My Salinger Year

Philippe Falardeau erzählt nach dem autobiografischen Roman von Joanna Rakoff ein hübsches Märchen vom Erwachsenwerden und von der Liebe zur Literatur. Im Mittelpunkt steht eine junge Studentin, die 1995 nach New York zieht, um Schriftstellerin zu werden, und ausgerechnet bei der Agentin des geheimnisvollen Autors J. D. Salinger einen Job bekommt. Ein bisschen „Der Teufel trägt Prada“, ein bisschen moderne Jungmädchenromantik und dazu eine große Portion New York-Nostalgie – dieser Mix ist ziemlich unterhaltsam, wenn auch etwas mainstreamig.

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Kanada, Irland 2020
Regie und Buch: Philippe Falardeau
Darsteller: Margaret Qualley, Sigourney Weaver, Colm Feore, Douglas Booth, Brían F. O’Byrne
Kamera: Sara Mishara
Länge: 101 Minuten
Verleih: Koch Films
Kinostart: 2. Hälfte 2020

FILMKRITIK:

Joanna weiß, was sie will: Schriftstellerin werden. Doch dafür muss sie raus aus dem beschaulichen Universitätsstädtchen Berkeley und rein ins tobende, tosende New York, wo das wahre Leben wohnt und die eigene Familie – inklusive Lover – möglichst weit weg ist. Eine vorläufige Wohnmöglichkeit bei einer Freundin ist schnell gefunden, jetzt fehlt nur noch ein Job, und da kommen in erster Linie Assistenztätigkeiten im Büro in Frage. Schon der erste Schuss ins Blaue ist ein Treffer, und Joanna heuert in einer Literaturagentur an. Die strenge Chefin Margaret lehnt alles ab, was neu ist, also auch Computer, und so muss Joanna auf einer immerhin elektrischen Schreibmaschine tippen. Ihre Aufgabe besteht vor allem daraus, Formbriefe zu schreiben, die an Fans von J. D. Salinger gehen. Er ist Margarets wichtigster Klient, und gleichzeitig der unproduktivste, denn seit „Der Fänger im Roggen“ hat er außer ein paar Erzählungen und Kurzgeschichten nichts mehr geschrieben. Dennoch bekommt der öffentlichkeitsscheue Autor über die Agentur weiterhin viel Post, die aber nicht an ihn weitergeleitet werden darf. Die oft sehr persönlichen Briefe rühren Joannas Herz, so dass sie sich manchmal den strengen Beantwortungsregeln widersetzt und eine selbst formulierte Antwort schreibt. Mit der Zeit gewinnt sie Margarets Vertrauen, die ihr schließlich auch andere, anspruchsvollere Aufgaben zuweist. Doch irgendwann merkt Joanna, dass die Arbeit in der Agentur und ihre anstrengende Beziehung mit dem ebenfalls noch unveröffentlichten Schriftsteller Don sie vom Schreiben abhalten. Da trifft es sich gut, dass sie ab und zu mit Salinger telefoniert, der ihr gleich ein paar Tipps für werdende Autoren geben kann.

Am beeindruckendsten an diesem Film sind die kleinen, dazwischen geschnittenen Clips, die den märchenhaften Charakter der Komödie verstärken. So sprechen die Fans von J. D. Salinger aus ihrer jeweiligen Lebenssituation heraus ihre Briefe direkt in die Kamera. Zusätzlich gibt es verschiedene Fantasiebilder, die ebenfalls nur Joanna sieht, wie eine lange Tanzszene im Foyer des Waldorf Astoria. Manchmal mischen sich diese Bilder mit der Wirklichkeit. Am Ende begegnen sich ganz kurz die naive Joanna vom Anfang und die gereifte Joanna an einer Straßenecke. Das ist dann wirklich eine sehr schöne Idee.

Die Liebe zur Literatur und zum Schreiben darzustellen, ist da schon schwieriger und gelingt wohl am besten in einer Diskussion über die Bücher einer jungen Autorin, bei der Joanna sich sehr offen äußert und schließlich damit konfrontiert wird, dass die Autorin selbst am Tisch sitzt. Wer hier jedoch einen Film über die literarische Szene New Yorks erwartet hat, womöglich noch eine kritische oder wenigstens ironische Auseinandersetzung mit der Kulturwirtschaft, wird enttäuscht sein. Letztlich ist der Eröffnungsfilm der Berlinale 2020 eine Coming of Age-Geschichte über eine ziemlich brave, junge Frau, die – selbstverständlich mediengerecht angepasst und mehrheitskompatibel – ihren Weg findet. In ihren besten Momenten erinnert Philippe Falardeaus leichtgewichtige Dramödie an Woody Allens New York-Filme, doch am ehesten passt der Vergleich mit „Der Teufel trägt Prada“, wobei Meryl Streep die deutlich bessere Rolle hatte als hier Sigourney Weaver, die als Agenturchefin Margaret nur ein kleines bisschen streng und launisch sein darf. Aber schließlich sind wir hier nicht in der Modebranche, sondern im Literaturrummel, und da geht es offenbar etwas gesitteter zu. Und weniger lustig. Zwischendurch wird es auch mal richtig ernsthaft – ein unerwarteter Todesfall zeigt die selbstbewusste Margaret als letztlich doch mitfühlende Frau. Dennoch gibt es ab und zu was zu lachen, wobei es meistens um die 1995 noch in den Anfängen steckende Digitalisierung geht. Die Witze über E-Mails, die sich hoffentlich nie durchsetzen werden, oder über Computer, die nur als Warnung im Büro herumstehen, sind wirklich hübsch. Auch visuell ist der Film durchaus gelungen, ein großes Plus sind die gesamte Ausstattung und das Setting – das nostalgische New York-Flair, die leicht angestaubte Atmosphäre der altmodischen Agentur – sowie die Kostüme der beiden Hauptdarstellerinnen. Margaret Qualley, die Tochter von Andie MacDowell, die in „Once Upon a Time in Hollywood“ mit Brad Pitt spielte, darf als Joanna sehr niedlich und artig wirken, was durch ihre stets frisch gebügelte Garderobe mit hoch geschlossenen Blusen in gedeckten Farben noch betont wird. Und Sigourney Weaver trägt in unnachahmlicher Eleganz schräg über die Schulter gelegte Pullover – vielleicht weil der Pulli als Erkennungszeichen unter Schwerintellektuellen gilt? Als Fazit bleibt die Erkenntnis, dass in den 90er Jahren offenbar das Wünschen noch geholfen hat und dass New York eine tolle Stadt war, ist und wohl auch sein wird. Eine Stadt, wo alles möglich ist und Märchen wahr werden.

Gaby Sikorski