Muzika

Zu beneiden ist der im volkseigenen Wasserwerk arbeitende Hobbysaxofonist Martin nicht. Rockmusik und lange Haare nämlich sind in der sozialistischen Tschechoslowakei verpönt, der Jazz nicht minder. Daheim bestimmt der Schwiegervater, wann Martin mit seiner Frau Sex haben darf. Dann aber lernt er die unkonventionelle und spontane Anca kennen und verspürt neue Lebensenergie. Und er hat eine wichtige Entscheidung zu treffen… 
In der Slowakei avancierte „Muzika“ 2007 zum erfolgreichsten Film, ausgezeichnet mit insgesamt neun nationalen Filmpreisen.

Webseite: www.boxfilm.de

Slowakei/Deutschland 2007
Regie: Juraj Nvota
Darsteller: Lubos Kostelny, Tana Pauhofova, Jan Budar, Dorota Nvotova, Marek Geisberg, Marian Geisberg, Jana Olhova, Petra Polnisova
99 Minuten
Verleih: box! Film
Kinostart: 12.3.2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Gut zu sprechen auf die CSSR und die Slowakei sind die meisten Menschen in „Muzika“ nicht gerade. Unter den Zwängen des sozialistischen Systems fühlen sie sich eingeschränkt. Schon der Vorspann, in dem ein Soldat von einem Überwachungsposten herab auf das Dorf blickt, deutet an, dass man sich stets beobachtet fühlen musste. An einer Bushaltestelle greift die Volkspolizei einen Langhaarigen eben wegen seiner nach anderer Gesinnung schmeckenden Haartracht auf. Aus einer Zeitung erfährt man, dass in Prag Musiker ins Gefängnis wanderten, weil sie Rockmusik (vermutlich zudem mit englischen oder politischen Texten) spielten. 

Martin, dem Protagonisten dieser auf einer Novelle des slowakischen Schriftstellers Peter Pistanek basierenden Geschichte, ficht das nicht an, seiner Sehnsucht nach Freiheit durch das Spielen eines günstig erworbenen Saxofons Ausdruck zu verleihen. Freiheit meint hier: politischen, gesellschaftlichen und auch privaten Zwängen entfliehen können. Mit einer ständig nörgelnden Schwiegermutter im Nacken und einem Schwiegervater, der ihm vorschreibt, wann er Sex mit seiner Frau Maria haben darf, macht ihm das insgesamt langweilige Leben keinen Spaß. Zwar bringt die Gründung einer Tanzkapelle ein klein wenig Abwechslung in Martins Alltag, neue Lebensenergie aber verspürt er erst, als er die ungestüme und lebensfrohe Außenseiterin Anca kennen lernt. Ihretwegen würde Martin sogar auf eine in Aussicht stehende Tournee in die Schweiz verzichten. 

„Muzika“ ist eine melancholische Parabel auf das Leben in der damaligen Tschechoslowakei. Der Ausstattung nach dürfte Juraj Nvotas Film etwa Mitte der 1970er Jahre spielen, von Verleihseite wird er Mitte der 1980er Jahre angesiedelt. Unbestritten ist jedoch: die Aufbruchstimmung unter jungen Menschen im Nachklapp des Prager Frühlings ist noch zu spüren. Martin (Lubos Kostelny) steht dabei für jenen Typ Mensch, der zwar von der Freiheit und Unabhängigkeit träumt, sich in letzter Konsequenz aber nicht zum zielerreichenden Schritt durchringen kann. Sein Musikerkollege Hruskovic (Jan Budar) verkörpert hingegen jenen Typus, der sehr wohl die Spielregeln des Systems kennt und diese taktisch auch für seine Zwecke zu nutzen weiß. Anca wiederum (Dorota Nvotova) gibt mit ihren offenen und ungenierten Zügen das Ideal der ersehnten Ungebundenheit – auch in sexueller Hinsicht.     

