Nur für Personal!

Philippe Le Guay hat mit "Nur für Personal!" ein kleines filmisches Märchen geschaffen, in dem Klassengrenzen übersprungen werden und die Liebe ein ganz neues Lebensgefühl jenseits gängiger Konventionen schafft. Die Geschichte spielt im Paris der 60er Jahre. Mit leisem Humor, viel Sinn für feine Nuancen und wundervollen Darstellern wird darin die Liebesgeschichte zwischen dem verheirateten Börsenmakler Jean-Louis (Fabrice Luchini) und dem spanischen Dienstmädchen Maria (Natalia Verbeke) erzählt.

Webseite: personal-derfilm.de

OT: Les femmes du 6ème étage
Frankreich 2010
Regie: Philippe Le Guay
Drehbuch: Philippe Le Guay
Darsteller: Fabrice Luchini, Sandrine Kiberlain, Natalia Verbeke, Carmen Maura, Lola Nuenas, Berta Ojea, Nuria Sole u.a.
Länge: 106 Min.
Verleih: Concorde Filmverleih
Kinostart: 3. November 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es sind die 60er Jahre in Paris. Die Hausangestellten haben damals noch in den vornehmen bürgerlichen Häusern mitten in der Stadt gewohnt – unter dem Dach, in der sechsten Etage. Ihre bourgeoisen Arbeitgeber residierten in den großräumigen Wohnungen darunter. Der Originaltitel lautet entsprechend "Les Femmes du 6ème étage".

Der angesehene Börsenmakler Jean-Louis Joubert (Fabrice Luchini) lebt in einer dieser großzügigen Etagen mit seiner Frau Suzanne (Sandrine Kiberlain). Ihre Ehe läuft routiniert, eingezwängt in die täglichen bürgerlichen Rituale. Aber die größte Sorge von Monsieur ist es, morgens ein perfekt gekochtes Ei auf den Frühstückstisch zu bekommen. Germaine (Michèle Gleizer), die langjährige Zugehfrau der Familie, erfüllt ihm diesen Wunsch einfach nicht, sie ist vielmehr erbost, daß das Zimmer von Monsieurs verstorbener Mutter ausgeräumt werden soll, weil Madame für sich ein Büro einrichten will. Germaine kündigt daraufhin.

Was nun? Das schmutzige Geschirr stapelt sich und saubere Hemden sind nicht mehr vorhanden. Ein neues Dienstmädchen muß her. Madame kümmert sich darum und sucht die junge Spanierin Maria (Natalia Verbeke) bei der "Arbeitsvermittlung" in einer Kirche aus, dem ersten Anlaufpunkt spanischer Immigrantinnen. Sie sind damals vor der dem Franco-Regime nach Frankreich geflüchtet. Maria ist bei ihrer Tante Concepcion (Carmen Maura) im 6. Stock im Haus der Jouberts untergekommen und kann Eier perfekt kochen. Monsieur ist begeistert, er strahlt wieder und empfindet die Anwesenheit der intelligenten und hübschen Maria als äußerst angenehm. Als er ihr einmal hilft, einige Sachen über den Dienstbotenzugang eine schmale Treppe hinauf auf den Speicher zu bringen, kommt er zum ersten Mal in das Reich der Dienstboten. Es ist der Beginn einer Veränderung. Eine andere, eine fremde Welt, die ihn fasziniert. Joubert erobert die Herzen der sechs Spanierinnen, als er ihre ewig verstopfte Toilette reparieren läßt. Immer öfter schleicht er sich nach oben, um mehr über das einfache Leben der Frauen herauszufinden. Daß Monsieur Joubert sich längst in Maria verliebt hat, war vorauszusehen.

