Mülheim Texas – Helge Schneider hier und dort

Nicht nur auf der Bühne, auch im Privatleben ist Multitalent Helge Schneider ein Rätsel, das möglichst wenig von sich preisgeben will. Dennoch versucht sich die junge Regisseurin Andrea Roggon in „Mülheim Texas – Helge Schneider hier und dort“ an einem Porträt des Künstlers, das streng genommen scheitert, aber dennoch interessant ist.

Webseite: http://muelheim-texas.de

Deutschland 2014 – Dokumentation
Regie, Buch: Andrea Roggon
Länge: 89 Minuten
Verleih: Piffl
Kinostart: 23. April 2015
 

FILMKRITIK:

Der 1955 in Mülheim an der Ruhr geborene Helge Schneider ist ein Unikum: Mit vorgetäuschtem Dilettantismus wurde er zum Star, drehte als Regisseur, Autor und Hauptdarsteller in Personalunion anarchische, ja fast dadaistische Filme wie „Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem“ oder „00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter“ und hatte mit „Katzeklo“ einen Hit in den deutschen Musikcharts. Gleichzeitig ist er ein etablierter Jazzmusiker, der diverse Instrumente beherrscht und problemlos auch als „ernsthafter“ Künstler Erfolg haben könnte. Stattdessen pflegt Schneider seit Jahren sein Image eines Außenseiters im Showgeschäft, der sich nicht den „Regeln“ der ständigen Selbstvermarktung beugt, in Interviews oder bei Talkshowbesuchen meist ironisch und rätselhaft antwortet und vor allem eins zu schafft: Möglichst nichts von seinem Privatleben und seiner wahren Persönlichkeit preiszugeben.

Das gelingt ihm auch während der 90 Minuten von Andrea Roggons „Mülheim Texas – Helge Schneider hier und dort“ mit großem Erfolg, denn was die reinen Fakten über Schneiders Leben und Werk angeht, erfährt man hier nicht mehr als das, was auch der Wikipedia-Eintrag des Künstlers über seine Herkunft, erste künstlerische Schritte und seine sechs Kinder von vier Frauen verrät.

Dieser letzte Aspekt könnte dann aber andeuten, warum sich der eingefleischte Privatmann Helge Schneider doch auf dieses Filmprojekt eingelassen hat. – abgesehen vom offensichtlich existierenden Ego eines Bühnenkünstlers, der den Applaus, die Bewunderung das Publikum geniesst. Wenn man da Schneider, der zwar inzwischen fast 60 ist, aber immer noch jugendlichen Schalk in den Augen hat, beobachtet, wie er für die junge, hübsche Andrea Roggon und ihre ebenso junge, hübsche Kamerafrau Petra Lisson mit der Gitarre in der Hand durch die Steppe spaziert oder mit offenem Hemd auf dem Motorrad sitzt, dann wirkt das wie ein offener Flirt mit der Kamera und den beiden Frauen hinter ihr.

Wenn Schneider dann etliche Male auf dem Sofa sitzt, sich zu einem Interview bereit erklärt (oder eher herablässt), scheint er sich darin zu gefallen, mit mildem, leicht amüsiertem Blick die von vorneherein zum Scheitern verurteilten Versuche Roggons zu betrachten, substanzielle Antworten aus ihm herauszuholen. Schneider ist viel zu sehr Profi, als dass er nicht ständig die Kontrolle über sein Bild hätte, als würde er hier mehr offenbaren als die Kunstfigur „Helge Schneider“. Da passt es dann auch, das er einmal, als Roggen ihn nach seiner Vorstellung von Freiheit fragt, einfach antwortet „Freiheit muss man sich nehmen“ und kurzentschlossen das Gespräch beendet.

Ob diese Situation allerdings tatsächlich echt ist oder nicht doch eher eine Inszenierung, bleibt offen. Ebenso sehr wie die Frage, wer dieser Helge Schneider nun eigentlich wirklich ist, denn auch wenn Roggon Schneider in kurzen Momenten in seinem Haus irgendwo im Ruhrgebiet am Schreibtisch sitzend zeigt, kommt sie Schneider nicht wirklich nahe. Gerade dieser Leerstellen der Persönlichkeit Schneiders machen ihn aber aus und in einer Zeit, in der C- und D-Promis jeden irrelevanten Fakt ihres eigentlich irrelevanten Lebens bereitwillig in die Öffentlichkeit tragen, zu einer angenehmen Abwechslung. Als Porträt des Menschen Helge Schneider funktioniert „Mülheim Texas – Helge Schneider hier und dort“ somit nur bedingt, als Bild der Kunstfigur „Helge Schneider“ aber umso mehr.
 
Michael Meyns