My Reincarnation

Der italienische Sohn eines berühmten geistlichen Lehrers des Buddhismus widersetzt sich seiner eigenen Berufung als Wiedergeburt einer weiteren Glaubens-Größe, weil er Sohn und nicht Schüler sein will. In sehr persönlichen, aufmerksamen und auch mal poetischen Aufnahmen dokumentiert die mit der Familie vertraute Regisseurin Jennifer Fox über zwanzig Jahre den Weg eines vermeintlich verlorenen Sohnes.

Webseite: wwww.myreincarnation.wfilm.de

My Reincarnation
USA/Niederlande/Deutschland/Italien, 2011
Regie: Jennifer Fox
Buch: Jennifer Fox
Musik: Jan Tilman Schade
Länge: 100 Minuten
Verleih: W-film
Kinostart: 2.2.2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Vater, Vater, warum hast du mich verlassen?“ So messianisch müsste die Klage dieses Films klingen – wären wir nicht auf dem Gebiet des Buddhismus und in Italien. Deshalb spielt die Tonspur „Via, via“ (dt: Weg, weg) von Paulo Conte und auch das verstehen wir: Yeshi Silvano Namkhais Vater ist der berühmte buddhistische Lehrmeister Namkhai Norbu Rinpoche, der seit Jahrzehnten die Welt bereist, um seinen Glauben zu verbreiten und den Menschen zu helfen. Nur zuhause ist er nicht so oft. Diese Geschichte mag häufiger vorkommen, doch Chögyal Namkhai Norbu Rinpoche gilt als der führende Meister der tibetisch-buddhistischen Dzogchen-Gemeinschaft. (Dzogchen, die „spirituelle Essenz aller buddhistischen Lehren“.) Geboren 1938 in Osttibet floh er 1960 vor der chinesischen Verfolgung nach Italien und gründete im Laufe der Jahrzehnte weltweit neue Zentren der Dzogchen-Gemeinschaft.

Khyentse Yeshe (Yeshi Silvano Namkhai), Sohn und Schüler von Chögyal Namkhai Norbu hingegen wurde in Italien 1970 geboren. Er erhielt eine christliche und buddhistische Erziehung, studierte Philosophie und Informatik und arbeitete nach seinem Studium im Bereich der modernen Technologien. Obwohl auch er als Reinkarnation eines berühmten buddhistischen Lehrers erkannt wurde, der noch dazu geliebter Onkel seines Vaters war, weigert er sich, diese Tradition fortzuführen. Wir sehen in den ersten Bildern einen rebellischen Studenten, der die elterliche Wohnung verlässt, aber vor allem geliebt werden will. Als Sohn, nicht als Schüler und nicht als Wiedergeburt seines Großonkels. Doch der berühmte Vater, so unkonventionell und pragmatisch er als freundlicher Lehrer für andere war, verhielt sich wie ein Meister nicht wie ein Vater. „Mein Vater stellt für viele Menschen die Lösung ihrer Probleme dar,“ sagt Yeshi als Beobachter am Rande. Verletzung und Eifersucht sind unüberhörbar. Es ist bitter, wenn Namkhai Norbu den Schülern erzählt, dass Mitgefühl, Umarmungen und Küsse nicht helfen, Erkenntnis zu erlangen. Aber vielleicht hätte dies der Sohn aus anderen Gründen gerne gespürt.

So sehen wir Yeshi 13 Jahre später mit einer erfolgreichen Karriere bei IBM und einem „normalen italienischen Familienleben“. Während der Vater sehr vertraut den Dalai Lama im traumhaft gelegenen Tempel im toskanischen Arcidosso empfängt, genießt der scheinbar verlorene Sohn seine Fahrten in luxuriösen Autos. Erst später nutzte er seine häufigen Autofahrten für Meditationen und der Film hält in größeren Schritten eine Wandlung fest: Beeinflusst auch durch eine Krebs-Erkrankung des Vaters hat er sich schweren Herzens entschieden, nicht mehr Sohn sondern Schüler zu sein. Immer wieder berichtet er der Filmemacherin von Träumen und Visionen, die ihn verwirren. Anders als bei den meisten Suchen nach der Wiedergeburt geistiger Führer muss hier ein erwachsener Mann, ein Familienvater, sich entscheiden, ob er Lehrer sein will und ob er die Anerkennung der Gläubigen mit ihren Erwartungen akzeptiert. Erst als Yeshi in einer der beeindruckendsten Szenen des Films nach Tibet, dem Ort seiner Träume, reist und von hunderten zutiefst gerührten Menschen empfangen wird, versteht man, welcher Rolle sich der junge Italiener immer verweigert hat. Früh sagte er, er habe Angst vor dieser Verantwortung und Angst vor dem Leben, nicht vor dem Tod.

Die Regisseurin Jennifer Fox hatte bereits einige anerkannte Dokumentarfilme gemacht, als sie 1985 in einer Auszeit vom Filmemachen als Sekretärin von Namkhai Norbu Rinpoche mit ihm reiste. Sie filmte aber mit einer kleinen High8-Kamera weiter und so entstand über 20 Jahre das sehr intime Material für diesen Film. Obwohl Fox dem porträtierten Meister sehr nahe steht, ist „My Reincarnation“ keine der distanzlosen Huldigungen geistiger Größen. Aber auch keineswegs eine Demontage eines lieblosen Vaters. Vor allem in dessen Krankheit sieht man beide Seiten, erkennt den in seiner enorm selbstlosen Hilfsbereitschaft für sich selbst hilflosen Menschen, mit sehr menschlichem Zweifel und Unruhe angesichts des Todes.

Immer wieder zeigt der Film aber auch mit vielen Weisheiten, dass er von einer guten Schülerin gemacht wurde. Die Aufnahmen im Wasser von Namkhai Norbu Rinpoche, die unter die Oberfläche gehen, sind symptomatisch mit dem gelungenen Blick hinter die Fassade und korrespondieren mit Träumen des Sohnes. Der reist mittlerweile wieder genesene Vater die meiste Zeit als verehrter Lehrer durch die Welt – „Via, via“ – und begegnet, wieder ganz der Vater, seinen Schülern sehr unkompliziert und unkonventionell. In einer letzten Szene scherzen Vater und Sohn miteinander, gleichrangig und respekt- und vielleicht auch etwas liebevoll. So vollendet sich ein, wie seine Figuren, sehr ungewöhnlicher, vielschichtiger, kluger und stimmiger Dokumentarfilm, der weit über die buddhistische Zielgemeinde hinaus reicht.

Günter H. Jekubzik

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