Nokan – Departures

DEPARTURES – Okuribito
Nokan – Die Kunst des Ausklangs

Die Überraschung war groß, als bei der diesjährigen Oscar-Verleihung der japanische Beitrag den Sieg als „Best Foreign Language Film“ davontrug. Dabei ist „Nokan – Die Kunst des Ausklangs“ (so der deutsche Titel) bei näherer Betrachtung ein geradezu typischer Academy-Award-Gewinner. Das heiter-melancholische Familiendrama erzählt eine universell verständliche Geschichte und scheut dabei auch vor großen Gefühlen nicht zurück. Herausragende Darstellerleistungen runden einen in sich stimmigen Film ab.

Webseite: www.koolfilm.de

OT: Okuribito
Japan 2008
Regie: Yojiro Takita
Musik: Joe Hisaishi
Darsteller: Masahiro Motoki, Tsutomu Yamazaki, Ryoko Hirosue, Kimiko Yo
Länge: 131 Minuten
Kinostart: neu 26.11.2009
Verleih: Kool

PRESSESTIMMEN:

Ein stiller, würdevoller und doch heiterer Film.
STERN

"Nokan – Die Kunst des Ausklangs", verdientermaßen in diesem Jahr mit dem Auslands-Oscar ausgezeichnet und rundum herausragend besetzt, ist einer der schönsten und anrührendsten Filme des japanischen Kinos. Eine Meditation, durchdrungen von Poesie, Weisheit und zärtlichen Klängen, ohne jeglichen Anflug von Kitsch oder Sentiment. Kurzum: ein Meisterwerk!
Kino Kino, Bayerischer Rundfunk

Ein ZDF-HeuteJournal-Beitrag als Video hier…

FILMKRITIK:

Eben noch ein Auftritt auf großer Bühne, im nächsten Moment bereits arbeitslos: Für Cellist Daigo (Masahiro Motoki) platzt der Traum von einer Karriere in einem renommierten Orchester wie eine Seifenblase. Gezwungenermaßen kehrt er daraufhin mit seiner Frau Mika (Ryoko Hirosue) in sein beschauliches Heimatdorf im Norden Japans zurück. Dort, wo die Hektik der Großstadt keinen Platz hat und jeder jeden kennt, wollen sich beide eine neue Existenz aufbauen. Doch dazu braucht Daigo vor allem Arbeit. Da erscheint es wie ein glücklicher Zufall, dass er in der örtlichen Tageszeitung die überaus verlockend klingende Annonce eines auf „Reisen“ spezialisierten Unternehmens entdeckt.

Gerade als Daigo glaubt, er habe seinen Traumjob gefunden – die versprochene Arbeitszeit ist kurz, das Gehalt großzügig bemessen –, weiht sein exzentrischer Chef Sasaki (Tsutomu Yamazaki) ihn in die Details der Arbeit ein. Denn mit Touristik hat der kleine Betrieb nicht im Entferntesten etwas zu tun. Vielmehr soll er als Nokanshi anfangen, als Aufbahrer und Einsarger, der Verstorbene vor den Augen ihrer Verwandten auf ihre „letzte Reise“ vorbereitet. Plötzlich wird für Daigo aus dem Traum ein Albtraum. Auch der erste, etwas unglückliche Einsatz kann ihm nicht die Scheu und den Ekel nehmen. Wäre da nicht das ausgesprochen verlockende Salär, er würde keine Sekunde zögern und sich eine andere Arbeit suchen. So aber arrangiert sich Daigo mit dem ungewöhnlichen Job, wobei er seiner Frau lieber die ganze Wahrheit verschweigt.

Japanische Produktionen finden nur selten den Weg zu uns ins Kino. Wenn der Film jedoch mit nationalen und internationalen Auszeichnungen – darunter den Oscar für den „Besten fremdsprachigen Film“ – geradezu überschüttet wird, dann steigen auch hierzulande die Chancen auf eine Kinoauswertung wie die Geschichte um den zurückhaltenden, sympathischen Nokanshi Daigo beweist. Obwohl Regisseur Yojiro Takita in „Nokan – Die Kunst des Ausklangs“ ein auf den ersten Blick sperriges, keineswegs massenkompatibles Thema aufgreift, lässt sich der Erfolg letztlich plausibel erklären. So liefert der Film eine jederzeit sorgfältig austarierte Mischung aus heiteren und dramatischen Momenten. Bereits die Eröffnungssequenz, in der Daigo und sein Chef Sasaki die rituelle Waschung und Einsargung eines jungen Transsexuellen vornehmen, folgt dem Prinzip der tragikomischen Balance.

