Obaba

Der spanische Filmemacher Montxo Armendáriz nahm sich Bernardo Atxagas auch außerhalb Spaniens bekannten Bestseller „Obabakoak“ an, der zweifellos zu den modernen Aushängeschildern baskischer Literatur gezählt werden darf. Die besondere Schwierigkeit lag darin, aus den einzelnen Kurzgeschichten eine in sich geschlossene, zusammenhängende Dramaturgie zu entwickeln und dabei den geheimnisvollen Charakter der Vorlage nicht zu verraten. Beides wusste Armendáriz schlussendlich elegant zu lösen.

Webseite: www.zorrofilm.de

Spanien, Deutschland 2005
Regie: Montxo Armendáriz
Drehbuch: Montxo Armendáriz nach dem Roman „Obabakoak“ von Bernardo Atxaga
Mit Barbara Lennie, Pilar Lopez de Ayala, Héctor Colomé, Ryan Cameron, Peter Lohmeyer, Txema Blasco
Verleih: Zorro Film (Neue Impuls Film)
Kinostart: 21.6.2007

PRESSESTIMMEN:



 

FILMKRITIK:

Wer auch immer sich Bernardo Atxagas mythischer Reise in das kleine, idyllisch gelegene baskische Bergdorf Obaba angenommen hätte, es wäre vermutlich ein Leichtes gewesen, seinen Roman „Obabakoak“ als Abfolge einzelner, von einander losgelöster Kurzgeschichten zu inszenieren. Regisseur Montxo Armendáriz entschied sich für einen anderen, ungleich schwierigeren Ansatz. Er wollte dem Zuschauer nicht das Gefühl geben, er sehe nur ein in ein anderes Medium transferiertes literarisches Potpourri. Aus diesem Grund erschuf er die Figur der Studentin Lourdes (Barbara Lennie), die nach Obaba kommt, um einen Videofilm über den Alltag der dort lebenden Menschen zu drehen. Sie ist Identifikationsfigur und zugleich Ausgangpunkt der Handlung.

Bereits auf dem Weg nach Obaba macht sie eine merkwürdige Bekanntschaft. Sie trifft einen Mann mit Namen Ismael (Héctor Colomé) – wie sich später herausstellt, ist es der Eigentümer des örtlichen Gasthauses – der eine Eidechse in Händen hält, während er die Fremde aufmerksam mustert. In Obaba angekommen muss Lourdes ebenfalls nicht lange suchen, bis sie Menschen mit ihren Geschichten begegnet. Eine handelt von einer einsamen Lehrerin (Pilar Lopez de Ayala), deren ganze Sehnsucht sich in den Briefen an ihren Liebhaber verzehrt. Eine andere dreht sich um den alten Tomas (Txema Blasco) und die skurrile Begründung für dessen Taubheit. Seine Schwester Begona (Inake Irastorza) glaubt, dass Ismael ihrem Bruder während der gemeinsamen Schulzeit eine Eidechse in sein Ohr gesteckt hat. Was Lourdes zunächst für absurd hält, scheint ihr später nicht mehr so abwegig, als sie im Gasthaus ein altes Foto entdeckt.

In den einzelnen Episoden eröffnen sich Lourdes ganz unterschiedliche Schicksale. Gemein ist ihnen ein sanfter, melancholischer Ton. Manche wie die des deutschen Ingenieurs (Peter Lohmeyer) und dessen Sohn Esteban (Ryan Cameron) beschwören die Kraft der Imagination, andere lassen sich wiederum als eine filmische bzw. literarische Verbeugung vor der Einsamkeit interpretieren. Die raue Natur der baskischen Bergwelt wirkt vor diesem Hintergrund wie ein Resonanzkörper, der die Empfindungen der Dorfbewohner verstärkt.

Während die junge Frau immer tiefer in die Vergangenheit des Ortes eintaucht, in das eng verwobene Geflecht aus Geschichten und Mythen, fragt sich auch der Zuschauer, was und wem er glauben kann, was Fiktion ist und was sich tatsächlich so ereignet hat. Dabei ist das Spiel auf der verwaschenen Trennlinie zwischen Realität und Fantasie, zwischen Gegenwart und Vergangenheit eines der zentralen Elemente von Obaba. Passend dazu beginnt Armendáriz’ Film wie man es gemeinhin von einer David Lynch-Fantasie erwarten würde. Düster, bedrohlich, geheimnisvoll. Doch die über die atmosphärische Fotographie von Javier Aguirresarobe (The Others) etablierte Suspense steht nur für eine Facette dieses vielschichtigen, komplexen Werkes. 

Der vielleicht spannendste Aspekt betrifft die von Armendáriz gewählte Form. Über Lourdes’ Perspektive und ihre Videokamera erhält der Zuschauer zunächst einen gefilterten, vorselektierten Einblick in diesen märchenhaften Kosmos. Lourdes’ eigene Wahrnehmung der Dinge schiebt sich zwischen dem, was die Menschen ihr erzählen und dem, was letztlich im Film zu sehen ist. So wird die Technik des Erzählens zu einer alle Geschichten umspannenden Klammer und Obaba zu einer Liebeserklärung an das Kino.

Marcus Wessel

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Die Studentin Lourdes will als Prüfungsaufgabe einen Videofilm drehen. Als Thema hat sie das – sich später als imaginär herausstellende – Dorf Obaba im baskischen Hochland ausgesucht. Im Auto fährt sie dorthin.

Auffallend das Verhalten der Menschen im Dorf. Einer soll einem Schulkameraden eine Eidechse ins Ohr gestopft haben, die am Gehirn des Opfers nagt. In stockenden, hysterischen Worten berichtet eine Frau darüber. Die junge Lehrerin des Ortes soll, weil sie von ihrem eigentlichen Freund langersehnte Nachrichten nicht erhielt, mit einem minderjährigen Schüler in einer Berghütte untergetaucht sein. Ein geistig kranker Mann soll seine Schwester haben ertrinken lassen. Der junge Esteban, Sohn eines Bergwerkingenieurs, schreibt Briefe an ein Mädchen in Hamburg, von dem er nicht einmal genau weiß, ob es existiert. Später legt eine ebenfalls von Geheimnissen umgebene Frau am Grab des Ingenieurs regelmäßig einen Blumenstrauß nieder. 

Zugrunde liegen erfolgreiche Erzählungen des baskischen Autors Bernardo Atxaga („Obabakoak oder Das Gänsespiel“). Regisseur Montxo Armendariz machte daraus mit Hilfe seiner Idee von der Studentin Lourdes und ihrem Video-Projekt einen dramaturgisch einigermaßen zusammenhängenden Film. 

Stilistisch ist das zweifellos eindrucksvoll, diese einheitliche, mysteriöse, entfremdete Atmosphäre des baskischen Bergdorfes, an gleißenden Sonnentagen ebenso wie in regennasser Nacht. Doch an dramaturgischen und gedanklichen Hindernissen fehlt es nicht. Gegenwart und Rückblende, Geheimnis und Realität, Einbildung und Vermutung, Scheinwelt und Tatsachen lösen sich ständig ab. Man hat gerade damit zu tun, die Zusammenhänge zu begreifen.

Das alles aber ist gewollt, „poetisch“ aufgefasst, baskisch eigenwillig, stilistisches Fremd- und Neuland. Doch auch äußerst kompliziert, anstrengend und verwirrend. Ein Experiment. Ein „Festival-Film“. Ein verblüffendes Stück Kino. 

Thomas Engel