Nanga Parbat

„Schicksalsberg der Deutschen“ wird der Nanga Parbat, mit 8125 Metern der neunthöchste Gipfel der Erde, mitunter auch genannt. Die Bergsteigerlegende Reinhold Messner hat hier 1970 bei einer Expedition seinen Bruder Günther verloren. Joseph Vilsmaier („Comedian Harmonists“, „Schlafes Bruder“) erzählt nun die dramatischen Momente der Tragödie in einem sehenswerten und spannenden Drama nach.

Webseite: www.nangaparbat.senator.de

Deutschland 2009
Regie: Joseph Vilsmaier
Darsteller: Florian Stetter, Andreas Tobias, Karl Markovics, Jule Ronstedt, Lena Stolze, Volker Bruch, Sebastian Brezzel, Markus Krojer, Steffen Schroeder
Ca. 100 Minuten
Verleih: Senator
Kinostart: 14.01.2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Zwei Lauser sind sie, die Südtiroler Messner-Buben. Machen Kletterübungen an Friedhofsmauern, erklimmen bald schon ihre ersten Dolomitengipfel. Und ein ganz großes Ziel haben sie auch schon: der Nanga Parbat im Himalaya soll’s sein, erklommen 1953 von ihrem Klettervorbild Hermann Buhl. Schon in den ersten Szenen steckt Joseph Vilsmaier die Bandbreite dieses Bergsteigerabenteuers ab: der Kindheits- und Jugendtraum, das Abenteuer als solches und der Konflikt zwischen Reinhold Messner und dem Expeditionsleiter Karl Maria Herrligkoffer, der die Tragödie dazwischen bereits erahnen lässt. Nicht zu vergessen die Schuldfrage am Tod von Messners verunglücktem Bruder.

Viel Freude macht in diesen zwischen den Jahren 1957 und 1970 wechselnden Anfangsszenen die Besetzung des kletterbegeisterten und während der Predigt des Pfarrers (Matthias Habich) gedanklich durch den Hochaltar steigenden Schülers Reinhold Messner durch Markus Krojer. Das war jener aufgeweckte Bub, der in Marcus H. Rosenmüllers „Wer früher stirbt ist länger tot“ 2006 sein bemerkenswertes Kinodebüt gegeben hat. Richtig besetzt ist der erwachsene Messner – zum Start der Expedition 25 Jahre alt – dann mit dem Bayern Florian Stetter, einem noch unverbrauchten Gesicht im deutschen Film. Im Unterschied zu Philipp Stölzls Bergsteigerdrama „Nordwand“ mit Florian Lukas und Benno Fürmann in den Kletterrollen nimmt man Stetter und dem aus Garmisch-Partenkirchen stammenden Andreas Tobias als Messners Bruder Günther die Bergsteigernatur viel mehr ab.

Die Nanga Parbat-Expedition selbst hat Vilsmaier eingerahmt von einem von Vorwürfen an Messner begleiteten Vortrag Herrligkoffers, in den hinein ein aufgrund seiner sechs abgefrorenen amputierten Zehen noch an Krücken gehender Reinhold Messner platzt. In der nun folgenden zentralen Rückblende stellt der nun seine Sicht der Ereignisse dar. Hierzu muss man wissen, dass der während der Expedition verschollene Günther Messner erst 2005 im ewigen Eis des Himalaja gefunden wurde und Reinhold Messner sich wiederholt mit der Beschuldigung konfrontiert sah, seinem Bruder während des Abstiegs möglicherweise nicht die notwendige Hilfe geboten zu haben. Messner selbst brauchte sechs Tage, bis ihm ärztliche Hilfe zuteil wurde.

Das Drama in der mit 4500 Meter hohen Wand, drei Mal so hoch wie die Eigernordwand – aufgenommen zum Teil im fantastischen 65 Millimeter-Format und mit Helikopterflügen sowohl am Nanga Parbat selbst sowie für die Kletterszenen am Ortler und Großvenediger in Tirol – wartet dann mit einer überzeugenden Intensität und Spannung auf. Messners Gegenspieler ist hier Herrligkoffer, von Karl Markovics („Die Fälscher“) als deutschem Nationalstolz verpflichtetem Expeditionsleiter manchmal etwas zu sehr an der Karikatur gespielt. Wenn er vom Nanga Parbat als „Schicksalsberg der Deutschen“ spricht, fühlt man sich sofort auch wieder an den von den Nationalsozialisten heraufbeschworenen Gipfelsturm an der Eigernordwand erinnert.

