Nürnberg

Die Geschichte der Nürnberger Prozesse wurde mehrmals verfilmt, u.a. 1961 mit „Das Urteil von Nürnberg“ mit fiktiven Figuren, aber auch für das Fernsehen mit „Nürnberg – Im Namen der Menschlichkeit“, bei dem dann die realen Menschen in den Fokus rückten. Der neue Film „Nürnberg“ basiert auf dem Buch „Der Nazi und der Psychiater“ von Jack El-Hai, der von der Begegnung des Psychologen Douglas Kelley mit dem inhaftierten Reichsmarschall Hermann Göring erzählt. In den USA geriet der Film trotz kleinen Budgets – man munkelt, es hätte sich im Bereich von 12 bis 28 Millionen Dollar befunden – zum Flop. Dabei hat der Film auch viel über das Hier und Heute zu sagen.

 

Über den Film

Originaltitel

Nuremberg

Deutscher Titel

Nürnberg

Produktionsland

USA,HUN

Filmdauer

148 min

Produktionsjahr

2025

Produzent

Fischer, Bradley J. / Hawrysh, Cherilyn / Major, Istvan

Regisseur

Vanderbilt, James

Verleih

Weltkino Filmverleih GmbH

Starttermin

07.05.2026

 

Am Ende des Zweiten Weltkriegs wird Reichsmarschall Hermann Göring verhaftet. Aufgrund der Größe des Verbrechens des Nazi-Regimes sollen die inhaftierten Parteigrößen aber nicht einfach exekutiert werden. Richter Robert Jackson setzt vielmehr alle Hebel in Bewegung, ein internationales Tribunal zu etablieren, das klarstellen wird, dass Staatenlenker für Verbrechen belangt werden können, für die es bis dahin keinen Tatbestand gab. Der Psychologe Douglas Kelley erhält den Befehl, die inhaftierten Nazis psychologisch zu evaluieren. Er entwickelt dabei eine besondere Beziehung zu Göring, einem Mann, den er als Narzissten einschätzt, der aber auch eine immense Menge Charme besitzt – bis der Moment kommt, da Kelley hinter die Fassade blickt und wirklich versteht, was das Böse eigentlich ist.

Der zweieinhalb Stunden lange Film mutet sich ein bisschen viel zu, weil die Gespräche des Psychologen zeitgleich mit Robert Jacksons Bemühungen stattfinden, dieses Tribunal überhaupt Wirklichkeit werden zu lassen. Jede Geschichte für sich hätte mehr Platz verdient, hier wird sie verdichtet, was bei der Jackson-Geschichte den Effekt hat, dass es scheint, als sei es relativ einfach gewesen, dieses Tribunal ins Leben zu rufen. Der Film konzentriert sich im weiteren Verlauf aber mehr auf Kelleys Gespräche mit Göring – die anderen Nazi-Größen kommen hier nur nebenbei vor.

Die Besetzung von Russell Crowe als Göring ist exzellent. Er füllt die Rolle mit Gravitas aus, vor allem aber verleiht er dem Mann Charme, so dass man die Sympathie, die Kelley für ihn empfindet, mehr als nur verstehen kann – und das, obwohl man anders als Kelley sehr wohl um die Schuld des zweiten Mannes im Dritten Reich weiß. Aber umso wirkungsvoller ist, als Kelley erkennt, dass Göring mit ihm gespielt hat. Es ist die Szene, als der Welt erstmals die durch die Befreier gemachten Aufnahmen aus den Konzentrationslagern gezeigt werden. In diesem Moment erkennt Kelley, dass Göring ihn angelogen hat, dass es ein System war, von dem der Reichsmarschall nicht nichts wissen konnte. Das gipfelt in einer Konfrontation in Görings Zelle, die schauspielerisch zum Besten gehört, was man dieses Jahr im Kino sehen kann.

Nicht nur Crowe, auch Rami Malek als Kelley ist hier großartig, weil man sieht, wie der Mann sich selbst hasst, weil er Göring auf den Leim gegangen ist. Zugleich ist es ein von Autor und Regisseur James Vanderbilt exzellent geschriebener Dialog, der die Kernthese von Kelleys späterem Buch auf den Punkt bringt: Die Nazis waren nicht anders als alle anderen – unter den richtigen Umständen kann (und wird) jeder so handeln. Was hier bröckelt – in Kelleys Weltbild, aber auch in seinem Verständnis dessen, was es heißt, ein Mensch zu sein – ist die zivilisatorische Fassade. Ihm ist bewusst, dass der Mensch des Menschen Wolf ist, und dass Moral auf dem Scheiterhaufen der Ambition geopfert wird. Die Menschen, denen er in diesen Zellen begegnet, sind nicht anders, als die Menschen in seiner Heimat.

Bemerkenswert sind auch die Gerichtspassagen, bei denen Crowe und Michael Shannon als Ankläger Jackson glänzen. Michael Shannon, Russell Crowe und Richard E. Grant als britischer Ankläger spielten ihre Gerichtsszenen in vollständigen Einstellungen ohne Unterbrechung, die bis zu 25 Minuten dauerten. Im Schnitt des Films wird mit Gegenschnitten gearbeitet.

Der in Ungarn gedrehte Film ist eine historisch sehr akkurate Darstellung. Ein wirkmächtiger Film, dessen Aussage in einer Zeit, in der das Völkerrecht mit Füßen getreten wird, wichtiger denn je ist. Beide sind, jeweils auf ihre Art, eine Warnung der Vergangenheit an die Gegenwart.

 

Peter Osteried

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