New York Memories

Die 80er-Jahre-Nostalgiewelle rauscht und gurgelt weiter durch die Filmwelt. So entdeckt auch Rosa von Praunheim nach Jahren der Abstinenz in New York wieder „die aufregendste Stadt der Welt“. Aus vielen Stimmen, auch jener deutschen Einwanderer, die er bereits vor über 20 Jahren mit „Überleben in New York“ verewigte, entsteht eine persönliche, erstaunlich zahme und dennoch mitreißende Hommage an den Ort, in dem wieder alles möglich ist – das entschiedene Gegenprogramm zu „Sex and the City 2“.

Webseite: www.basisfilm.de

D 2010
R + B: Rosa von Praunheim
Mit: Anna Steegmann, Roman Pitio, Claudia Steinberg, Barbara Epler, Marie Pohl, Lucie Pohl, Jeff Preiss, Isaac Preis
Verleih: Basis-Film Verleih Berlin
Länge: 89 Min.
Start: 15. Juli
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Auf einem Ausklappsofa schmollt Rosa von Praunheim den guten, alten Zeiten hinterher, „als die Stadt vor Energie glühte“ und er “den geilsten Sex mit den tollsten Männern der Welt“ hatte, während jetzt die Schwulen ja nur noch um das Recht auf Heirat kämpfen würden. Die 70er Jahre in New York waren „wild“, die 80er „verhängnisvoll“. Enttäuscht und wütend über die „zero tolerance“-Strategie, in deren Zuge immer mehr Schwulenbars geschlossen wurden, kehrte er seiner Lieblingsstadt Mitte der 90er Jahre den Rücken. Jetzt kam er zurück und sucht die einstigen Freunde auf. Weder sie noch ihre Kinder sind auf Krawall gebürstet.

Mit Anna und Claudia traf er zwei Protagonistinnen aus seinem Film „Überleben in New York“ (von 1989) wieder. Die zwei Frauen haben strapaziöse Zeiten in den 80er-Jahren überstanden. „Ich war zu stolz, um zurückzugehen,“ sagt Anna. Als Gogo-Girl finanzierte sie damals ihr Psychologiestudium, traf in der Gogo-Bar ihren späteren Mann, wurde später Autorin und hat jetzt ein Haus im aufblühenden Harlem.
Claudia empfand die USA damals als faszinierend, aber auch brutal, vulgär, pervers. Sie überlebte eine Vergewaltigung in der eigenen Wohnung, zog für ein Jahr nach München und kehrte dann aus Liebe zu ihrer späteren Lebenspartnerin wieder zurück. Jetzt schreibt sie in und über New York: „Geld verdient man heute im Journalismus mit Glamour.“

Die Schwestern Lucie und Marie Pohl erzählen, wie sie sich als junge Künstlerinnen mit Jobs in New York über Wasser halten. Dass sie sich in Finanzkrisenzeiten so wert – und machtlos fühlen wie noch nie, aber keinen Konflikt scheuen. „Hier können wir so viel sein: mal deutsch, mal rumänisch, mal jüdisch, mal griechisch.“

Schüler aus Harlem berichten von den neuen Polizisten im Viertel, die sich mit Rasta-Frisur tarnen. Dann ist da Isaac, das transsexuelle Kind von Praunheims Kameramann, das sich im Alter von 12 Jahren auf Youtube als Junge outete. Ein vielstimmiges Bild aus reflektierten Erfahrungen entsteht.

Hier und da hakt Praunheim nach, fragt nach Sexerlebnissen, Sicherheitsbedürfnissen oder warum die jeweiligen Beziehungen überhaupt noch bestehen, lässt aber haarsträubende Sätze wie den der 83jährigen Living-Theatre-Begründerin Judith Malina: „Wenn ich Hitler nicht lieben kann, kann ich niemanden lieben, weil ich dann Hass im Herzen habe“ für sich stehen.

Weitestgehend wertfrei und beschaulich breitet Praunheim in seinem bereits 73sten Film wieder spannende Lebensgeschichten aus, ohne die Porträtierten vorzuführen. Subkulturelle Formen flimmern gelegentlich in bunten, zerkratzten Videos aus den 80ern oder mit dem, in der U-Bahn Reden schwingenden Reverend Billy und in kurzen Gesprächen mit Schwulen und Transen auf. Der Blick fällt weniger auf die Politik als auf das Private, weniger auf die Gestrauchelten als auf die Etablierten. Praunheim schaut auf die Spuren, die die Stadt in den einzelnen Lebensentwürfen hinterlassen hat und zeigt gepflegte persönliche Inventuren in stilvollen Umgebungen. Dank der Offenheit springen viele Funken in den Kinosaal über.

Dorothee Tackmann

Rosa von Praunheim ist in Deutschland wohl oder profilierteste und rührigste Vorkämpfer für die Befreiung, Legalisierung und Normalisierung der Homosexualität oder der Transsexualität. Er hat auf diesem Gebiet ein beachtliches filmisches Oeuvre aufzuweisen. Er kämpft seit Jahrzehnten dafür, dass die Menschen das Schwulentum besser verstehen und dulden. Er zwang Promis, sich zu outen. Sein Bemühen um die Eindämmung von Aids ist legendär. Für Veranstaltungen wie den St.-Christopher-Street-Day tritt er vehement ein. Dabei war er in der Szene, in den Liebesbeziehungen Homosexueller oder was viele intime Bekanntschaften betrifft nie ein Kostverächter. Zahlreiche Selbstzeugnisse berichten davon.

Vor etwa 20 Jahren drehte er seinen Film „Überleben in New York“. Er erfasste darin die absonderlichsten Figuren, die wildesten Meetings, die vielen Künstler (z.B. Andy Warhol) und Möchtegernkünstler, natürlich auch seine Freunde – Männlein wie Weiblein. Daraus entstand ein Dokumentarfilm, für den es gar den Deutschen Filmpreis gab.

Jetzt, nach 20 Jahren (2009) ein Erinnerungsfilm – mit passenden Szenen aus „Überleben in New York“ -, ein neues Dokument:

Manhattan hat sich gewandelt, ist ein Ort der Reichen geworden. Für ein kleines Zimmer beträgt die Monatsmiete 1800 Dollar. Ein Pfund Spinat kann 50 Dollar kosten (tatsächlich 50 Dollar!) Bürgermeister Giuliani hat während seiner Amtszeit die Stadt „gesäubert“. Die Zahl der Verbrechen nahm ab. Aber viele, Unzählige, mussten aus Kostengründen die Stadt verlassen. Auch viele Künstler, Homosexuelle und „Originale“.

Praunheim besucht Freunde von damals, schildert, was aus ihnen geworden ist, wie farbig aber schwer ihr Leben war. Er trifft junge Menschen, die sich durchbeißen müssen, jedoch in New York bleiben, weil sie die Stadt, die ja wirklich einzigartig und unnachahmlich ist, lieben: Anna und Claudia, beide mit einer äußerst bewegten Vergangenheit, die hübschen um künstlerischen Erfolg bemühten Schwestern Lucie und Marie Pohl, den jungen Transsexuellen Isaac, die bekannte und tatkräftige Pazifistin und „Philosophin“ Judith Malina und andere mehr.

Es ist ein schrilles, aber interessantes, aufschlussreiches, typisches, sehr gut montiertes, ausgesuchtes und auch unterhaltsames Bild geworden. Wer Interesse an dem Thema hat, wird seinen Kinobesuch nicht bereuen.

Thomas Engel