Von den Grenzerfahrungen in Extremsituationen und adrenalinfördernden Konfrontationen mit den Kräften der Natur mögen sowohl „Nordwand“ wie auch „Nanga Parbat“ auf packende Weise erzählen. Vilsmaiers alpines Drama überzeugt deshalb mehr, weil es von wirklichen Figuren und tatsächlich Erlebtem erzählt. Auch vermeidet es Vilsmaiers Score-Komponist Gustavo Santaolalla (u.a. „Brokeback Mountain“ und „Babel“), die Spannung wie in „Nordwand“ nicht durch dröhnenden Bombast überzudramatisieren, sondern setzt mit teilweise experimentellem Gitarrensound eigene Akzente. Man merkt diesem fesselnden Film einfach an, dass Reinhold Messner seine Entstehung und den Verlauf der Dreharbeiten mit seiner bergsteigerischen Erfahrung begleitet hat.

Thomas Volkmann

Reinhold Messner ist der berühmteste Bergsteiger unserer Zeit, einer, der alle 8000er bestieg, manche davon ohne Technik und allein. Aber sein Bergsteigerleben ist auch mit Dramen verbunden, vor allem mit einem: Im Sommer 1970 als Teilnehmer einer Herligkoffer-Expedition widersetzten sich die Brüder Reinhold und Günther Messner den Anordnungen des Expeditionsleiters und stiegen bei unsicherem Wetter von einem Hochlager aus ohne ausreichende Ausrüstung auf den Gipfel. Sie erreichten diesen, doch der Abstieg wurde zur Tragödie. Es gab keine gesicherte Route, keine lebenswichtigen Seile, das Wetter spielte nicht mit, die Fels- und Eiswände wie etwa die berüchtigte Rupal-Wand, die höchste Steilwand der Erde, waren schwindelerregend, mehrere Male mussten die beiden umkehren und einen gangbaren Weg ausfindig machen.

Reinhold war der ältere und stärkere, Günther aber wurde höhenkrank, brach mehrere Male vor Schwäche zusammen. Stunden vergingen, Wind und Kälte wurden unerträglich.

An die zwei Tage dauerte das Drama schon. Da musste Reinhold sich entschließen, wenn möglich Hilfe zu holen. Eine Eislawine? Er sah seinen Bruder nie wieder.

Reinhold selbst war dann mehrere Tage auf einer von niemandem vermuteten Route unterwegs, wurde halb verdurstet und halb erfroren von Einheimischen gefunden – und gerettet.

Sein Verhältnis zu Herligkoffer ließ sich nie mehr kitten.

Von der Südtiroler Heimat wird erzählt, von den Eltern, von der Zeit, als die beiden Brüder noch Kinder waren, vom Klettern aber schon damals nicht mehr loskamen.

Dann ausführlich die große Expedition von 1970. Herrliche Gebirgsaufnahmen und die an Dramatik nicht zu überbietenden Besteigungen.

Schließlich der von einem tödlichen Unglück überschattete Abstieg.

Insgesamt wurde die damalige Expedition von Herligkoffer als Erfolg dargestellt, weil zwei Teilnehmer kurz nach den Messner-Brüdern den Nanga-Parbat-Gipfel ebenfalls erreichten.

Über die von Reinhold Messner immer wieder bestätigte Verantwortung – nicht Schuld oder Mitschuld – wird in dem Film nicht viel gesagt. Er beschränkt sich auf die Erzählung dessen, was damals geschah und wie es sich abspielte. Als eine solche pure „Erzählung“ ist der Film eindrucksvoll: die an Schönheit und Wucht nicht zu übertreffende Landschaft, die Strapazen, die Kamera, die schauspielerische Bewältigung durch Florian Stetter (Reinhold), Andreas Tobias (Günther) oder Karl Markovics (Herligkoffer) – nicht zu vergessen die Stunts. Der große Vorteil: Reinhold Messner stand als Berater zur Seite.

Wer für Berge etwas übrig hat, ist als Zuschauer von Natur aus im Vorteil. Es handelt sich nicht um ein fiktives Gebirgsdrama, sondern um eine tatsächliche Tragödie. Sowohl für die Beteiligten als auch für die Kinogänger auch um ein Abenteuer par excellence.

Thomas Engel