Mr. Gaga

Als einer der bedeutendsten Choreographen des zeitgenössischen Tanzes gilt der Israeli Ohad Naharin, den sein Landsmann Tomer Heymann in seiner Dokumentation "Mr. Gaga" porträtiert. Konventionell im Ansatz, lebt der Film vor allem von seinem vielfältigen Bildmaterial, das Naharins künstlerische Entwicklung von den 70er Jahren bis zur Gegenwart veranschaulicht.

Webseite: www.mrgaga-film.de

Israel 2015 – Dokumentation
Regie & Buch: Tomer Heymann
Länge: 100 Minuten
Verleih: farbfilm Verleih
Kinostart: 12. Mai 2016
 

FILMKRITIK:

Gaga ist der israelische Choreograph Ohad Naharin nur insofern, als er exzentrisch und auch ein wenig egomanisch ist, wie wohl die meisten bedeutenden Künstler. Gaga ist vor allem der Name einer Bewegungssprache, einer Lernmethode, die Naharin im Lauf der Jahre entwickelte. Gleich die erste Szene von "Mr. Gaga", Tomer Heymanns Dokumentation über den Tänzer und Choreographen, veranschaulicht, was damit gemeint ist: Eine Tänzerin ist da zu sehen, die sich fallen lassen soll, die aus dem Stand, aus höchster Anspannung, loslassen und sämtliche Körperspannung verlieren soll, um überzeugend auf den Boden zu stürzen, so als wäre mit einem Schlag sämtliches Leben aus ihr gewichen. Immer und immer wieder lässt Naharin sie diese Übung durchführen, stets ist das, was die Tänzerin ihm anbietet, ein wenig zu gespielt, zu künstlich, nicht so natürlich und echt, wie er es gerne hätte.

Wie penibel Naharin in seiner Arbeit ist, wie unnachgiebig, aber auch wie ungewöhnlich und originell, verdeutlicht diese Szene, nach der Heymann zu konventionelleren Methoden zurückgreift: Penibel erzählt er Naharins Leben nach, das früh von der Lust am Tanz, an der Bewegung geprägt war. Geboren 1952 in einem Kibbuz, agierte Naharin schon während seines Militärdienst in einer Art Unterhaltungsregiment, begann in Israel seine Tanzausbildung, wurde von der legendären Martha Graham nach New York geholt, studierte beim American Ballett und an der Juilliard School und wurde schnell zu einem Star der Tanzszene.

Eine einzige Erfolgsgeschichte scheint Naharins Karriere gewesen zu sein, die ihn 1990 zurück in seine Heimat führte, wo er fortan als Leiter der Batsheva Dance Company den modernen Tanz in Israel revolutionierte, mit seinen expressiven, oft sehr erotischen Choreographieren schon mal das religiöse Establishment Israels schockierte und für eine Staatskrise sorgte und auch heute, mit 63 noch aktiv ist.

Was diese sehr stringente Nacherzählung eines Künstlerlebens interessant macht, ist vor allem die enorme Menge an Archivmaterial, die Tomer Heymann zur Verfügung hatte. Angefangen von Super8-Aufnahmen aus dem Kibbuz, über Szenen bei der israelischen Armee und die Zeit in New York bis zur Gegenwart, wurde Ohad Naharin offenbar fast ununterbrochen gefilmt. Was zum einen natürlich mit seinem tänzerischen Talent zu tun hat, das schon früh unübersehbar war, zum anderen mit seiner außerordentlichen Attraktivität, die fraglos ein an Arroganz grenzendes Selbstvertrauen gefördert hat, das wiederum viele Türen geöffnet haben dürfte. Noch mehr als beim Tanz ohnehin steht das Körperliche im Mittelpunkt, scheint er mit seinen Tänzern zu flirten, wenn er ihnen Ratschläge gibt, sie nach seinen Vorstellungen formt.

Ein Urteil über sein Subjekt liefert Heymann nicht, er lässt Naharin erzählen, unterlegt die Archivaufnahmen mit Interviews und erzeugt so einen eindrucksvollen Bilderfluss, der weder kritisches Porträt noch Hagiographie ist, sondern eine sehenswerte Dokumentation über einen  vielseitigen Künstler.
 
Michael Meyns