On The Road – Unterwegs

Mit seinem Reise-Roman „Unterwegs“ gelang Jack Kerouac Ende der 1950er Jahre ein Welterfolg, der noch heute als Portrait einer ganzen Generation verehrt und mit Begeisterung gelesen wird. Für ihn waren Freiheit und Abenteuer der Gegenentwurf zu einem bürgerlichen, angepassten Leben. Mit beachtlichem Staraufgebot – u.a. Sam Riley, Garrett Hedlund, Viggo Mortensen, Kirsten Dunst und Kristen Stewart – wagte Regisseur Walter Salles („Die Reisen des jungen Che“) nun die Adaption des filmisch nur schwer einzufangenden Romans.

Webseite: www.unterwegs-derfilm.de

BRA/F/USA 2012
Regie: Walter Salles
Drehbuch: Jose Rivera nach dem Roman von Jack Kerouac
Kamera: Éric Gautier
Musik: Gustavo Santaolalla
Darsteller: Sam Riley, Garrett Hedlund, Kristen Stewart, Kirsten Dunst, Tom Sturridge, Viggo Mortensen, Amy Adams, Steve Buscemi
Laufzeit: 137 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 4.10.2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Woher zieht ein Schriftsteller seine Inspiration? Lässt er seiner Fantasie freien Lauf – gelegentlich etwas unterstützt von bewusstseinserweiternden Mitteln – oder schreibt er über das, was er selber erlebt hat, was ihm oder seinen Freunden widerfahren ist? Jack Kerouac, legendärer Mitbegründer der Beat Generation, einer in den 1950er Jahren entstandenen Strömung der Popliteratur, würde diese Frage vermutlich mit einem „sowohl als auch“ beantworten. Kerouacs internationaler Durchbruch, seine Reputation als Schriftsteller, gründet sich auf den bis heute fast schon kultisch verehrten Amerika-Roman „Unterwegs“. Darin erzählt er von seinen abenteuerlichen Reisen, die er zwischen 1948 und 1950 zusammen mit seinem Freund und Studienkollegen Neal Cassady unternahm. Drogen, berauschende Partys und Cassadys wilde Sexeskapaden waren stets Teil dieses rastlosen Trips. Das in „Unterwegs“ allgegenwärtige Lebensgefühl von Freiheit und Abenteuer prägte eine ganze Generation.

Kerouac, der sein Alter Ago Sal Paradise nannte, und Cassady (im Roman: Dean Moriarty) faszinierten auch den brasilianischen Filmemacher Walter Salles. Dieser entschloss sich zu einer Adaption des Kultromans. Keine leichte Aufgabe, bedenkt man Kerouacs eigenwilligen Schreibstil und die oft mäandernden, ziellosen Handelungsstränge und Episoden. Sam Riley – seit „Control“ erfahren im Umgang mit Ikonen der Gegenkultur – übernahm die Rolle des jungen Sal, Garrett Hedlund die von Sals Freund und Begleiter Dean. Die beiden Männer starten von New York aus auf einen langen Trip Richtung Westen. Kalifornien ist das Ziel, das sie über Umwege und nach mehreren Anläufen erreichen wollen. Oft wissen sie nicht, wo sie die Nacht verbringen werden. Mal schlagen sie sich mit Gelegenheitsjobs durch, dann wieder können sie bei Freunden oder alten Bekannten übernachten.

Sie machen Station beim liebenswert kauzigen Old Bull Lee (Viggo Mortensen) in Louisiana – hinter der Figur verbirgt sich „Naked Lunch“-Autor und Drogenpapst William S. Burroughs – oder bei einer von Deans zahlreichen Affären/Frauen/Geliebten. Seine Ex-Frau Marylou (Kristen Stewart) begleitet die Männer zeitweise sogar, was vor allem Deans jetziger Ehefrau Camille (Kirsten Dunst) missfällt. Sal wiederum ist fasziniert von Deans Freiheitsdrang und Draufgängertum. In ihm findet er nicht nur einen Begleiter, sondern auch – so scheint es – einen Seelenverwandten.

Salles hat bereits mit „Die Reisen des jungen Che“ ein besonderes Road Movie mit einer ausgesprochen charismatischen Hauptfigur auf die Leinwand gebracht. Insofern schien er für die filmische Umsetzung von „Unterwegs“ durchaus eine logische Wahl. Die lose narrative Struktur der Vorlage blieb in Salles Filmversion glücklicherweise erhalten. Auch seine Interpretation des Beat-Romans atmet den Geist des Unstetigen, des Ziellosen und in Wahrheit Niemalsankommenwollens. Zugleich fällt jedoch auf, dass die unbändige Energie, das Maßlose und Ekstatische, was vor allem in Deans sexuellen Ausschweifungen und den gemeinsamen Drogenerfahrungen immer wieder aufflackert, sich hier nur in sparsamen Dosierungen wiederfindet. Trotz mancher Freizügigkeit ist „On the road“ am Ende ein sehr beherrschter und berechenbarer Film.

Gäbe es nicht kurze Voice-over-Passagen mit Originalauszügen aus Kerouacs Roman, man wüsste vermutlich nicht, worin abseits eines besonderen Lebensgefühls die Qualitäten dieses prägenden Generationenportraits lagen. Für die spezielle Rhythmik seiner Sprache fand Salles keine adäquate Umsetzung in Bildern. Vieles wie die Louisiana-Episode ist Südstaaten-Romantik oder Road-Movie-Klischee. Immerhin bietet die Entwicklung der Figuren gewisse Reibungspunkte. Insbesondere Dean alias Neal Cassady ist ein faszinierender Charakter. Garrett Hedlund spielt ihn als lebenshungrigen Selbstdarsteller, dessen Schwächen wie durch zarte Risse mit der Zeit immer deutlicher hervortreten. Sam Riley hat im Vergleich dazu die deutlich zurückgenommene Rolle. Sein Sal bleibt meist passiv, ein Beobachter und Chronist. Es ist der Blick eines großen Literaten, den man nach diesem Film nur erahnen kann.

Marcus Wessel