Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus brachte vor einigen Jahren ein Bestseller die alte wie neue Erkenntnis auf den Punkt, dass es Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Die gibt es auch im Kino, je nachdem ob eine Frau oder ein Mann Regie führt, doch worin sich die Unterschiede zeigen, ist schon weniger klar zu sagen, wie Isa Willinger in ihrem Dokumentarfilm „No Mercy“ herausfindet.
Über den Film
Originaltitel
No Mercy
Deutscher Titel
No Mercy
Produktionsland
DEU
Filmdauer
104 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Isabella Willinger
Verleih
Real Fiction
Starttermin
05.03.2026
„Frauen machen härtere Filme als Männer“, sagte die ukrainische Regisseurin Kira Muratowa bei einer Begegnung zu ihrer jüngeren Kollegin Isa Willinger, als diese sie einmal in Odessa besuchte. Eine Aussage, die Willinger als Ausgangspunkt ihrer dokumentarischen Suche nach einer Antwort auf die Frage nimmt, ob es tatsächlich so einen großen Unterschied zwischen Filmen von Männern und Frauen gibt.
Über viele Jahrzehnte wurden Frauen hinter der Kamera in der Filmgeschichtsschreibung meist negiert, vielleicht als Kostümbildnerin oder Scriptgirl hatten sie eine Rolle, doch ansonsten sollten sie eher vor der Kamera, gefilmt von Männern, betrachtet durch den männlichen Blick auftauchen. Und auch als nach 1960, 1970 immer mehr Frauen Regie führten, wurden deren Filme oft als „Frauenfilme“ beschrieben, während es den Begriff Männerfilm eigentlich nicht gibt, was deutlich zeigt, welche Art von Film quasi als Norm und welcher als Ausnahme gilt.
So wie im Sport bei Bundesliga stets die Männer-Liga gemeint ist, während die der Frauen eben Frauen-Bundesliga heißt, oder wie in der Literatur, wo jeder und jeder gewiss eine Vorstellung davon hat, was mit „Frauenliteratur“ gemeint ist. Und auch im Kino galt ein inzwischen in den Kanon der Filmgeschichte aufgenommenes Werk wie Chantal Akermans „Jeanne Dielman“ – eine vierstündige, minutiöse Darstellung des alltäglichen Lebens einer Frau – anfangs geradezu als unverkäuflich, denn wer wolle sich schon anschauen, wie eine Frau kocht oder einkaufen geht.
Manches hat sich inzwischen geändert, immer mehr Frauen führen Regie, in manchen Bereichen gelten Quoten und auch was die Themenwahl der Filme angeht, nähern sich die Geschlechter an.
Doch noch immer kann es für einen Schock, wenngleich nicht mehr unbedingt für einen Skandal, sorgen, wenn sich Frauen bestimmter Themen annehmen, wenn sie auf ungeschönte Weise bestimmte Dinge zeigen.
Filmemacherinnen vor allem aus Frankreich, dem deutschsprachigen Raum und einige in den USA arbeitende hat Isa Willinger für ihren Dokumentarfilm interviewt, darunter auch „Skandalregisseurinnen“ wie Catherine Breillat oder Virginie Despentes, die um 2000 fast zeitgleich ihre Filme „Romance“ bzw. „Baise Moi“ drehten, von denen man getrost behaupten kann, dass sie eine neue Ära begründeten.
Nicht dass die Themen fürs Kino neu waren: Sex, Gewalt, Vergewaltigung. Doch bis dato waren es Männer gewesen, die gerade im Exploitation-Kino gerne Frauen als Opfer zeigten, doch diesmal war es anders: Die Frauen schlugen zurück und rächten sich an ihren Peinigern. Ob das aber die Härte war, von der Muratowa sprach?
Auf ihrer Suche nach Antworten begegnet Willinger auch der Regisseurin und Filmwissenschaftlerin Nina Menkes, die über den „Male gaze“, den „männlichen Blick“ geforscht hat, der das Kino immer noch prägt und zwar nicht nur wenn ein Mann Regie führt. Auch viele Frauen haben ganz automatisch bestimmte Muster übernommen, kopieren einen sexualisierten Blick auf weibliche Körper, führen zwar als Frauen Regie, erzählen ihre Geschichten aber von einer männlich dominierten Welt aus.
Wenn dann schließlich auch die schwarze Französin Alice Diop oder die Iranerin Marzieh Meshkini zu Wort kommen, wird es noch komplizierter, denn beide drehen ihre Filme nicht nur als Frauen, sondern auch als Vertreter gesellschaftlicher Minderheiten. Eindeutige Antworten kann und will Isa Willinger am Ende nicht liefern. Was ihr mit „No Mercy“ gelingt, ist zu zeigen, wie vielfältig weibliche Stimmen im Kino inzwischen sind, wie unterschiedlich und gewiss nicht auf ein Label zu reduzieren. Denn am Ende geht es vielleicht weniger darum, ob ein Mann oder eine Frau Regie führt, sondern ob die gezeigten Figuren berühren, ob die erzählten Geschichten mitreißen.
Michael Meyns







