Nichts passiert

Wie soll man mit dem Wissen umgehen, dass möglicherweise ein Verbrechen passiert ist? Mit dieser Frage konfrontiert Autor und Regisseur Micha Lewinsky seine Hauptfigur Thomas (ideal besetzt mit Devid Striesow), einen ohnehin entscheidungsschwachen Menschen, der sich in dem hervorragenden Drama "Nichts passiert" zunehmend in moralischen Fallstricken verfängt.

Webseite: www.movienetfilm.de

Schweiz 2015
Regie und Buch: Micha Lewinsky
Darsteller: Devid Striesow, Maren Eggert, Annina Walt, Lotte Becker, Max Hubacher, Sarah Orlov
Länge: 92 Minuten
Verleih: Movienet
Kinostart: 11. Februar 2016
 

FILMKRITIK:

Ein ganz normaler, netter Mann ist er. So beschreibt sich Thomas (Devid Striesow) gegenüber seiner Therapeutin, bei der er wegen seiner Alkoholsucht in Behandlung war. Nun ist er trocken, doch weder beruflich noch familiär läuft es wirklich gut. Um die Familie wieder zusammenzubringen, fährt er mit seiner Frau Martina (Maren Eggert) und der Tochter Jenny (Lotte Becker) nach Davos zum Skifahren. Um seine Karriere als Journalist wieder anzukurbeln, nimmt er Sarah (Annina Walt) mit, die Tochter seines Redakteurs. In den Bergen hat die Familie schon oft ihre Ferien verbracht, kennt seit Jahren die lokale Bevölkerung. Vor allem mit Ruedi (Stéphane Maeder) und seinem Sohn Severin (Max Hubacher) ist man befreundet.

Gleich am ersten Abend wollen die Teenager-Mädchen ins Dorf, auf eine Feier. Gegen den Willen der Mutter setzen sich die Mädchen durch, Thomas übernimmt die Verantwortung und  holt sie um Mitternacht ab. Doch Sarah ist merkwürdig verstört, schweigsam und rückt nur langsam mit der Wahrheit raus: Severin habe sie vergewaltigt. Thomas will sofort zur Polizei gehen, doch Sarah bittet ihn, die Tat zu verheimlichen, auch vor ihren Eltern, die ohnehin zerstritten sind. Nicht ganz uneigennützig stimmt Thomas zu und setzt damit eine Kette von Ereignissen in Gang, die ihn in immer neue moralische Untiefen führen.

"Wir können doch darüber reden!" – das ist Thomas' häufig wiederholtes Mantra gegenüber seiner Frau, die ihre eigene Karriere für die Familie zurückgestellt hat, gegenüber seiner Tochter, die ihn um den Finger wickelt und später auch gegenüber Sarah und Severin, die er mit fatalem Ausgang zu einem vermeintlich klärenden Gespräch nötigt. Dabei ist eigentlich schon dieses Gespräch zu viel für Thomas, der Problemen lieber aus dem Weg geht und hofft, dass sie sich schon irgendwie selbst lösen.

Ideal besetzt ist Devid Striesow in dieser Rolle, ein Schauspieler, der wie seine Figur oft als nett und normal beschrieben wird. Wie er in jeder Situation nicht das Naheliegende tut, sondern immer einen scheinbar einfacheren Ausweg findet, ist faszinierend, vor allem dank des dichten Drehbuchs, für das Micha Levinsky schon diverse Preise erhalten hat.

Zurecht, denn mit absoluter Konsequenz dreht er die Spirale weiter, lässt seine Hauptfigur immer tiefer in moralische Abgründe gleiten, aus denen es keinen Ausweg zu geben scheint. Gleichermaßen unfassbar und doch nachvollziehbar sind Thomas' Entscheidungen, die auf den ersten Blick meist absurd wirken, aber eigentlich auch verständlich sind. Denn wer kennt das nicht: In bestimmten schwierigen Situationen nicht sofort das "Richtige" zu tun, sondern erst zu versuchen, die Situation irgendwie abzuwenden, zu verharmlosen, der Konfrontation mit einer Schuld auszuweichen? Zutiefst menschlich ist Thomas' Verhalten und das macht "Nichts passiert" so bemerkenswert. Zumal es Lewinsky wagt, seinen Film absolut konsequent zu Ende zu bringen, seiner Hauptfigur keinen plötzlichen, extremen Sinneswandel aufzudrücken, sondern ein in gewisser Weise unmoralisches Ende zu finden, das Thomas dennoch als das zeigt was er ist: Ein tragischer, schwacher, aber gerade deswegen so nachvollziehbarer Mensch.
 
Michael Meyns