Niemals Selten Manchmal Immer

In fast dokumentarischer Manier beschreibt Eliza Hittman in ihrem ausgezeichneten Film „Niemals Selten Manchmal Immer“, wie ein 17jähriges Mädchen aus dem ländlichen Amerika eine ungewollte Schwangerschaft beendet. Ein sehr zeitgemäßer Film, der auf unterschwellige Weise die zunehmend konservative amerikanische Gesellschaft zeigt. – Ausgezeichnet auf der Berlinale 2020 mit dem Silbernen Bären Großer Preis der Jury.

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OT: Never Rarely Sometimes Always
USA 2019
Regie & Buch: Eliza Hittman
Darsteller: Sidney Flanigan, Talia Ryder, Ryan Eggold, Sharon Van Etten, Théodore Pellerin, Drew Seltzer
Länge: 101 Minuten
Verleih: Universal
Kinostart: 1. Oktober 2020

FILMKRITIK:

Roe v. Wade. Jeder Amerikaner kennt den Namen einer Entscheidung des Verfassungsgerichts, mit der 1973 die Abtreibung legalisiert wurde. Seitdem ist die Positionierung zu dieser Entscheidung ein Lackmustest für die politische Gesinnung in einem Land, das in den letzten Jahren zunehmend in Lagerdenken verfällt. Besonders das Recht auf Abtreibung wird dabei vehement angegriffen und beschnitten, die Zahl der Ärzte, die die Prozedur durchführen, geht zurück, die Gesetze werden stärker, durch die zunehmend konservative Besetzung des Obersten Verfassungsgericht droht bald sogar ein Widerruf von Roe v. Wade.

In diesem gesellschaftlichen Klima entstand Eliza Hittmans dritter Spielfilm „Niemals Selten Manchmal Immer“, für den sich die Autorin und Regisseurin von einer Geschichte aus Irland inspirieren ließ. Dort war eine junge, schwangere Frau beim Versuch, fern ihrer Heimat eine Abtreibung zu bekommen, verblutet. So dramatisch geht es in Hittmans Film nun nicht zu, im Gegenteil, ihre Hauptfigur Autumn (Sidney Flanigan) hat oberflächlich betrachtet keine größeren Probleme auf ihrem Weg zu einer Abtreibung, doch wie es im heutigen Amerika wirklich oft zugeht, deutet sich unterschwellig an.

Schon die ersten Szenen machen die Verhältnisse deutlich: In der Schulaula singt die 17jährige Autumn den Folk-Song „He’s got the Power/ Er hat die Macht“ – und wird plötzlich unvermittelt von einem Mitschüler lautstark als Schlampe beschimpft. Empörung löst dies im Publikum nicht aus, auch Autumns Mutter (Sharon Van Etten) und ihr Stiefvater (Ryan Eggold) reagieren nicht.

Es ist eine patriarchalische Welt, die Hittman zeigt, eine Welt, in der sich Mädchen wie Autumn oder ihre etwa gleichaltrige Cousine Skylar (Talia Ryder) fortwährend unerwünschter Avancen oder gar Übergriffe erwehren müssen. In der die Weltanschauung des Patriarchats aber auch von Frauen aufrecht erhalten wird. Etwa der Ärztin, die Autumn in ihrer kleinen Heimatstadt ein Video zeigt, das Abtreibung unmissverständlich mit Mord gleichsetzt.

Unterstützung hat Autumn hier also nicht zu erwarten und so kratzen sie und Skylar all ihr Geld zusammen und machen sich auf den Weg nach New York. Hier sind die Gesetze (noch) liberaler, hier kann auch eine 17jährige auf legalem Weg eine Abtreibung durchführen lassen. Hier kommt es auch zu der Szene, die dem Film seinen Titel gibt, eine minutenlange Frage und Antwort-Runde, bei de es um Autumns Erfahrungen mit Sex, schließlich auch um erfahrenen Missbrauch geht. Konnte sie vorher noch mit niemals, selten, manchmal oder immer antworten, stockt sie nun und bricht in Tränen aus.

Weder hier noch an anderen Stelen geht Hittman in die Tiefe, doch oberflächlich ist ihr Film in keinem Moment. Durch ihren pragmatischen Stil, der komplett auf Pathos und Melodrama verzichtet, zeigt Hittman vielmehr die Strukturen der Gesellschaft auf, die bis zur Selbstverständlichkeit verinnerlicht sind. Dass es Autumn schließlich gelingt, ihr Recht auf eine Abtreibung zu bekommen, ist letztlich nicht das Entscheidende, denn ihr Recht auf ein freies Leben, ohne Übergriffe oder Belästigungen wird auch weiterhin verletzt werden.

Michael Meyns