Suzanne sieht in dem Gebaren ihres Mannes dagegen etwas anderes. Eine Affäre mit einer seiner vermögenden Klientinnen etwa. Darauf angesprochen, bestätigt er ihren Verdacht (die Wahrheit würde sie sowieso nicht glauben) und wird prompt rausgeschmissen. Also zieht er in die 6. Etage – weg von den sozialen Zwängen, Konventionen und unterkühlten Emotionen in seinem bisherigen Lebensumfeld. Ein Zitat Monsieur Jouberts erläutert dies präzise: "Erst das Internat, dann das Militär und schließlich die Ehe – jetzt bin ich frei." Aber Maria ist inzwischen wieder in Spanien … .

Regisseur Philippe Le Guay hat dieses moderne Märchen mit typisch französischer Leichtigkeit umgesetzt – feiner Humor mit vielen Nuancen inbegriffen. Seine Darsteller aus Frankreich und Spanien sind in ihrer Vielfältigkeit und ihrem unterschiedlichem Temperament passend ausgesucht, allen voran die Bühnen- und Filmgrößen Fabrice Luchini, Sandrine Kiberlain, Carmen Maura sowie Natalia Verbeke. Jede Rolle sitzt, inklusive die der Nebendarsteller. Sprödigkeit steht neben Verletzlichkeit, Ängstlichkeit trifft auf Mut, Bigotterie auf republikanischen Geist und Verkrampfung auf Lebenslust. Man ist durchaus geneigt, dieser klassenübergreifenden Utopie zu glauben und freut sich, daß es auch Börsenmakler mit Herz und Charakter gibt.

Heinz-Jürgen Rippert

Im Paris der sechziger Jahre entdeckt der biedere Familienvater Jean-Louis Joubert, dass sich in der 6. Etage seines Mietshauses eine Gruppe lebensfroher Exil-Spanierinnen niedergelassen hat, die als Dienstmädchen arbeiten. Als eine von ihnen bei ihm anheuert, lernt er eine neue Welt kennen, die er in seinem eigenen Haus niemals vermutet hätte. Die charmante federleichte Komödie ist zwar kein Schwergewicht, macht aber viel Spaß und wartet mit einer großartigen Schauspielerriege – von Fabrice Luchini bis Carmen Maura – auf.

Paris 1960. Monsieur Joubert ist Börsenmakler und hat es in seinem Leben zu etwas gebracht. Das sieht man schon an seiner eleganten Wohnung in dem vornehmen Stadthaus in bester Lage, das er zusammen mit seiner Frau Suzanne bewohnt. Beide sind ein wenig in die Jahre gekommen und leben ein ruhiges, bürgerliches Leben, das man auch langweilig nennen könnte, zumindest seitdem die Kinder im Internat untergebracht sind.

Lebhafter geht es da schon in der 6. Etage zu. Dort ist das weibliche Dienstpersonal untergebracht. Seit kurzem sind es „Gastarbeiterinnen“ aus Spanien: sechs Frauen unterschiedlichen Alters aus Burgos. Als die langjährige Haushälterin der Jouberts Hals über Kopf kündigt, übernimmt Maria, eine dieser Frauen, den Job. Und Monsieur Joubert ist nicht nur von Maria angetan, sondern auch von dem frischen Wind, den sie mit Schürze und Staubwedel bewaffnet in sein ein wenig verstaubtes Heim bringt. Durch sie lernt er mit der Zeit auch die anderen Frauen von der 6. Etage kennen, beginnt sich für ihre Geschichten und Probleme zu interessieren und ist auch nicht abgeneigt den Damen hier da helfend zur Seite zu stehen. Seitdem taucht er immer öfter im sechsten Stock auf, um sich dieser ganz anderen, viel freundlicheren Atmosphäre hinzugeben. Und je mehr er von dieser fremden Welt erfährt, desto schwerer wird es für ihn, zurück in die eheliche Wohnung zu finden. Natürlich weckt er damit das Misstrauen und die Eifersucht seiner Ehefrau – bis Suzanne schließlich den vermeintlichen „Fremdgänger“ vor die Wohnungstür setzt. Ihr Mann ist darüber nicht allzu unglücklich. Denn im sechsten Stock ist noch ein Zimmer frei …

