Nothing Personal

Die junge Holländerin Anne lässt ihr altes Leben hinter sich und reist nach Irland. Dort trifft sie auf den Eigenbrötler Martin, mit dem sie sich auf eine Zweckgemeinschaft einlässt. Das Spielfilmdebüt von Urszula Antoniak ist eine Studie über die Kunst des Alleinseins. Die eher dünne Geschichte wird aber vor allem durch die Beziehung zwischen den beiden Figuren getragen.

Webseite: www.mfa-film.de

Irland/Niederlande 2009
Regie: Urszula Antoniak
Darsteller: Lotte Verbeek, Stephen Rea, Tom Charlfa, Fintan Halpenny, Ann Marie Horan, Sean McRonnel
Laufzeit: 85 Minuten
Verleih: MFA+
Kinostart: 08.04.2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ein letzter Blick fällt auf all die Dinge, die Teil eines vergangenen Lebens sind. Die junge Holländerin Anne (Lotte Verbeek) sitzt am Fenster ihrer leeren Wohnung und schaut auf die Straße, vor der ihr Hab und Gut aufgetürmt darauf wartet, von neuen Besitzern in Empfang genommen zu werden. Sie streift ihren Ring als letztes Symbol der Befreiung ab und lässt ihr altes Leben damit endgültig hinter sich. Warum sie das alles tut bleibt ungewiss. Vielleicht hat sie ein Schicksalsschlag ereilt oder eine enttäuschte Liebe aus der Bahn geworfen. Was ihr bleibt ist ein Rucksack, der mit den elementarsten Gegenständen gefüllt ist, die sie für ihren weiteren Weg benötigt. Und so reist sie mit Zelt und Rucksack beladen nach Irland, um ein neues Leben zu beginnen.

In völliger Einsamkeit wandert Anne durch ihre neue Umgebung. Die Nähe zu Menschen ist ihr verhasst und so versucht sie möglichst darauf zu verzichten, sich per Anhalter mitnehmen zu lassen. Die raue und wunderschöne Natur ist ihr ständiger Begleiter. Sie schläft am Strand oder auf einer Wiese, ernährt sich auch schon mal aus einer Mülltonne und lässt sich treiben. Doch das Schicksal nimmt sich bald ihrer an und lässt sie auf einen Menschen treffen, der wenigstens genauso eigenwillig ist wie sie selbst. Ein Eigenbrötler namens Martin, der allein auf einem abgeschiedenen Hof lebt und in Anne eine durchaus willkommene Gesellschaft sieht. Er bietet ihr Verpflegung an und fordert dafür ihre Unterstützung bei der Gartenarbeit. Der Beginn einer Zweckgemeinschaft, die keinen persönlichen Kontakt und auch kein gegenseitiges Hinterfragen zulässt. Und doch ist es auch der Beginn einer Beziehung zwischen zwei Menschen, deren Ausgang noch völlig offen ist.

Die Regisseurin Urszula Antoniak liefert mit ihrem Debütfilm eine Studie über die Kunst des Alleinseins ab. Der Mut zur Einsamkeit wird dabei in eindrucksvoller Weise zelebriert. Dabei ist es sowohl die raue Umwelt, in der sich die Protagonisten bewegen, als auch die Beziehung der beiden Hauptfiguren, welche dies unterstreichen. Schade nur, dass gerade die Figur der Anne über weite Strecken der Geschichte sperrig bleibt und teilweise nicht unbedingt die Sympathien auf sich zieht. Das liegt weniger an dem Spiel der hierzulande weitgehend unbekannten Lotte Verbeek, als an der fehlenden Tiefe ihrer Figur, die hier lediglich angedeutet wird. Stephen Reas („V wie Vendetta“) Gegenpart fällt da schon sehr viel sympathischer aus. Auch er mimt einen eher eigenwilligen Typus, dem man jedoch gut und gerne durch die Höhen und Tiefen der Erzählung folgen kann.

Überdies zeichnet sich der Film nicht unbedingt durch seine dramaturgischen Höhepunkte aus. Die Story plätschert ein wenig vor sich hin und wird dabei vor allem durch die beiden Akteure und die wechselseitige Beziehung ihrer Figuren getragen. Die schönen Landschaftsaufnahmen Irlands sind allemal eine Erwähnung wert.

Gary Rohweder

Der Filmtitel ist für die beiden Menschen, um die es hier geht, Programm: ja nichts Persönliches!

Anne lässt das Leben in Mitteleuropa hinter sich und emigriert nach Irland. Vielleicht ist sie von einem Partner verlassen worden, jedenfalls ist sie jetzt allein. Und sie möchte es auch sein. Denn sie will daraus eine produktive Einsamkeit machen, dem Druck der heutigen Welt entkommen.

Sie hat nur das Nötigste bei sich: Rucksack, Zelt, Wasser, ein wenig Essen. Sie wandert durch die verlassene irische Landschaft. Tagelang. Sie kommt zur Ruhe.

Bis eines Tages ein altes Haus auftaucht. Martin lebt dort. Auch er hat sich von allem zurückgezogen. Ganz so gottverlassen wie Anne ist er nicht. Immerhin umgeben ihn Bücher, Musik und gutes Essen.

Zwei Individualisten, die gar keinen Kontakt suchen. Nur zufällig kommt er zustande. Zuerst besteht sogar eine gewisse Abneigung.

Martin sieht, wie mittellos Anne in der Gegend herumstreift, bietet deshalb an, ihr Essen gegen Gartenarbeit zu geben. Aber: nothing personal!

Nur sehr zögerlich schwindet das Trennende zwischen den beiden, für kurze Zeit löst sich auf, was die zwei füreinander zu Fremden machte.

Martin hat vom Arzt erfahren, dass seine Tage gezählt sind. Annes Einsamkeit ist also noch lange nicht zu Ende.

Ein Film, der alles Schnelle, alles Hektische der modernen Zeit wegschiebt, der einem eine Atem- und Denkpause im Leben nahe bringt, wie sie jedem gut täte. Ein Film, der auch deutlich macht, wie begrenzt, vergänglich und endlich alles ist.

Neben weisen Erkenntnissen muss man als Zuschauer allerdings auch eine große Melancholie hinnehmen.

Lotte Verbeek, die die Anne spielt, hat es mit dieser Rolle zum Shooting Star 2010 geschafft. Zu Recht. Martin wird von Stephen Rea dargestellt, ein ausdrucksvolles Gesicht, das man viel zu selten, dafür aber umso lieber sieht.

Ein diffiziler Arthouse-Film.

Thomas Engel