Nach der Stille

Im Frühjahr 2002 wird Israel durch eine Reihe von Selbstmordanschlägen erschüttert. Am 31. März sprengt sich der 24-jährige Palästinenser Shadi Tobassi in einem Restaurant in Haifa in die Luft. Unter den 15 Toten ist auch der Israeli Dov Chernobroda, der Architekt hatte sich als Friedensaktivist für die Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern eingesetzt. Nach dem Anschlag startet die israelische Armee eine Offensive gegen den Heimatort des Selbstmordattentäters, Jenin. Acht Jahre später begleiten die beiden deutschen Filmemacherinnen Yael Chernobroda, die Witwe, auf den Weg nach Jenin. Sie will die Familie des Attentäters kennen lernen. Der Film wird zur beeindruckenden Studie einer schwierigen Annäherung.

Webseite: www.nachderstille.de

Deutschland / Palästina 2011
Regie und Buch: Jule Ott, Stephanie Bürger
Länge: 82. Min
Verleih: Bukera Pictures
Vertrieb: Be Movie
Start: 22.9.

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Er war Pazifist und unerschrockener Kämpfer für die Versöhnung zwischen Juden und Arabern. Ausgerechnet Dov Chernobroda gehört am 31.März 2002 zu den Opfern eines Selbstmordattentates, das der 24-jährige Palästinenser Shadi Tobassi in einem Restaurant in Haifa verübt. Der junge Mann stammt aus Jenin, einer kleinen Stadt im Westjordanland und Hochburg der Intifada. Nach dem Anschlag startet die israelische Armee eine Offensive gegen den Heimatort, erneut sterben Menschen. Acht Jahre später begleiten die beiden deutschen Filmemacherinnen Jule Ott und Stephanie Bürger die Witwe Yael Chernobroda auf den Weg nach Jenin. Sie will die Familie des Attentäters kennen lernen. Vorausgegangen ist dem denkwürdigen Treffen ein mühsamer Annäherungsprozess, den die beiden jungen Absolventinnen der Medienwissenschaft in Tübingen in die Wege geleitet haben.

Dass die beiden deutschen Frauen ohne größere Vorkenntnis und ohne Erfahrung mit der Region dieses Projekt angegangen sind, merkt man ihrem Film an. Die Naivität und Unbefangenheit der Regiedebütantinnen erweist sich hier als Glücksfall, weil ihnen das gelingt, was im Nahen Osten so ein seltenes Gut geworden ist. Sie schaffen es, dass ihnen beide Seiten Vertrauen schenken und vor der Kamera offen reden.

Initiiert hat das Projekt ihr damaliger Dozent Marcus Vetter. Der Filmemacher hatte mit seinem preisgekrönten Dokumentarfilm „Das Herz von Jenin“ nicht nur seinerseits eine filmische Friedensbotschaft bewerkstelligt, sondern auch aktiv am Wiederaufbau des während der ersten Intifada 1987 stillgelegten Kinos von Jenin mitgewirkt. Aus dem interkulturellen Friedensprojekt Cinema Jenin stammt auch die Idee für die Dokumentation „Nach der Stille“.

Die größte Leistung von Jule Ott und Stephanie Bürger findet sich nur indirekt auf der Leinwand wieder. Über viele Wochen erstreckten sich die Gespräche mit der Familie des Selbstmordattentäters, bis sie ihr Vertrauen gewinnen. Der Film lässt einen die Anspannung spüren, die trotz aller vertrauensbildenden Maßnahmen über dem Projekt liegt. Was damals geschah, scheint die Familie bis heute nicht verarbeitet zu haben. Ein Foto des Attentäters Shadi Tobassi, das im Wohnraum der Familie hängt, wo später das Treffen mit Dovs Witwe stattfinden soll, wird zum Gratmesser der langsamen Annäherung zwischen der palästinensischen Familie und ihrem jüdischen Gast. Die Frage nach der Schuld wird bei diesem Treffen nicht gestellt. Was hier zählt sind Gesten, sie mögen naiv anmuten, angesichts der Realität in der Region. Aber sie zeugen von Mut, den es braucht, um die Dinge in Bewegung zu bringen.

Norbert Raffelsiefen