Dass sich „Nokan“ darüber hinaus existenziellen Fragen widmet, die vermutlich nie ihre Gültigkeit verlieren werden (Was ist der Sinn unserer Existenz? Was ist Glück? Gibt es ein Leben nach dem Tod?), dürfte für den Erfolg bei der diesjährigen Verleihung der „Academy Awards“ von entscheidender Bedeutung gewesen sein. Dort setzte sich Takitas besinnliches Drama nämlich gegen die im Vorfeld hoch gehandelten Favoriten „Waltz with Bashir“ und „Die Klasse“ durch. In seiner angenehm ruhigen, fast schon meditativen Erzählhaltung folgt „Nokan“ der Philosophie eines fernöstlichen Kinos wie man es beispielsweise von Imamura und Koreeda kennt. An die Stelle des Imamura’schen Realismus tritt bei Takita allerdings ein mitunter romantisch verklärter Blick auf familiäre Bande und Beziehungen. Dass er dabei bestimmte Symbole wie die der Steine überstrapaziert und sich den einen oder anderen Ausrutscher in Richtung Kitsch leistet, ist angesichts der in sich schlüssigen Dramaturgie und nachvollziehbaren Entwicklung seiner Hauptfigur verzeihlich.

Dem anfangs von sich und dem Leben enttäuschten Daigo, der ausgerechnet als Zeremonienmeisters der Toten seine Bestimmung findet, verleiht Takitas Hauptdarsteller Masahiro Motoki eine bittersüße, unschuldige Melancholie. Man mag sich keinen anderen Schauspieler in dieser Rolle vorstellen, derart meisterlich verkörpert Motoki die (Selbst-)Zweifel und Verunsicherung dieses jungen Mannes. Ihm zur Seite steht Tsutomu Yamazaki. Als Daigos väterlicher Freund und Chef ist er der Ruhepool einer Geschichte, die sich trotz ihres ernsten Themas bis zum Ende eine gewisse Leichtigkeit bewahrt.

Marcus Wessel

Daigo Kobayashi ist eigentlich Cellist, doch das Orchester, in dem er spielt, wird aufgelöst. Jetzt muss er Tokio verlassen. Mit seiner Frau Mika kehrt er in seine Heimat im Norden Japans zurück. Natürlich sollte er jetzt einen Job suchen. Und er findet durch ein Inserat einen – in einem Reisebüro, wie er meint. Dass es sich jeweils um die „letzte Reise“ handelt, erfährt er erst an Ort und Stelle.

Daigo soll also „Einsarger“ werden. Es geht bei diesem in Japan praktizierten (aber langsam in Vergessenheit geratenden) Ritual darum, frisch Verstorbene den Angehörigen in der schönst möglichen Form zu präsentieren, die Toten zu waschen, schön zu kleiden, zu schminken, zu beweihräuchern, kurz, für ein andächtiges stilles Verharren herzurichten, bis sie schließlich in den Sarg gelegt und eingeäschert werden.

Der Chef des neuen Einsargers ist ein stoischer, kluge Sätze von sich gebender Mann, Daigos Kollegin eine scheinbar aufmunternde Frau, die indessen eine traurige Vergangenheit hinter sich hat.

Eine Zeitlang kann Daigo seine seltsame Arbeit vor Mika verbergen, doch dann, als sie die Wahrheit erfährt, ist sie entsetzt. Sie verlässt sogar ihren Mann, weil der in ihren Augen als unrein gilt.

Daigos Familie wurde vom Vater des Jungen verlassen, als der sechs Jahre alt war. Dreißig Jahre sind seitdem vergangen. Der Vater stirbt. Daigo wird an sein Totenbett gerufen. Wird er dem verhassten Vater die schöne Todeszeremonie angedeihen lassen?

Ein stiller, getragener, zur Besinnung bringender, ästhetisch geglückter, musikalisch ziemlich hoch stehender Film, der zeigt, wie in anderen Kulturen das Leben und der Tod sehr viel mehr miteinander verbunden sind, als wir dies in unserer Hektik wahrhaben wollen.

Feierlich und ehrfurchtsvoll geht es bei dem Verabschiedungsritual zu, die Zeit (hier: der Filmrhythmus) spielt bei diesem Verweilen zwischen Dasein und Ins-Unbekannte-gehen keine Rolle.

Wie sehr diese direkt und völlig natürlich verlaufende Berührung mit dem Tode etwas bewegen kann, ist am besten an Mika abzulesen. Sie, die lange voller Ablehnung war, wird bekehrt und kommt zu ihrem Mann zurück.

Im Übrigen triumphiert hier keineswegs nur der Tod, sondern auch das Leben. Mika erwartet ein Kind.

Das Licht, das Verweilen auf den Gesichtern, der Schnitt – vieles ist wichtig an und in diesem Film. Vielleicht gleitet die Geschichte mit dem Vater am Schluss ein wenig zu sehr in die Sentimentalität und den Kitsch ab.

Aber Respekt vor dem Drehbuch und der Regie!

Die vier Hauptpersonen, der lange verunsicherte, dann entschlossen handelnde Daigo, die zurückhaltende, aber Eindruck hinterlassende Mika, der stoische, souverän agierende Chef und die positiv eingestellte Assistentin sind schauspielerisch hervorragend gewählt.

Ein schöner, wenn auch trauriger, zur Besinnung bringender Film. Auslands-Oscar und eine Reihe anderer Preise.

Thomas Engel