N – Der Wahn der Vernunft

Zeit seines Lebens versuchte der belgische Musiker und Globetrotter Raymond Borremans, eine Enzyklopädie über seine Wahlheimat, den westafrikanischen Staat Elfenbeinküste, zu erstellen. Doch bei seinem Tod im Jahre 1988 war er erst beim Buchstaben N angekommen. Und damit beginnt "N – Der Wahn der Vernunft", ein experimenteller, essayistischer Dokumentarfilm von Peter Krüger, der teils Biographie, teils Menetekel ist – und teils hellsichtig, teils unverständlich.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Belgien/ Deutschland/ Niederlande 2014 – Dokumentation
Regie: Peter Krüger
Länge: 102 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 19. Februar 2015
 

FILMKRITIK:

Würde man ohne Vorwissen in "N – Der Wahn der Vernunft" gehen, Peter Krügers Film, der im Forum der Berlinale Premiere feierte, man würde lange rätseln, worum es eigentlich geht. Ruhige Aufnahmen verfallener Häuser, von Straßen und Landschaften irgendwo in Afrika sieht man in den ersten Minuten, dazu eine tiefe Stimme, die fragmentarische Gedanken von sich gibt, in denen sich sporadisch eine konkrete Information entdecken lässt. Das Jahr 1929 wird etwa erwähnt, das Jahr, in dem die Person, die hier offenbar erzählt, mit 23 Jahren nach Afrika gekommen ist, sich in Land und Leute verliebte und begann, eine Enzyklopädie zu schreiben. Beim Buchstaben "N" endete die Arbeit, zufällig auch die Hälfte des Alphabets, was allerlei Assoziationen wecken mag. Assoziationen, mit denen Peter Krügers Essayfilm arbeitet, denen der belgische Autor Bedeutung abringen will, was mal besser, mal schlechter funktioniert.

Nach gut einer halben Stunden der mäandernden Beobachtungen, in denen man disparate Bilder sieht, Töne und Gedanken hört, wird "N – Der Wahn der Vernunft" auf einmal konkreter, fast so konkret wie eine "normale" Dokumentation. Zeitzeugen kommen zu Wort, die den belgischen Musiker und Globetrotter Raymond Borremans, der von 1929 bis zu seinem Tod 1988 fast ausschließlich im westafrikanischen Staat Elfenbeinküste verbrachte, kannten, nicht zuletzt seine Arbeit an seinem Buch-Projekt, das auf den Straßen von Abidjan, der größten Stadt des Landes zu kaufen ist und posthum vollendet wurde.

Doch ein klassischer biographischer Film ist dies nicht, vielmehr ein Spiel mit Andeutungen und Assoziationen, ein Film voller Verweise und Bezüge, der mit Worten und Bildern spielt und viel Themen anreißt. Dabei geht es vor allem um Sprache, um Worte. Worte, mit denen Borremans versucht, das Land und die Menschen, die er lieben gelernt hat, zu beschreiben, aber auch Worte, die kategorisieren und dadurch oft eine Ordnung schaffen, die nur auf dem Papier existiert. Wenn Krüger da einen Bogen von Borremans idealistischem Blick auf "sein" Afrika zu Konflikten der Gegenwart zieht, die auch in der Elfenbeinküste zu blutigen Auseinandersetzungen geführt haben, dann ist er bisweilen gefährlich nahe an der typischen Haltung des westlichen Afrika-Kinos, dass die Schönheit des Kontinents bewundert und beklagt, wie die Einheimischen sie immer wieder zerstören.

Um konkrete historische Zusammenhänge aufzuzeigen ist Krügers Ansatz zu abstrakt, arbeitet er zu sehr mit Andeutungen und Assoziationen. Wirklich überzeugend ist das immer dann, wenn  er nicht die Positionen eines Westlers einnimmt, der von den Entwicklungen seiner Wahlheimat, die ja trotz allem ein fremdes Land bleibt, enttäuscht ist, sondern wirklich abstrakt bleibt. Wenn er da über die Schwierigkeit sinniert, Dinge in Worte zu fassen, komplexe Zusammenhänge in wenigen Sätzen zusammenzufassen oder über die weitreichenden Folgen einer scheinbar banalen Festschreibung zweier Volksgruppen in Hutu und Tutsi, dann entwickelt "N – Der Wahn der Vernunft" große Qualitäten.
 
Michael Meyns