlte, graustichige Bilder getauchte mütterliche Albtraum vor allem durch Marie Leuenbergers gekonnt austarierte Darbietung. Wachsende Verzweiflung macht sich in ihrem Spiel auf untergründig intensive, alles andere als effekthascherische Weise breit. Das Ringen mit ihrer Rolle, mit ihren Zweifeln und mit den nach und nach zu Tage tretenden Ungereimtheiten nimmt man der Figur durchgängig ab. Nicht ganz so überzeugend spannt die Regisseurin dagegen in der zweiten Hälfte den Bogen zum Thriller mit Horroruntertönen. Der lange Zeit präzise beschreibende Film wirkt hier ein wenig gehetzt und unausgereift. Gleichwohl bleibt „Mother’s Baby“ ein erfrischend ambitionierter, reizvoller deutschsprachiger Beitrag zum Thema Muttersein.

 

Christopher Diekhaus

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