Nebel im August

Unter den vielen Verbrechen des NS-Regimes ist die Euthanasie ein Thema, dass bislang in der öffentlichen Wahrnehmung noch weniger präsent ist und auch in den zahllosen Filmen über das Dritte Reich bislang eher Randaspekt war. Diese Lücke versucht nun Kai Wessel mit seinem Film "Nebel im August" zu schließen: Ein bewegender Film, der exemplarisch die tragische Geschichte eines 13jährigen Jungen erzählt, der Opfer dieses grausigen Systems wurde.

Webseite: www.studiocanal.de/kino/nebel_im_august

Deutschland 2016
Regie: Kai Wessel
Buch: Holger Karsten Schmidt, nach dem Roman von Robert Domes
Darsteller: Ivo Pietzcker, Sebastian Koch, Fritzi Haberlandt, Henriette Confurius, David Bennent, Karl Markovics
Länge: 120 Minuten
Verleih: Studiocanal
Kinostart: 29. September 2016
 

FILMKRITIK:

Als Mitglied der Minderheit der Jenischen (z.T. als "Zigeuner" bezeichnet) ist der 13jährige Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) ohnehin Zeit seines Lebens ein Außenseiter gewesen. Sein rebellisches Wesen wurde zusätzlich in zahlreichen Kinderheimen gestärkt, in die ihn sein alleinerziehender Vater (Karl Markovics) immer wieder gegeben hat. Als "nicht erziehbar" wird Ernst nun, Anfang der 40er Jahre, eingestuft und in ein Heim in Süddeutschland geschickt. Hier herrscht der sympathisch wirkende Dr. Veitshausen (Sebastian Koch), der sich jedoch bald als überzeugter Verfechter der Euthanasie herausstellt.
 
Immer häufiger sterben Insassen der Anstalt angeblich an Lungenentzündung, was besonders die junge Nonne und Krankenschwester Sophia (Fritzi Haberlandt) beunruhigt. Doch gegen das unerbittliche System hat sie keine Chance, zumal ihr Dr. Veitshausen bald einen wahren Todesengel zur Seite stellt, die ebenso schöne, wie kalte Edith Kiefer (Henriette Confurius), die sich mit großer Emphase in den Dienst des Dritten Reichs stellt.
 
Lose basiert Kai Wessels Film auf dem Fall Ernst Lossas, den der Journalist Robert Domes 2008 zu einem Tatsachenroman verarbeitet hat. Schon unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg diente der Fall Lossa den Alliierten, die die Euthanasie-Verbrechen des Dritten Reichs untersuchten, als exemplarischer Fall für die Machenschaften des Nazi-Systems. Ein biographischer Film ist "Nebel im August" dennoch nur bedingt geworden, was einerseits Stärke, andererseits aber auch eine Schwäche ist.
 
Die Intention der Produzenten war es weniger eine persönliche Geschichte zu erzählen, sondern anhand einer individuellen Geschichte einen umfassenden Film über das große Thema Euthanasie zu drehen. Ernst Lossa ist somit vor allem Beobachter der Geschichte, ist Protagonist, durch dessen Augen der Zuschauer in die Welt eintauchen soll, in der psychisch oder physisch Kranke in Heime gesteckt werden, dort zum Teil auch mitfühlend behandelt, von manchen Teilen des Systems aber zu unwertem Leben erklärt und ermordet werden. Im Bemühen, einen realistischen, authentischen Blick auf die Historie zu werfen, wird Lossa so zu einer merkwürdig passiven Figur. Ein Held, der sich gegen das System auflehnt war er wohl nicht und wird vom Film auch nicht dazu gemacht. Das ist einerseits redlich, führt aber dazu, dass Lossa oft wie ein Statist in seinem eigenen Film wirkt. Gerade in diversen Abschweifungen, in denen unterschiedliche Aspekte des Euthanasie-Systems in fast dokumentarischer Manier geschildert werden, verschwindet Lossa oft für lange Passagen von der Bildfläche.
Der Versuch, das System der Euthanasie in einem Spielfilm auf die Leinwand zu bringen, gleichzeitig anrührend und bewegend, aber auch authentisch und nicht pathetisch zu erzählen, führt in "Nebel im August" oft zu einem unglücklichen Spagat. Stets merkt man der Produktion das Bemühen an, alles richtig zu machen, ausgewogen zu erzählen, sowohl "gute" als auch "böse" Mediziner zu zeigen, sowohl mitfühlende als auch kalte Deutsche auftreten zu lassen, der Kirche einen Seitenhieb zu verpassen, aber doch nicht so richtig, kurz, einen Mittelweg zu wählen, der hier einmal mehr zu einem fraglos gut gemeintem, aber künstlerisch nur bedingt geglücktem Ergebnis führt.
 
Michael Meyns