Die Stimmung jener Tage fängt „Muzika“ treffend ein. Immer dann, wenn die Freiheit oder zumindest das Gefühl für sie zum Greifen nahe erscheint, wenn es nach Aufbruch, Verheißung und Abwechslung vom monotonen Alltag riecht, hebt die Musik hymnisch an. Insgesamt aber ist „Muzika“ eher ein Blues, der davon handelt, wie schwer sich sein tragikomischer Held dabei tut, die echten Chancen seines Lebens zu be- und ergreifen. Der Soundtrack spielt in „Muzika“ nicht nur inhaltlich eine wichtige Rolle, er hilft auch über manchen dramaturgischen Hänger hinweg und nimmt im Laufe der Zeit immer mehr auch progressive Töne aus der Sparte Jazz-Rock an, zitiert die ungarische Band „Omega“ und gipfelt im Stück „Golden Lip“ von Dezo Ursiny and the Soulmen, einer Art „The Cream made in Slovakia“. Auch Martins neugeborener Sohn scheint bereits Gefallen an den progressiven Tönen zu finden. Jedenfalls schläft er, während die Band des Vaters probt, friedlich, schreit hingegen, sobald die Musik verklingt. Die wichtigste Kunstgattung jener Tage in der osteuropäischen Republik allerdings war – das stellt ein Auftrittsgenehmigungen erteilendes Kulturkomitee Lenin zitierend klar – der Film. In „Muzika“ kommen Kunstfreunde beider Sparten auf ihre Kosten.

Thomas Volkmann

Die Tschechoslowakei vor der Wende. Von voller Freiheit kann keine Rede sein. Restriktionen sind an der Tagesordnung. Die Polizei sorgt dafür.

Hier lebt Martin mit seiner schwangeren Frau Maria. Martin ist Schmierer im volkseigenen Wasserwerk, das heißt, er muss dafür sorgen, dass die Maschinen richtig gewartet, also geschmiert werden. 

Die Restriktionen beschränken sich übrigens keineswegs auf das öffentliche Leben. Auch privat gelten einige. So ist beispielsweise Sex bei Vollmond tabu.

Bis Martin, der Hobby-Musiker, ein gebrauchtes Saxophon kauft. Jetzt spielt er ununterbrochen, auch auf seiner isolierten Pumpstation, wo er eigentlich arbeiten müsste.

Er trifft dort auf die lebenslustige, verspielte Anca, die es mit der Wahl ihrer Männer nicht so genau nimmt. Martin verliebt sich in sie. Und das ist zwangsläufig mit einer Vernachlässigung Marias und des inzwischen geborenen Kindes verbunden.

Mit der Musik und der von Martin und seinem Kumpel Hruskovic gegründeten Band geht es langsam voran. Nur Volksfeste und Hochzeiten stehen auf dem Programm. 

Hruskovic, dem gewieften Schlitzohr, gelingt es aber dann, mit Bestechung eine Tournee in die Schweiz zu organisieren – in der kommunistischen Zeit der CSSR ein Meisterstück. Doch Martin arbeitet plötzlich gegen den Plan. Er will eine Konzerttour im Osten. Warum? Weil Anca sich dort aufhält, der er verfallen ist.

Die ist längst mit anderen Kerlen zusammen. Martin ist enttäuscht und verletzt. Dämmert es ihm, dass es zu Hause bei Maria doch am besten wäre?

Die Tschechen und Slowaken haben einen speziellen tiefgründig- absurden Humor, der eine lange Tradition besitzt – auch im Film, und zwar vor allem seit den 60er Jahren. Der Schriftsteller Peter Pistanek pflegt diesen unterkühlten komischen Stil, und die Hersteller des Films, der auf Pistanek zurückgeht, haben den Humor natürlich auf den Film übertragen. So unterhält man sich gut, auch wenn die slowakischen Darsteller hierzulande weitgehend fremd sind.

Das Ganze ist eine halbwegs originelle Tragikomödie, in der ein Individuum inmitten eines unbrauchbaren Gesellschaftssystems seinen Traum vom Leben verwirklichen will, auch wenn das nur halb gelingt. Gefällige bis gute Musik gibt es obendrein.

Thomas Engel