No. 2

Zeternde Großmütter gleichen sich auf der ganzen Welt. Und Enkel lassen sich generell einfacher gängeln als die leiblichen Kinder. Enkel können auch leichter schiefe Haussegen wieder gerade biegen.   Egal ob in New York oder Neuseeland. Mit diesen universalen Erkenntnissen bringt der junge Neuseeländer Toa Fraser  die Konflikte einer südpazifischen Familie innerhalb eines Tages zum Brodeln. Es tut aber nicht weh. Sein Wohlfühlfilm mit exotischem Flair gewann auf dem letzten Sundance Festival den Publikumspreis in der Reihe „World Cinema“.

Webseite: www.no2-der-film.de

Neuseeland 2005
R+B: Toa Fraser
D: Ruby Dee, Tuva Novotny, Mia Blake, Taungaroa Emile, Xavier Horan, Miriama McDowell, Rene Naufahu, Antony Starr, Tanea Heke
Verleih: Arsenal
L: 94 Min.
Start: 26. Oktober

Panorama Berlinale 2006;
Sundance Film Festival 2006: Publikumspreis in der Reihe „World Cinema“, Nominierung für den Großen Jurypreis

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Im Morgengrauen reißt die 80jährige Nanna Maria (Ruby Dee) zwei ihrer Enkel aus den Federn. Erinnerungen an ihre Kindheit auf Fidschi raubten ihr den Schlaf und schenkten ihr die Einsicht, hier und sofort die chaotischen Familienverhältnisse und ihre Nachfolge zu regeln. Dies soll noch vor  Tagesablauf geschehen. Sie gibt Anweisungen, die Familie zusammenzutrommeln. Keine Gäste, „nur eigenes Blut“ darf geladen werden, und nur die Enkel, nicht die beiden Söhne, denn „die taugen ja nichts“. Außerdem soll ein Schwein geschlachtet und endlich wieder gemeinsam gelacht, gesungen, getanzt, gestritten, getrunken und gegessen werden. Die greise Matriarchin befindet ihr Leben in Auckland nämlich als stinkweilig.

Noch vor Sonnenaufgang sind alle fünf Enkel in Alarmbereitschaft versetzt. Das leicht gebaute Holzhaus No.2 in Mount Roskill beginnt zu wackeln. Der koboldhafte Soul (Taungaroa Emile, „Whale Rider“) fährt während der immensen Einkäufe für das abendliche Mahl – mit  
wütender Miene zu laut aufgedrehten Bässen – fast sein Auto zu Schrott, der yuppiehafte Lieblingsenkel Tyson (Xavier Horan) braust im Porsche herbei, flankiert von seiner neuen strahlenden Freundin Danish Maria (Tuva Novotny), die zum stillen Neid aller anderen von  
Nanna Maria sofort ins Herz geschlossen wird. Die beiden Damen picheln Kava aus dem Plastikeimer und nicken über einer Flasche Sekt ein. Natürlich verärgert das Tysons zickige Cousine Hibiscus (Miriama McDowell), die ihren Freund nicht mitbringen durfte. Der träge Erasmus (Rene Naufahu) fällt auf Omis Kommando ein paar Bäume im hinteren Garten, um die Aussicht zu erweitern. Die alleinerziehende, sanfte Charlene (Mia Blake) kocht unermüdlich und lässt  das Gezeter ihrer Mutter Cat (Tanea Heke) über sich ergehen. Auch die wenig gelittenen Väter der Enkel tauchen auf, reden ein erbostes Wörtchen mit und resignieren: „Unsere Generation baut nur Scheiße“.

Zwischendurch greift die erschöpfte Großmama zum Inhalator und schaut zu, wie der bärtige Pastor ihren Enkeln Lebenshilfe erteilt: „Ihr flucht, trinkt und lügt zuviel. Ihr solltet mehr Mitlgefühl füreinander haben.“ Die Konflikte kreuzen in einer solchen Dichte und Frequenz auf, dass sie schnell zu Problemchen verpuffen und einen breiten Weg in das Happy End ebnen, zu dem lediglich eine Tür eingetreten werden musste.

Mount Roskill in Auckland ist auch die Heimat von Toa Fraser. Für ihn ist der Ort von Mythen, Whiskey und tagelangen Parties geprägt. Sein Filmregiedebüt, „No. 2“ bezeichnet er als einen „Liebesbrief an seine Familie und an das Leben“. Er griff zurück auf sein gleichnamiges, kurz nach  Studienabschluss entstandenes Ein-Personen-Theaterstück, in dem eine Frau alle 10 Hauptrollen spielte. Das Stück lief mit großem Erfolg in Neuseeland, Mexiko, Holland,  
Schweden, Fidschi, Sydey und sogar in London. Angesichts der großen Erwartungen erlebte Toa Fraser die Umsetzung zu einem Skript als harte Arbeit. Fast vier Jahre lang stand er die durch, in „vielen, langen, einsamen Nächten“. Vielleicht lag es an diesem hohen Anspruch, dass die Filmfassung etwas zu nett, zu universal, zu ausweichend angelegt ist. „Du musst deine Stimme für dich nutzen oder jemand anders wird das für dich tun“, riet ihm Ruby Dee noch während der Dreharbeiten. Letzlich hatte hier wohl der Produzent sein Stimmrecht stark genutzt. Doch auch die Schauspieler brachten ihre Stimmen zum Klingen. Ihr warmherziges Ensemblespiel verbreitet eine ansteckende Frische. 

Dorothee Tackmann