Nachthelle

Zwei Pärchen verbringen ein Wochenende in einem einsamen Haus eines menschenleeren Dorfes. Bald geraten die Vier in einen Strudel aus Schuld, verdrängten Gefühlen und schwüler Erotik. Drei gestandene Kino- und TV-Darsteller sowie einen aufstrebenden Jung-Schauspieler konnte der aus Münster stammende Regisseur Florian Gottschick für seinen Diplomfilm "Nachthelle" gewinnen. Abgesehen von einigen unfreiwillig komischen Momenten ist das stark besetzte Mystery-Drama ein gelungenes, weil atmosphärisches und mitreißendes Werk mit einer hoch interessanten Grundkonstellation und spannenden psychologischen Gedankenspielen.

Webseite: www.darlingberlin.de/nachthelle

Deutschland 2014
Regie: Florian Gottschick
Drehbuch: Florian Gottschick
Darsteller: Anna Grisebach, Benno Fürmann, Vladimir Burlakov,
Kai Ivo Baulitz, Michael Gwisdek
Länge: 83 Minuten
Verleih: Darling Berlin
Kinostart: 04. Juni 2015
 

FILMKRITIK:

Anna (Anna Grisebach) und Bernd (Benno Fürmann) verabreden sich für ein Urlaubs-Wochenende in ihrem alten Dorf in der Lausitz. Gemeinsam mit ihren Partnern Stefan (Vladimir Burlakov) und Marc (Kai Ivo Baulitz) wollen sie in dem abgeschiedenen, aber idyllischen Haus, in dem Anna aufgewachsen ist, ein paar gemütliche Tage verbringen. Die Stimmung ist gut und gelöst – bis Marc (Kai Ivo Baulitz) am zweiten Tag des Trips ein längst verdrängt geglaubtes, tragisches Ereignis aus der Jugend-Zeit anspricht und damit alte Wunden aufreißt. Vor allem auf Anna wirkt sich die neue, gedrückte Stimmung verändernd aus: mit zunehmender Verweildauer in dem kleinen, mittlerweile fast menschenleeren Dorf wird sie immer aufbrausender und verliert zusehends den Bezug zur Realität. Hinzu kommt, dass die sexuellen Spannungen unter den Vieren zunehmen. Vor allem Anna und Bernd verfallen in alte Gefühlswallungen.

Das mystisch angehauchte, von einer bedrohlichen Stimmung durchzogene Psycho-Drama "Nachthelle" ist der neue Film von Florian Gottschick, einem Absolventen der Hochschule für Film und Fernsehen. "Nachthelle" ist sein Diplom- bzw. Abschlussfilm, für den er auch das Drehbuch schrieb. Der Film, der drei gestandene Theater- und Kino-Darsteller sowie mit Vladimir Burlakov einen aufstrebenden Jung-Schauspieler vor der Kamera versammelt, erlebte seine Premiere Mitte 2014 auf dem Filmfest München. Drehorte des Films waren u.a.  Amsdorf (Südharz), Cottbus sowie Jänschwalde im Osten Brandenburgs.

"Nachthelle" ist für einen Abschlussfilm äußerst professionell geraten, hinsichtlich Kamera- und Schnittarbeit sowie in seiner gesamten Bildsprache und Dramaturgie kann "Nachhelle" problemlos mit den Werken etablierter Filmemacher mithalten und muss den Vergleich nicht scheuen. Dass der Diplomfilm mit geringem Budget realisiert wurde, sieht man dem sehenswerten, weil hochatmosphärischen und spannenden Film, nicht an.

Dies liegt nicht zuletzt auch am glaubwürdigen, plausiblen Spiel der Darsteller. Dabei stechen vor allem Benno Fürmann in der Rolle des nebulösen, charismatischen Bernd, dessen wahre sexuelle Identität über den gesamten Zeitraum des Films nie so ganz klar wird und Vladimir Burlakov als Annas Partner Stefan, heraus. Der 28-jährige, der bisher vor allem in Serien wie "Der letzte Bulle" oder "Der Kriminalist" zu sehen war, liefert als etwas blauäugiger, sich auf die Flirtversuche von Marc einlassender Stefan, eine beachtenswerte Leistung. Auch Anna Grisebach nimmt man die Figur der psychisch labilen, cholerischen Anna ab, die "auf Schwänze steht" und zu unkontrollierbaren Gefühlsausbrüchen neigt. In der zweiten Hälfte des Films, wenn Anna immer mehr den Bezug zu sich und der Realität verliert, rutscht ihre intensive Darbietung hier und da ein wenig ins unfreiwillig komische Overacting ab, da sie ihre nonverbalen Ausdrucksmittel zu übertrieben einsetzt.

Unfreiwillig witzig geraten sind auch noch andere Szenen, etwa wenn Stefan das Pärchen Bernd und Marc nach ihrer Homosexualität ausfragt (Stefan wirkt an dieser Stelle eher wie ein 12-jähriger Junge) oder jener Moment, wenn er die Beiden beim stöhn-intensiven, unüberhörbaren Beischlaf belauscht und einen Augenblick lang – so lässt dies zumindest sein Gesichtsausdruck vermuten – nicht glauben mag, dass "so etwas" auch zwischen zwei Männern möglich ist. Die Stimmung im Film kippt gewaltig in Richtung Psychothriller, sobald Stefan von einer früheren, bisher von Anna verheimlichten Beziehung erfährt und als es auf dem Dach der ehemaligen Schule zu einer Aussprache kommt, die alte Wunden aufreißt und damit den Beginn von Annas psychischem Verfall einläutet. Die sich auf dem Schuldach abspielende, intensive Szene ist ein in helles Licht getauchter Schlüssel-Moment des Films.

Ab diesem Zeitpunkt gewinnt "Nachthelle" an Qualität, auch als Zuschauer verliert man fortan zunehmend den Bezug zum Realen und driftet immer wieder in eine traumwandlerische, vergangene Zeitebene ab – eine Tatsache, die man als Betrachter mit Hauptfigur Anna gemeinsam hat.

Björn Schneider