Normal

Was ist normal, fragt die Italienerin Adele Tulli in ihrer gleichnamigen Dokumentation, wie prägt die Vorstellung einer bestimmten Normalität Geschlechterrollen, wie drückt sich dies in einem konservativen Land wie Italien aus? Rein beobachtend ist „Normal“, entzieht sich direkter Antworten auf die vielen Fragen, ist dadurch angreifbar, aber auch anregend.

Webseite: www.missingfilms.de

Dokumentation
Italien / Schweden 2018
Regie: Adele Tulli
Länge: 67 Minuten
Verleih: missingFILMs
Kinostart: 3. Oktober 2019

FILMKRITIK:

„Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ lautete der Titel eines Ratgeber-Bestsellers, Mädchen spielen mit Puppen, Jungs mit Autos hieß einst – oder noch immer? Die ersten Szenen von Adele Tullis essayistischer Dokumentation „Normal“ scheinen genau auf solche Gegensatzpaare anzuspielen: Ein kleines Mädchen ist da zu sehen, die in die Kamera blickt, geschminkt wird und aufgefordert wird zu lächeln: „Jetzt bist du wie Mama“ ruft die Mutter begeistert aus dem Off.
 
Direkt danach ein etwa gleichaltriger Junge: Sein Vater zieht ihm einen Rennanzug über, fragt, wie er geschlafen hat: „Ich hatte ein wenig Sorge, dass das Zelt weggeweht wird“ antwortet der Junge, worauf der Vater sagt „Ein Löwe wie Du kann doch keine Angst vor dem Wind haben.“ Kurz darauf rast der Junge mit hohem Tempo auf seinem kleinen Motorrad über eine Rennstrecke.
 
Klischees sind das, klar, und im Lauf des nur etwas über eine Stunde langen Films wird Tulli noch viele weitere Klischees zeigen: Kreischende Teenies, die einen einheimischen You Tube-Star euphorisch bejubeln; leicht bekleidete Frauen, die bei einem Motorradtreffen tanzen und von jungen wie alten Männer lüstern angestarrt werden; Jungs, die auf dem Rummelplatz Machoposen üben oder direkt in einem Kurs beigebracht bekommen, wie man zum Alpha-Männchen wird; Frauen, kurz vor der Heirat, die lernen, dass zur Ehe dazugehört für Mann und Kinder zu kochen, zu putzen und unbedingt sowohl Mutter, als auch Frau zu sein.
 
Es wäre leicht, Tulli einen oberflächlichen, allzu eingeschränkten Blick auf ihre Landsmänner- und Frauen vorzuwerfen, kein differenziertes Bild der italienischen Gesellschaft zu zeigen, die zwar konservativ sein mag, aber gewiss auch progressivere Elemente beinhaltet, als die Szenen, die Tulli hier zeigt. Vielleicht 30 kurze Vignetten schneidet sie zusammen, die nicht das Bild, aber ein Bild der italienischen Gesellschaft formen.
 
Das vor allem Fragen nach der Entstehung von Rollenbildern aufwirft. Unfassbar rückständig wirkt es da, wenn den heiratswilligen jungen Frauen ihre Pflichten erklärt werden, ebenso rückständig jedoch, wenn jungen Männer erklärt wird, dass sie sich nicht von „bitteren Frauen“ irritieren lassen sollen. Ob Italien diesbezüglich eine negative Ausnahmerolle in der westlichen Welt einnimmt? In einen größeren Kontext stellt Adele Tulli ihre Überlegungen nicht, sie verzichtet komplett auf Interviews, Talking Heads, Kommentare. Die Bilder, ihre fraglos subjektiven Beobachtungen stehen für sich, solche, die Klischees und Stereotype zu bestätigen scheinen, aber auch solche, die sie subtil in Frage stellen: Wenn da am Ende etwa ein Paar vor der Kulisse einer Oper heiratet und man merkt, dass hier zwei Männer den Bund der Ehe eingehen, bricht die Frage nach der Normalität auf. Ob dies auch im konservativen Italien Teil einer neuen Normalität ist, bleibt offen, wie so vieles in einem Film, der zu Diskussionen anregt.
 
Michael Meyns