Mit tollen Schauspielern, großer Zärtlichkeit und viel Respekt für seine Figuren erzählt Philippe Le Guay vom Aufeinanderprallen zweier Welten im Paris der sechziger Jahre. Dabei habe er nicht das abgegriffene Bild vom Hausherrn, der sich in die Magd verliebt, bemühen wollen, so Le Guay auf der Pressekonferenz der Berlinale. Vielmehr wollte er eine Hommage an die vielen spanischen Dienstmädchen machen, die eine ganze Generation von französischen Haushalten geprägt haben, schließlich hat eine von ihnen auch ihn selbst aufgezogen. Diesen persönlichen Hintergrund merkt man dem Film an, denn jedes Detail dieser lebensprallen Beschreibung der „Bonnes“ in der 6. Etage und ihrer Herrschaft ist liebevoll und zärtlich inszeniert, und wenn die ganze Geschichte gelegentlich auch gefährlich nahe am Kitsch ist, so gelingt es Le Guay dennoch mit Charme und Einfühlungsvermögen, eine überschwängliche, temperamentvolle und lebenslustige Milieu-Studie in bester französischer Tradition zu schaffen.

Kalle Somnitz

Frankreich 60er Jahre. De Gaulle ist an der Macht. Jean-Louis und Suzanne Joubert gehören in Paris dem Großbürgertum an. Jean-Louis ist Börsenmakler, Madame vertreibt sich die Zeit mit Einkauf, Kaffeeklatsch und Bridge.

Die Jouberts besitzen und bewohnen ein sechsstöckiges Patrizierhaus. Die in der Straße verteilten Hausgehilfinnen kommen zu dieser Zeit aus Spanien. Maria, Conception, Carmen, Dolores, Teresa und Pilar heißen sie. Maria ist bei den Jouberts angestellt, Conception ist ihre Tante. Eine der sechs Frauen wird von ihrem Mann geschlagen, eine andere sympathisiert mit den Kommunisten. Die Hausangestellten führen ein ärmliches Leben, arbeiten den ganzen Tag und verdienen nicht viel.

Die gesellschaftlichen Schichten sind noch streng getrennt. Madame Joubert würde es nicht im Traum einfallen, sich auf die Stufe der Spanierinnen zu stellen und sich mit ihnen abzugeben.

Jean-Louis entdeckt eines Tages mehr oder minder per Zufall, wie die Dienstmädchen wohnen müssen: eine verdreckte Toilette, kleine Zimmer, totale Isolierung. Das bewirkt bei ihm etwas. Er kommt zur Besinnung, fängt an, den Frauen zu helfen. Nicht nur das. Er gesellt sich nach einer Auseinandersetzung mit seiner Frau zu ihnen, feiert mit ihnen, wird nicht nur ihr Helfer, sondern auch ihr Freund.

Madame kann da nur noch das Grauen kommen. Allerdings nicht zu lange.

Natürlich vertritt der Film – wie alle guten Filme – eine Moral. Sie ist offensichtlich, selbstverständlich und gut. Sie läuft diskret nebenher.

Das Augenfälligste an diesem Film ist, wie vollkommen natürlich alles geschildert wird: das Zusammenleben dieser spanischen Frauen, ihre Sorgen, ihre Armut, ihr Heimweh, ihre Fröhlichkeit, ihr Vertrauen zu Joubert und auf der anderen Seite das großbürgerliche Milieu.

Ein ausgezeichnetes Drehbuch und eine ebensolche Regie.

Fabrice Luchini ist ein sehenswerter Jean-Louis Joubert, Sandrine Kiberlain in einer undankbaren aber gut getroffenen Rolle seine Frau. Wenn man bedenkt, dass die Ikone Carmen Maura unter den Spanierinnen spielt, kann man in etwa das darstellerische Niveau dieser Gruppe ermessen. Aus ihr ragt vor allem die äußerst sympathische Natalia Verbeke hervor, die die Maria verkörpert.

Eine entzückende wenn auch natürlich idealisierte Geschichte.

Thomas Engel