Nichts zu verzollen

Mit dem Kassenknüller „Willkommen bei den Sch’tis“ brach Dany Boon sämtliche Kinorekorde in Frankreich. Seine neue turbulente Komödie „Nichts zu verzollen“ wiederholt sein Erfolgsrezept von Kulturunterschied und Universalismus gekonnt. Erneut beweist der nordfranzösische Komiker und Autorenfilmer sein untrügliches Gespür für groteske Situationskomik und Sprachwitz. Diesmal spielt das 44jährige Allroundtalent mit den Vorurteilen an der französisch-belgischen Grenze, die durch die innereuropäische Grenzöffnung erst einmal kräftig geschürt werden. Das Multitalent verliert bei dieser begnadet bissigen Posse jedoch keinen Moment seinen liebevollen Blick auf menschliche Schwächen.

Webseite: www.nichts-zu-verzollen.de

RIEN À DÉCLARER
Frankreich 2011
Regie und Buch: Dany Boon
Darsteller: Dany Boon, Benoît Poelvoorde, Julie Bernard, François Damiens, Karin Viard, Bouli Lanners, Eric Godon, Philippe Magnan, Laurent Gamelon, Bruno Lochet
Länge: 108 Minuten
Verleih: Prokino
Kinostart: 28. Juli 2010

PRESSESTIMMEN:

Wie bei den "Sch’tis" greifen Charme, Biss und verschrobene Nebenfiguren zu einer liebenswerten Komödie ineinander, die wieder den richtigen Nerv getroffen hat. Sie ist mit mehr als 9 Millionen Zuschauern der bis dato größte Hit in Frankreich in diesem Jahr.
STERN

FILMKRITIK:

„Lieber Gott mach“, betet Ruben Vandervoorde (Benoît Poelvoorde) inbrünstig in der Kirche, „dass es nie ein grenzenloses Europa gibt“. Der stolze belgische Zöllner fürchtet nichts mehr als die Invasion der „Camemberts“ in sein geliebtes Land. Sein antifranzösischer Diensteifer kommt in dem kleinen Ort Courquain an der belgisch-französischen Grenze aber nicht mehr gut an. Vor allem im Jahr 1993, kurz vor dem Schengener Abkommen, mit dem die innereuropäischen Grenzen fallen sollen. Um zu beweisen, dass dieser Schritt der EU-Politiker nur falsch sein kann, sorgt der cholerische Ruben mit übertrieben strengen Kontrollen für kilometerlange Staus am Grenzübergang. Gnadenlos schikaniert er harmlose französische Autofahrer.

Als der frankophobe Grenzbeamte dann auch noch gezwungen ist, mit seinem französischen Kollegen und Gegenspieler Mathias Ducatel (Dany Boon) zusammenzuarbeiten, scheint das Maß voll. Denn in den Köpfen der beiden Dickschädel ist das geeinte Europa längst noch nicht angekommen. Zusammen sollen sie zum mobilen französisch-belgischen Patrouillendienst „Douanes Internationales“ antreten, um auf einsamen Landstraßen Drogenschmuggler zu jagen. Doch in ihrem klapprigen R4 samt pummeliger Promenadenmischung wirkt das Duo kaum wie Super-Cops im Außeneinsatz. Zudem trifft Mathias sich heimlich seit einem Jahr mit Rubens Schwester Louise (Julie Bernard). Das Paar traut sich jedoch nicht, sein Verhältnis der fremdenfeindlichen Familie zu beichten.

Der belgische Komiker Benoît Poelvoorde Poelvoorde („Mann beißt Hund“, „Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“) fühlt sich sichtlich wohl in seiner Law and Order-Rolle. Die erstaunliche Mimik und Körpersprache des Universalgenies erinnert streckenweise an die grotesk grandiosen Auftritte des französischen Starkomikers Louis de Funès, der in seinen Rollen den Typus des schnell verärgerten, tobsüchtigen Spießers bravourös variierte. Auch sonst überrascht die temporeiche Komödie mit Actionszenen nach dem Vorbild der klassischen Gendarmen-Filmreihe der französischen Ikone des humoristischen Kinos.

Vorurteile sind so alt wie die Menschheit. Aus diesem Wissen schlägt auch Dany Boons zweiter pointierter Kinoschwank absurdes Kapital. Trotz allem liefert der sympathische nordfranzösische Standup-Comedian, der erneut sein Talent vor und hinter der Kamera beweist, dabei keine streng moralische Lektion ab. Sein anrührender und schelmenhafter Blick in die tragikomische Welt des rassistischen Kleingeistes unterhält und macht nachdenklich. Ein Wunderwerk des komischen Schreckens, unterstützt von einem glänzenden Schauspielerensemble und pfiffigen Gags, die über vorhersehbaren Klamauk hinausgehen. Selbst die synchronisierte Fassung schafft es, das Feuerwerk an aberwitzigen Humor zu entfachen.

Luitgard Koch

Nachbarvölker lästern gerne übereinander – die Österreicher über die Deutschen, die Franzosen über die Belgier und umgekehrt. Doch diese Nationen sind bei weitem nicht die einzigen.

„Nichts zu verzollen“ spielt in einem französisch-belgischen Grenzort. Zu verzollen gibt es tatsächlich demnächst nichts mehr, denn es ist die Zeit der Abschaffung der Grenzstationen innerhalb der EU, u. a. sanktioniert durch das sogenannte Schengener Abkommen, das nur noch die Außengrenzen schützt.

Der Zöllner Ruben ist Totalbelgier. Der Himmel über ihm ist rein belgisch, er betet sein Königreich an, seinen Sohn erzieht er im Geiste vollkommener Belgophilie. Entsprechend verachtet er die Franzosen, besonders den auf der anderen Seite der Grenze arbeitenden französischen Kollegen Mathias – dessen Schwester er allerdings heimlich liebt.

Zu allem Unglück muss Ruben mit Mathias gemischte mobile Grenzstreife fahren, denn dass Drogenschmuggler nichts verzollen oder kontrolliert haben wollen, versteht sich von selbst. Solche sollen sie schnappen.

Aber Pannen, Streit, Verzögerungen, Vorgesetztentadel, Fremdenfeindlichkeit, gegenseitige Beschimpfungen, heimliche Liebestreffs, Denunziationen und anderes mehr nehmen zunächst mehr kraft und Zeit in Anspruch als das Aufspüren von Schmugglern. Jedoch nur zunächst.

Dany Boons Loblied muss nicht mehr gesungen werden. Würde, so fragte er sich, sein zweiter Film ebenso erfolgreich werden wie sein erster? Er wurde es. Das hat auch seinen Grund. Erstens weil während der ganzen Handlung eine witzige Stimmung vorherrscht. Solche Dialoge und Szenen muss man erst einmal schreiben können.

Zweitens weil natürlich auch etwas ausgesagt wird: Fort mit dem Fremdenhass!

Und dann sind da noch die beiden Protagonisten. Den Mathias Ducatel spielt Dany Boon selbst. Da er der Autor und Regisseur des Films ist, weiß er, was zu tun ist. Das spürt man in jeder Szene.

Den Ruben Vandevoorde gibt Benoit Poelvoorde. Ein Glücksfall. Seine Francophobie ist ebenso absurd wie durchgehend erheiternd. (Auch alle andern sind gut dabei.)

Ein komisches Schmuckstück mit aktueller und nützlicher Moral.

Thomas Engel