No Good Men

Ein Film aus Afghanistan eröffnete in diesem Jahr die Filmfestspiele in Berlin, genauer gesagt ein Film über Afghanistan, denn gedreht wurde tatsächlich vor allem in Hamburg. In ihrer Heimat selbst kann Autorin und Regisseurin Shahrbanoo Sadat nicht mehr leben, im Exil entstand daher ihr lose autobiographischer Film, der viel über die Hoffnung erzählt, die für kurze Zeit im Land herrschte, bevor auch durch den Abzug westlicher Truppen begünstigt, die Taliban wieder an die Macht kamen.

 

Über den Film

Originaltitel

Kabul Jan

Deutscher Titel

No Good Men

Produktionsland

DEN, FRA, NOR, DEU, AFG

Filmdauer

103 min

Produktionsjahr

2026

Regisseur

Sadat, Shahrbanoo

Verleih

n.n.

Starttermin

31.12.2026

 

Im Frühjahr 2021 arbeitet Naru (Shahrbanoo Sadat) als Kamerafrau für den lokalen Fernsehsender Kabul TV. Als Frau wird sie angesichts der patriarchalischen Strukturen im Land auch bei der Arbeit nicht für voll genommen und darf nur bei eher banalen Sendungen arbeiten. Der Ausfall eines Kollegen ermöglicht ihr dann jedoch die Chance, etwas „Richtiges“ vor die Kamera zu bekommen.

Ihr erfahrener Kollege Qodrat (Anwar Hashimi) ist allerdings wenig begeistert von der Anwesenheit der jungen Frau, die schnell auch dafür sorgt, dass ein geplantes Interview mit einem hohen Taliban platz: Mit einer Frau, noch dazu einer, die ihr Kopftuch nur sehr lose trägt, will er sich nicht filmen lassen.

Doch Frau sein kann auch Vorteile haben: Auf den Straßen der Stadt gelingt es Naru, authentische O-Töne von Frauen zu bekommen, die vom Leben in dem vom Krieg gebeutelten Land berichten. Langsam bekommt Naru den ihr zustehenden Respekt, auch ihr Kollege Qodrat entwickelt Interesse an ihr, unterstützt sie beruflich, aber auch im Privaten. Denn Naru lebt seit einiger Zeit getrennt von ihrem Mann und sorgt sich um das Sorgerecht ihres kleinen Sohnes.

Mit dem Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan endet „No Good Men“, der vorher eine oft erstaunlich leichte Geschichte erzählt, in der Momente der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, mit der zunehmend fragilen Realität kollidieren. Als Co-Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin in Personalunion agiert dabei Shahrbanoo Sadat, die selbst im August 2021 endgültig aus ihrer Heimat flüchten musste. Schon zuvor hatte sie mit den Filmen „Kabul Kinderheim“ und „Wolf and Sheep“ zwei Festivalerfolge, die beide in Cannes gezeigt wurden und weitestgehend mit Laiendarstellern realisiert wurden. Bei diesen und ihrem neuen Film dienten Texte von Anwar Hashimi als Vorlage, der diesmal auch selbst die männliche Hauptrolle spielt, kein erfahrener Schauspieler, wie die Regisseurin selbst.

Dramatische Qualitäten entwickeln Szenen zwischen den oft etwas hölzern agierenden Darstellen dadurch nicht, doch dieses Manko wird durch die vielen, authentisch wirkenden Szenen über den vielfältigen afghanischen Alltag wieder wett gemacht. Seien es Freundinnen, die über Dildos diskutieren oder sich fragen, ob eine frisch getrennte Frau nicht auch das recht habe, sich zu vergnügen, oder die Bilder vom Leben auf den Straßen und Märkten: „No Good Men“ gelingt es in den besten Momenten, ein anderes Bild von einem Land zu zeigen, das in den letzten Jahrzehnten in den westlichen Medien eigentlich nur dann vorkam, wenn es um Krieg, Terror und die Taliban ging.

Dass all das in Deutschland realisiert wurde, ist den seltsamen Wegen der europäischen Filmförderung zu verdanken, schadet der Qualität des Films jedoch keineswegs. Auf bemerkenswerte Weise gelang es den Produktionsdesignern, das Leben auf den Straßen des zentralasiatischen Staates in Deutschland nachzubauen, inklusive viel Staub, zerfallenden westlichen Autos und lebendigem Treiben auf den Märkten.

Mit einer tragischen Note endet „No Good Men“, denn seit der erneuten Machtergreifung der Taliban haben sich die Zustände weiter verschlechtert. Shahrbanoo Sadats zeigt in ihrem sehenswerten Film ein anderes Afghanistan, ein Land, dessen Schicksal und vor allem Menschen auch Deutschland angeht.

 

Michael Meyns

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