Meisterlich, wie Filmemacher Park Chan-wook in „No Other Choice“ aus einer eigentlich überschaubaren Geschichte ein cleveres Unterhaltungskunstwerk zaubert. Die Adaption von Donald E. Westlakes Roman „The Ax“ um einen wegrationalisierten Mann, der seinen Lebensstandard um jeden Preis erhalten will, bietet nicht nur köstliche Wendungen und bitterböse Komik, sondern ist auch formal ein Hochgenuss. Cineasten mit einem Faible fürs Absurde haben in Anspielung auf den Titel eigentlich keine andere Wahl, als diesen abgründigen Spaß auf der großen Leinwand zu bestaunen. Erinnerungen dürften dabei wachwerden an den Preisabräumer „Parasite“ von Bong Joon-ho aus dem Jahr 2019.
Über den Film
Originaltitel
Eojjeolsuga eobsda
Deutscher Titel
No Other Choice
Produktionsland
KOR
Filmdauer
139 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Chan-Wook, Park
Verleih
PLAION PICTURES GmbH
Starttermin
05.02.2026
Schon das einen Tick zu wohlige Klavierspiel über der Anfangssequenz deutet an: Die Idylle trügt! Der am Grill stehende Man-su (Lee Byung-hun) schwelgt im puren Familienglück, umarmt seine Ehefrau Mi-ri (Son Ye-jin), seine Tochter und seinen Stiefsohn, hinter ihm das schmucke Eigenheim, jenes Haus, in dem er aufwuchs und das er mit seinem guten Lohn irgendwann zurückkaufen konnte. Man-sus Job in einer Papierfabrik scheint sicher. Immerhin haben ihm die neuen amerikanischen Besitzer einen Aal für seine Verdienste spendiert. Oder handelt es sich bei der Köstlichkeit um ein Abschiedsgeschenk?
Nur wenig später steht der Papierexperte, genau wie viele Kollegen, jedenfalls auf der Straße – was er seinen Liebsten erst mit Verzögerung gesteht. Einige frustrierende Aushilfstätigkeiten und Alltagseinsparungen später, schwört sich der völlig aus der Bahn geworfene Mann darauf ein, mit allen Mitteln eine neue Anstellung in seiner alten Branche zu finden. Zur Not müssen Mitbewerber, die ihm gefährlich werden könnten, einfach aus dem Weg geräumt werden. Das Ausschalten der Konkurrenten entpuppt sich allerdings als schwieriges Unterfangen.
Schwierig bedeutet in diesem Fall: Man-su stolpert auf dem Weg zur Wiederbeschäftigung von einer absurden Situation in die nächste. Nicht nur ist „No Other Choice“, eine Adaption von Donald E. Westlakes Roman „The Ax“, reich an unerwarteten Wendungen. Auch bricht sich unaufhörlich Situationskomik Bahn, die einen in manchen Momenten losprusten lässt, während in anderen das Lachen im Halse stecken bleibt. Der Humor speist sich dabei aus ganz unterschiedlichen Quellen: Zum Einsatz kommen etwa klassische Slapstickeinlagen, Missverständnisse im Dialog oder eine betont ironische Musikbegleitung. Wie all das wunderbar ineinandergreift, zeigt besonders jene Szene, in der erstmals eine Figur auf gewaltsame Weise stirbt. Drei Menschen treffen hier aufeinander, und es entwickelt sich ein Ringkampf, der an Irrwitzigkeit kaum zu überbieten ist.
Im Blick hat Park Chan-wook stets auch die gesellschaftskritischen Untertöne der im Kern schlichten Geschichte. Aufs Korn nimmt der am Drehbuch mitbeteiligte Regisseur beispielsweise schon früh die südkoreanischen Ehrvorstellungen, die Tatsache, dass sich Man-su vor allem über seinen Job definiert. Ohne ihn fühlt er sich komplett würdelos und muss sich in speziellen Seminaren, genau wie andere Entlassene, wieder mantraartig seiner Fähigkeiten versichern. In seinem Dilemma schwingt gleichzeitig die brutale Logik des globalen Turbokapitalismus mit. Sein heimischer Arbeitgeber wird von einem US-Konzern aufgekauft, der sofort mit knallharten Rationalisierungsmaßnahmen beginnt. Das Schicksal des Einzelnen zählt hier nichts.
Was nebenbei ebenfalls eine Rolle spielt: Wie unterschiedlich die Männer und die Frauen im Film mit den Karriereknicks umgehen. Man-su fühlt sich klein, wirkt erst einmal wie gelähmt, würde aber am liebsten seinen Lebensstandard beibehalten. Gattin Mi-ri hingegen bestärkt ihn und sucht pragmatisch nach Lösungen aus der Finanzmisere. Die geliebten Tennisstunden? Sind erst einmal passé! Die beiden Golden Retriever? Werden kurzerhand in die Obhut von Mi-ris Eltern gegeben! Und Netflix? Darauf muss die Familie eben eine Weile verzichten! Hat Man-su die Phase des Selbstmitleids überwunden, begegnet er der Krise auf eher maskulin-destruktive Weise: Wer mir im Weg steht, muss weg, zur Not mit Gewalt! Der Titel, der eine Alternativlosigkeit suggeriert, ist vor diesem Hintergrund natürlich augenzwinkernd zu verstehen.
Die Bewältigungsstrategien des Protagonisten sind fragwürdig, seine Handlungen werden immer grotesker. Dennoch blickt Park nicht hämisch auf Man-su herab, macht aus ihm, allen schrägen Verwicklungen zum Trotz, keine Witzfigur. Vielmehr scheint die gebrochene Seite dieses öfters von Skrupeln erfassten Mannes durch. Dessen Tragik besteht schon darin, dass der Papiersektor, den er fast als etwas Heiliges anpreist, in einer zunehmend digitalisierten Welt einen schleichenden Tod stirbt. Bitterkomisch ist dann auch die gelungene Schlusspointe der Romanadaption.
Was „No Other Choice“ außerdem hervorstechen lässt, ist die filmische Qualität. Hier ist offenkundig ein Regisseur am Werk, der um die Wirkung und das Zusammenspiel aller Ebenen weiß. Eine mitunter assoziative Montage schafft einen aufregenden Fluss. Die Klangkulisse ist mehr als Hintergrundrauschen. Und fortlaufend gibt es neue optische Kabinettstückchen zu bestaunen. Unter anderem schauen wir einer schmerzhaften Selbst-OP an einem kranken Zahn aus nächster Nähe zu und beobachten, wie eine Stellenannonce plötzlich zum Leben erwacht. Wer von überraschenden Ideen wie diesen nicht genug kriegen kann, kommt an Parks neuer Leinwandarbeit nicht vorbei. Gewidmet ist sie übrigens dem Regiekollegen Costa-Gavras, der Donald E. Westlakes Buchvorlage bereits Mitte der 2000er-Jahre für das Kino adaptierte.
Christopher Diekhaus







