Nataschas Tanz

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In „Nataschas Tanz“ begeben sich ein Niederländer und eine Russin auf einen ganz besonderen, langen Trip in die Abgeschiedenheit Russlands. Zwei Außenseiter, die einander und sich selbst besser kennenlernen wollen. Die Mischung aus Roadmovie, Arthouse, Groteske und Romanze ist unkonventionell und steckt voller Überraschungen. Ein schlichter, formal reduzierter Film, bei dem vor allem die überraschend ironiefreien, wundersamen Ereignisse während des Roadtrips Laune machen.

Niederlande/Deutschland 2023
Regie: Jos Stelling
Drehbuch: Jos Stelling
Buch: Francesca Archibugi, Laura Paolucci
Darsteller: Anastasia Weinmar, Willem Voogd, Heike Hanold-Lynch, Eva Enke

Länge: 101 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 11. Juli 2024

FILMKRITIK:

Der Junge Daantje (Bram Reurink) leidet unter seiner Schüchternheit und zieht sich deshalb lieber in seine Fantasiewelt zurück. Um ihn aufzuheitern, erzählt ihm seine Mutter (Haydewych Minis), dass er, wenn er älter ist, einem besonderen Mädchen begegnen wird: eine wunderschöne, begabte Tänzerin, die nur auf ihn gewartet hat. Jahre später, nachdem seine Eltern bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen sind, lebt Daantje ein entbehrungsreiches Dasein auf der Straße. Doch eines Tages begegnet er der ehemaligen Ballerina Natascha, die eigentlich keinen Kontakt zu anderen (Männern) haben möchte. Doch als sie beschließt, den Ort ihrer Vergangenheit aufzusuchen, entscheidet sich Daantje sie zu begleiten.

Zwei Einzelgänger durch und durch stehen im Zentrum von Jos Stellings neuestem Werk, es ist der erste Kinofilm des Niederländers seit über zehn Jahren. Da ist einerseits Daantje, der Sonderling, der meist nur melancholisch und bedröppelt dreinschaut und das Geschehen um sich herum mit konsequenter Wortlosigkeit abstraft. Er scheint in seiner eigenen Welt zu leben, dennoch ist er hellwach und folgt seiner Angebeteten auf Schritt und Tritt. Willem Voogd gelingt es einzig mittels seiner Mimik, die Gefühle seiner Figur offenzulegen.

Einen ebenso gelungenen und noch dazu unbekümmerten Auftritt zeigt Anastasia Weinmar als Natascha. Zu Beginn ist Weinmars Protagonistin schwer greifbar, doch allmählich und mit zunehmender Laufzeit lernt man die traumatisierte Ex-Tänzerin immer besser kennen. Und sie wächst einem zunehmend ans Herz – trotz oder gerade wegen ihrer exzentrischen Art und all der skurrilen Begebenheiten, die ihr und Daantje widerfahren. In vielen dieser Szenen beweist Jos Stelling sein Faible für (wortlose) Komik und absurden, makabren Humor. Dazu zählt der überraschende Besuch bei Nataschas Ex-Mann ebenso wie die Sequenz um einen dreisten LKW-Fahrer, bei dem Natascha zwecks Mitfahrgelegenheit einsteigen wollte – der sich jedoch mit all ihrem Gepäck auf und davon macht.

Mit großer Beiläufigkeit erzählt „Nataschas Tanz“ unterschwellig von universellen, großen Themen wie der Suche nach der eigenen Identität, von Liebe, Heimat, Enttäuschungen und verfehlten Lebenszielen. Dabei geht es zwischen den Zeilen oft schwermütig und nachdenklich zu, allerdings konterkariert Stelling diese Momente mit dem bereits angesprochenen grimmigen Humor. Auch im ersten Drittel des Films, das von Daantjes problematischer Kindheit erzählt.

Die seltsamen Verhaltensweisen des eigenen Umfelds prägen die Hauptfigur schon früh. In diesem Fall ist es vor allem der Vater, der mit seinem exaltierten Gebaren regelrecht verstört. Und erneut zeigt sich Stellings Lust am Abseitigen und sein Hang zu überspannten, spleenigen Charakteren. Da muss man sich erst einmal an die poetisch anmutenden, monochromen Bilder gewöhnen. Doch nach kurzem verleiht das Schwarz-Weiß dem Film etwas Puristisches und Schlichtes. Und dies passt wiederum wunderbar zu den wenigen Dialogen und der reduzierten, aber bewusst eingesetzten klassischen Musik, die Stellings Bilder begleiten.

 

Björn Schneider