Nicht alles schlucken

Auch in Deutschland setzt die Pharmaindustrie mit allerlei Pillen und Mittelchen Milliardenbeträge um, wobei besonders solche Medikamente Gewinn bringen, die dauerhaft genommen werden, etwa gegen Psychosen. Welche Folgen dieser ungezügelte Einsatz von Medikamenten haben kann, darum geht es in "Nicht alles schlucken", ein Dokumentarfilm, der eher als Ergänzung zur Beschäftigung mit dem Thema geeignet ist, denn als eigenständiges Werk.

Webseite: www.credofilm.de

Deutschland 2014 – Dokumentation
Regie: Jana Kalms, Piet Stolz, Sebastian Winkels
Buch: Jana Kalms, Piet Stolz
Länge: 86 Minuten
Verleih: credo Verleih
Kinostart: 28. Mai 2015
 

FILMKRITIK:

Jana Kalms, Piet Stolz und Sebastian Winkels Film "Nicht alles schlucken" entstand aus dem Konzept eines Trialogforums heraus, ein therapeutisches Konzept, mit dem besonders Stolz, der als Nervenarzt, Psychotherapeut und Psychoanalytiker arbeitet, Erfahrung hat. Der Ansatz ist ein ähnlicher, wie man ihn von Sitzungen der Anonymen Alkoholiker oder anderen Gruppen kennt, die auf Gesprächsrunden basieren, bei denen Betroffene mit Gleichgesinnten reden und ihre Probleme offenbaren können.
Dieses Konzept wird im Film streng und ungebrochen umgesetzt, was bedeutet, dass man nicht mehr sieht als rund 20 Menschen, die sich in einem Kreis gegenübersitzen und von ihren Erfahrungen mit der Behandlung von Psychosen berichten.

Jüngere und ältere Patienten sind dies, die zum Teil ihre Medikamente nach hartem Kampf komplett abgesetzt haben, zum Teil noch unterschiedliche Dosen nehmen. Angehörige kommen zu Wort, die von der schleichenden Verwandlung ihrer Kinder oder Ehepartner berichten, die mit Psychopharmaka behandelt wurden und deren Persönlichkeit sich grundsätzlich veränderte. Und schließlich berichten Beteiligte von der anderen Seite über ihre Erfahrungen, Pfleger, Psychotherapeuten und Ärzte, die von Beschimpfungen seitens der Patienten erzählen, aber auch vom Unguten Gefühl, wenn man einen Patient dazu nötigt, die verschriebenen Medikamente zu nehmen, selbst wenn dazu Zwangsmaßnahmen nötig sind.

Die Berichte beider Seiten sind zum Teil tief verstörend und geben Einblicke in eine Welt, die meist außen vor bleibt. Bemerkenswert hellsichtig berichten manche Patienten von ihren Erfahrungen, von ersten Erfolgen der Medikamente, einer Verbesserung ihrer Lage, die auf Dauer aber dem unguten Gefühl wich, nicht mehr der Alte zu sein, eine durch die dauerhaft hohen Dosen verursachte Persönlichkeitsveränderung zu erleben. Und auch die Ärzte  und Pfleger berichten mit viel Selbstkritik von ihrer Seite – die manche gar als "Täterseite" bezeichnen – von Zwangsmaßnahmen und schwer zu ertragenden Schmerzensschreien.

Was dem Film allerdings vollkommen fehlt ist ein Kontext. Weder zu den Patienten und ihren sicher vielfältigen Krankheiten, noch zu den Ärzten werden erklärende Informationen geliefert, weder zu den Medikamenten, noch zu den Strukturen der Pharmaindustrie, deren Gewinnstreben zumindest zum Teil Ursache des Problems ist. So eindringlich die bewusst karge Bildgestaltung, der Verzicht auf jeglichen Kontext, jegliches Außen, jenseits des Gesprächsraums auch ist, die Folge ist eine extreme Reduzierung des Fokus. Beschäftigt man sich ohnehin mit dem Thema, dürfte "Nicht alles schlucken" von großem Interesse sein, als Einführung in ein fraglos wichtiges Thema ist diese Dokumentation allerdings nicht zu empfehlen.
 
Michael Meyns