Nachbeben

Neben der Bahn scheint kaum ein Bereich so reformbedürftig wie das Gesundheitssystem: Überlastete Ärzte, volle Kliniken, immer höherer Kosten. So geht es nicht nur in Deutschland, sondern auch in Dänemark, wie Zinnini Elkington in ihrem Spielfilmdebüt „Nachbeben“ zeigt, der ähnlich wie „Heldin“ die Folgen von Überlastung und Überstunden zeigt.

 

Über den Film

Originaltitel

Det andet offer

Deutscher Titel

Nachbeben

Produktionsland

DEN

Filmdauer

92 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Elkington, Zinnini

Verleih

24 Bilder Film GmbH

Starttermin

07.05.2026

 

Ein neuer Arbeitstag beginnt für Alex (Özlem Saglanmak), Ärztin in der Neurologie eines Krankenhauses in Dänemark. Einmal mehr ist die Station unterbesetzt, die Ärzte flüchten sich in sarkastische Scherze: Was ist der Unterschied zwischen einem Arzt und Gott? Gott weiß, dass er kein Arzt ist…

Alex übernimmt die Aufsicht über die Station, damit auch über die Assistenzärztin Emilie (Mathilde Arcel F.), die nervös und übervorsichtig agiert. Alex dagegen weiß was sie tut, weicht auch mal von den Vorschriften ab, wenn sie glaubt, dass ein Patient schnell behandelt werden muss.

Ein junger Patient namens Oliver klagt über Kopfschmerzen, Emilie ist unsicher, ruft Alex hinzu, die den 18jährigen genau untersucht und in die Obhut seiner Mutter Camilla (Trine Dyrholm) entlässt. Doch noch bevor sie die Klinik verlassen haben, liegt Oliver auf dem Boden und fällt in ein Koma. Im MRT wird ein Blutgerinnsel im Gehirn festgestellt, eine Operation erscheint möglich, könnte Oliver aber auch töten. Während Emilie sich schwere Vorwürfe macht, scheint Alex schnell zum Alltag überzugehen. Doch als klar wird, dass Oliver nicht mehr aufwachen wird, sie mit den sich zwischen Trauer und Wut bewegenden Eltern konfrontiert ist, beginnt sie, ihre Entscheidung zu reflektieren und spürt die Tragweite ihres Tuns.

„Det andet opfer“, das andere Opfer, lautet der Originaltitel des mitreißenden Dramas, das bei den dänischen Filmpreisen vielfach ausgezeichnet wurde. Kein Wunder, gelingt es Autorin und Regisseurin Zinnini Elkington doch, den Alltag in einem Krankenhaus intensiv und authentisch zu schildern. Als Inspiration für ihren ersten Spielfilm dienten der bisher vor allem als Schauspielerin bekannten Elkington Gespräche mit zahlreichen Verwandten, die im medizinischen Bereich arbeiten und somit aus erster Hand über die zunehmend schwierigen, um nicht zu sagen unmöglichen Arbeitsbedingungen berichten konnten.

Die auch hier mit Dosen von Galgenhumor und Zynismus übertüncht werden, so als würde man sich in Lars von Triers legendärer Krankenhausserie „Riget – Hospital der Geister“ befindet. Mehr als an diese Serie, lässt „Nachbeben“ gerade zu Beginn aber an die Rasanz von „Emergency Room“ oder seinem modernen Nachfolger „The Pitt“ denken. Gleich zu beginnt deutet Elkington ihre stilistischen Ambitionen in einer über 15 Minuten langen, ungeschnittenen Plansequenz an, die Alex beim Springen zwischen diversen Patienten folgt, während sie nebenbei Telefonate führt, von allen Seiten mit Informationen und Nachfragen bedrängt wird, dabei immer freundlich, aber auch distanziert zu wirken versucht und am Ende mit einem im Koma liegenden Patienten dasteht. Physisch spürbar wird in dieser Sequenz die systembedingte Überforderung von Ärzten, die in einem System funktionieren sollen, dessen Möglichkeiten durch Sparzwänge beschnitten werden, das zunehmend wie ein technokratisches Unternehmen funktionieren soll, obwohl am Ende immer noch Menschen mit Menschen interagieren.

Dass Alex im weiteren Verlauf der Handlung auf einmal alle Zeit der Welt hat, sich um Oliver und seine Eltern zu kümmern, untergräbt zwar etwas die Dringlichkeit der ersten Minuten, führt jedoch gleichzeitig zum emotionalen Kern der Geschichte. Auch Alex hat ein Kind zu Hause, umso näher ist ihr Camilla, die ihr einerseits Vorwürfe macht, aggressiv wird, aber auch versteht, dass die Schuld nicht wirklich bei Alex zu suchen ist.

Ähnlich wie der vergleichbare „Heldin“ zeigt auch Zinnini Elkington in „Nachbeben“ auf authentische, emotionale Weise, wie das System Krankenhaus an seine Grenzen kommt, wie Ärzte und Pfleger versuchen, zu retten, was zu retten ist und dabei oft zwangsläufig scheitern. Ein mitreißender Film, hervorragend gefilmt und gespielt.

 

Michael Meyns

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