Neubau

Es lässt sich aus der Uckermark bis ins Kanzleramt schaffen. Andere verhocken in der brandenburgischen Provinz. Wer seine senile Großmutter versorgen muss, kann die Träume von Berlin nicht so leicht verwirklichen. Der queere Enkel Markus beschafft sich mit Online-Dates mehr schlecht als recht etwas sexuelle Abwechslung in der Tristesse. Regelmäßig flüchtet er sich in Fantasiewelten mit imaginären Freunden. Bis plötzlich ganz real ein Traumprinz vor dem Transmann steht.
„Ein leiser Film, der lange nachwirkt“ begründete die Jury des Max Ophüls-Festivals die doppelte Krönung als „bester Spielfilm“ sowie als „gesellschaftlich relevanter Film“. Tatsächlich geschieht herzlich wenig in dem Drama mit programmatischem Mut zur Lücke. Wer sich auf den maximalen Minimalismus einlässt, wird mit einem ambitionierten Kino-Mosaik der besonderen Art belohnt: Eine emotionale Achterbahn als gemütliche Schiffschaukel.

Webseite: https://salzgeber.de/neubau

Deutschland 2020
Regie: Johannes Maria Schmit
Darsteller: Tucké Royale, Monika Zimmering, Jalda Rebling, Minh Duc Pham
Filmlänge: 81 Minuten
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 17. Dezember 2020

FILMKRITIK:

Das Liebesspiel der beiden Männer vor dem offenen Fenster wird abrupt vom Handyklingeln gestört. Die pflegebedürftige Großmutter von Markus ist wieder einmal davongelaufen. Gemeinsam mit deren betagter Lebenspartnerin Sabine macht sich der Enkel auf die Suche nach Oma Alma. Reine Routine für den jungen Helden. Der Vater floh schon vor seiner Geburt in den Westen, seine Mutter ist früh verstorben. Markus wuchs bei der geliebten Großmutter auf, um die er sich nun rührend kümmert – und deretwegen er seinen Traum vom Umzug nach Berlin noch immer aufschiebt. Kein ganz geringes Opfer, für das queere Landei ist die Partnersuche schließlich kein Ponyhof. Mit anonymen Sex-Dates via App lässt sich bisweilen Abwechslung in die chronische Tristesse bringen. Letztlich bleibt die Notlösung freilich so unbefriedigend wie die Flucht in Tagträume mit imaginären Freunden.

Die Koffer für Berlin hat Markus gepackt, die Sorge um die Oma lässt ihn jedoch zögern, zumal deren Gesundheitszustand sich verschlechtert. Als mit dem charismatischen Fernsehtechniker Duc plötzlich ein seelenverwandter Traumprinz vor dem Transmann steht, muss sich der heftig verliebte Held entscheiden, wie seine Zukunft aussehen soll.

Das Leben in der Uckermark ist ein langer ruhiger Fluss für Markus, der eine kleine Straußenfarm betreibt. „Mutant Hero“ steht trotzig in Nietenschrift auf seiner Jeansjacke. „Stonewall“ lautet der ausgebleichte Schriftzug auf seinem alten Auto. Viel zu tun gibt es für Markus nicht im menschenleeren Nirgendwo in Brandenburg. Er läuft viel und joggt. Oder fährt im alten Golf umher. Milch und Bier werden gleichermaßen gern und oft getrunken, Zigaretten viel zu viele konsumiert. Das entschleunigte Tempo im unaufregenden Leben des jungen Helden spiegelt sich in der Erzählweise wieder. Autor und Hauptdarsteller Tucké Royale setzt bei seinem Mosaik dramaturgisch auf den Mut zur Lücke. Soll das Publikum sich gefälligst selbst seine Gedanken machen. Etwa darüber, was es mit jenen imaginären Figuren auf sich hat, die immer wieder auftauchen (und die im Abspann „Hologrammfamilie“ genannt werden)? Wie es um die Geschlechtzugehörigkeit des Helden steht? Oder wie genau der brandenburgische Straußenfarmer und der vietnamesische Fernsehtechniker sich gefunden haben? Um deren potenzielle Lovestory zu skizzieren, reicht Plaudern und Plantschen der Seelenverwandten im pittoresken See – da dürfte sich auszahlen, dass der Autor einst Puppenspielkunst an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch studierte. Des schrillen Künstlernamens zum Trotz, erweist sich Tucké Royale als bodenständiger Schauspieler, der seine nachdenkliche Figur mir großer Glaubwürdigkeit und Gelassenheit ausstattet.

Theatermacher Johannes Maria Schmit findet in seinem Kinodebüt immer wieder hübsche Bilder der poetischen Art: Von sexuellen Träumereien am Heuballen bis zum meditativen Zupfen von Holunderbeeren am Küchentisch. Als „queeren Heimatfilm“ versteht sich das Drama, bei dem sexuelle Vielfalt und Identitäten mit demonstrativer Selbstverständlichkeit daherkommen. Um es mit der Max Ophüls-Jury zu sagen: „Solche Filme haben die Kraft Empathie zu erzeugen.“

Dieter Oßwald